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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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151-152
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151 Gotthold Ephraim Lcssing.

gewiffern Weg zu unsern Herzen: er läßt unsfürchten, der Sohn des Achilles werde ohneseine Prinzessin abziehen müssen. Dieses hießendenn auch die Pariser Kunstrichter, über dieAlten triumphircn, und einer schlug vor, dasEhateaubrunsche Stück „die besiegte Schwie-rigkeit" zu benennen.

:!. Nach der Wirkung des Ganzen betrachteman die einzelnen Scenen, in welchen Philoktelnicht mehr der verlassene Kranke ist: wo erHoffnung hat, nun bald die trostlose Einödezu verlassen und wieder in sein Reich zu ge-langen : wo sich also sein ganzes Unglück aufdie schmerzliche Wunde einschränkt. Er wim-mert, er schreyet, er bekömmt die gräßlichstenZuckungen. Hierwidcr geht eigentlich der Ein-wurf des beleidigten Anstandes. Es ist einEngländer, welcher diesen Einwurf macht; einMann also, bey welchem man nicht leicht einefalsche Delicakcfse argwohnen darf. Wie schonberührt, so giebt er ihm auch einen sehr gutenGrund. Alle Empfindungen und Leidenschaften,sagt er, mit welchen andere nur sehr wenigsympathisiern können, werden anstößig, wennman sie zu heftig ausdrückt.') „Aus diesem Grundeist nichts unanständiger, und einem Manne un-würdiger, als wenn er den Schmerz, auch denallerheftigsten, nicht mir Geduld ertragen kann,sondern weinet und schreyet. Zwar giebt eseine Sympathie mit dem körperlichen Schmerze-Wenn wir sehen, daß jemand einen Schlag aufden Arm oder das Schienbein bekommen soll,so fahren wir natürlicher Weise zusammen, undziehen unsern eigenen Arm oder Schienbeinzurück: und wenn der Schlag wirklich geschieht,so empfinden wir ihn gcwissermaffen eben so wohl,als der, den er getroffen. Gleichwohl aber ist esgewiß, daß das Uebel, welches wir fühlen, garnicht beträchtlich ist; wenn der Geschlagenedaher ein deftiges Geschrey erregt, so erman-geln wir nicht, ihn zu verachten, weil wir inder Verfassung nicht sind, eben so heftig schreyenzu können, als er." — Nichts ist betrüglicher,als allgemeine Gesetze für unsere Empfindungen.Ihr Gewebe ist so fein und verwickelt, daß esauch der behutsamsten Spekulation kaum mög-lich ist, einen einzelnen Faden rein aufzufassen,und durch alle Kreuzfädcn zu verfolgen. Ge-lingt es ihr aber auch schon, was für Nutzenhat es? Es giebt in der Natur keine einzelnereine Empfindung; mit einer jeden entstehentausend andere zugleich, deren geringste dieGrundempsindung gänzlich verändert, so daßAusnahmen über Ausnahmen erwachsen, diedas vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbstauf eine bloße Erfahrung in wenig einzelnenFällen einschränken. — Wir verachte» denjenigen,sagt der Engländer, den wir unter körperlichenSchmerzen heftig schreyen hören. Aber nichtimmer.- nicht zum erstenmale; nicht, wenn wirsehen, daß der Leidende alles mögliche anwendet,seinen Schmerz zu verbeißen; nicht, wenn wirihn sonst als einen Mann von Standhaftigkeitkennen: noch weniger, wenn wir ihn selbst un-ter den Leiden Proben von seiner Standhaftigkeitablegen sehen, wenn wir sehen, daß ihn der

Schmerz zwar zum Schreyen, aber auch zuWeiler Nichts zwingen kann, daß er sich lieberder länger» Fortdauer dieses Schmerzes unter-wirft, als das geringste in seiner Denkungsart,5 in seinen Entschlüssen ändert, ob er schon indieser Veränderung die gänzliche Endschaft sei-nes Schmerzes hoffen darf. Das alles findetsich bey dem Philoktet. Die moralische Größebestand bey den alten Griechen in einer eben1V so unveränderlichen Liebe gegen seine Freunde,als unwandelbarem Haffe gegen seine Feinde.Diese-Größe behält Philoktet bey allen seinenMartern. Sein Schmerz hat seine Auge» nichtso vertrockenet, daß sie ihm keine Thränen15 über das Schicksal seiner alten Freunde ge-währen könnten. Sein Schmerz hat ihn somürbe nicht gemacht, daß er, um ihn los zuwerden, seinen Feinden vergeben, und sich gernzu allen ihren eigennützigen Absichten brauchen2t) lassen möchte. Und diesen Felsen von einemManne härten die Athenienser verachten sollen,weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern kön-nen, ihn wenigstens ertönen machen? - Ichbekenne, daß ich an der Philosophie des Cicero25 überhaupt wenig Geschmack finde; am aller-wenigsten aber an der, die er in dem zweytenBuche seiner Tusculanischen Fragen über dieErduldung des körperlichen Schmerzes auskra-met. Man sollte glauben, er wolle einen30 Gladiator abrichten, so sehr eifert er wider denäußerlichen Ausdruck des Schmerzes. In die-sem scheinet er allein die Ungeduld zu finden,ohne zu überlegen, daß er oft nichts wenigerals freywillig ist, die wahre Tapferkeit aber sich35 nur in freywilligen Handlungen zeigen kann.Er hört bey dem Sophokles den Philoktetnur klagen und schreyen, und übersieht seinübriges standhaftes Betragen gänzlich. Wo hätteer auch sonst die Gelegenheit zu seinem rheto-40 rischen Ausfalle wider die Dichter hergenommen?„Sie sollen uns weichlich machen, weil sie dietapfersten Männer klagend einführen." Siemüssen sie klagen lassen; denn ein Theater istkeine Arena. Dem verdammten oder seilen45 Fechter kam es zu, alles mit Anstand zu thunund zu leiden. Von ihm mußte kein kläglicherLaut gehöret, keine schmerzliche Zuckung erblicktwerden. Denn da seine Wunden, sein Tod,die Zuschauer ergötzen sollten: so mußte die50 Kunst alles Gefühl verbergen lehren. Die ge-ringste Aeußerung desselben hätte Mitleiden er-weckt, und öfters erregtes Mitleiden würdediesen frostig grausamen Schauspielen bald einEnde gemacht haben. Was aber hier nicht

55 erregt werden sollte, ist die einzige Absicht dertragischen Bühne, und fordert daher ein geradeentgegengesetztes Betragen. Ihre Helden müssenGefühl zeigen, müssen ihre Schmerzen äußern,und die bloße Natur in sich wirken lassen. Ver-00 rathen sie Abrichtung und Zwang, so lassen sieunser Herz kalt, und Klopffechter im Cothurnekönnen höchstens nur bewundert werden. DieseBenennung verdienen alle Personen der soge-nannten Senecaschen Tragödien, und ich bin05 der festen Meinung, daß die GladiatorischcnSpiele die vornehmste Ursache gewesen, warum

0 Adam Smith, in seiner Theorie der moralischen Cinpsuidungen, 2. Absch». I. Kap.