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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
153-154
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Gotthold Ephraim Lessing.

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die Römer in dem Tragischen noch so weit unter auch scheinet, damit seinen künftigen Reise-dem Mittelmäßigen geblieben sind. Die Zu- geführten das Versprechen, ihn mit sich zu neh-schauer lernten in dem blutigen Amphitheater men, nicht zu bald gereue: Philoktet, der ganzalle Natur verkennen , wo allenfalls ein Kte- Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu seinersias seine Kunst studiren konnte, aber nimmer- 5 Natur wieder zurück. Diese Umkehr ist ver-mehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, trefflich, und um so viel rührender, da sie von

an diese künstliche Todesscenen gewöhnet, mußte der bloßen Menschlichkeit bewirket wird. Bey

auf Bombast und Rodomontaden verfallen. Aber dem Franzosen haben wiederum die schönenso wenig als solche Rodomontaden wahren Hel- Augen ihren Theil daran. Doch ich will an

denmuth einflößen können, eben so wenig können 10 diese Parodie nicht mehr denken. — Des nähm-

Philoktetische Klagen weichlich machen. Die lichen Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welchesKlagen sind eines Menschen, aber die Hand- das Geschrey über körperliche Schmerzen Her-lungen eines Helden. Beyde machen den mensch- vorbringen sollte, in den Umstehenden einen än-lichen Helden, der weder weichlich noch verhärtet dern Affect zu verbinden, hat sich Sophoklesist, sondern bald dieses, bald jenes scheinet, so 15 auch in den Trachinerinnen bedient. Derwie ihn itzt Natur, itzt Grundsätze und Pflicht Schmerz des Herkules ist kein ermattenderverlangen. Er ist das Höchste, was die Weis- Schmerz; er treibt ihn bis. zur Raserey, inheit hervorbringen und die Kunst nachahmen der er nach nichts als nach Rache schnaubet,kann. Schon hatte er in dieser Wuth den Lichas er-

4. Nicht genug, daß Sophokles seinen 20 griffen, und an dem Felsen zerschmettert. Derempfindlichen Philoktet vor der Verachtung ge- Ehor ist weiblich; um so viel natürlicher mußsichert hat; er hat auch allem andern weislich sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern.vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung Dieses, und die Erwartung, ob noch ein Gottdes Engländers wider ihn erinnern könnte. Denn dem Herkules zu Hülfe eilen, oder Herkulesverachten wir schon denjenigen nicht immer, der 25 unter diesem Uebel erliegen werde, machr hierbey körperlichen Schmerzen schreyet, so ist doch das eigentliche allgemeine Interesse, welches vondieses unwidersprechlich, daß wir nicht so viel dem Mitleiden nur eine geringe SchaltirungMitleiden für ihn empfinden, als dieses Geschrey erhält. Sobald der Ausgang durch die Zu-zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also die- sammenhaltung der Orakel entschieden ist, wirdjenigen verhalten, die mir dem schreyenden Phi- 30 Herkules ruhig, und die Bewunderung überloktet zu thun haben? Sollen sie sich in einem seinen letzten Entschluß tritt an die Stelle allerhohen Grade gerührt stellen? Es ist wider andern Empfindungen. Ucberhaupt aber mußdie Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen man bey der Vergleichung des leidenden Her-bezeigen, als man wirklich bey dergleichen Fällen kules mit dem leidenden Philoktet nicht ver-zu seyn pflegt? Das würde die widrigste 35 gessen, daß jener ein Halbgott, und dieser nurDissonanz für den Zuschauer hervorbringen. ein Mensch ist. Der Mensch schämt sich seinerAber, wie gesagt, auch diesem hat Sophokles Klagen nie; aber der Halbgott schämt sich,vorgebauet. Dadurch nämlich, daß die Neben- daß sein 'sterblicher Theil über den unsterblichenPersonen ihr eigenes Interesse haben; daß der so viel vermocht habe, daß er wie ein MädchenEindruck, welchen das Schreyen des Philoktet 40 weinen und winseln müssen.'"'') Wir Neuerenauf sie macht, nicht das einzige ist, was sie be- glauben keine Halbgötter, aber der geringsteschäftigek, und der Zuschauer daher nicht sowohl Held soll bey uns wie ein Halbgott empfindenauf die Disproportion ihres Mitleids mit diesem und handeln.

Geschrey, als vielmehr auf die Veränderung Ob der Schauspieler das Geschrey und

Acht giebt, die in ihren eigenen Gesinnungen 45 die Verzückungen des Schmerzes bis zur Jl-und Anschlägen durch das Mitleid, es sey so lusion bringen könne, will ich weder zu ver-schwach oder so stark es will, entstehet, oder »einen noch zu besäen wagen. Wenn ichentstehen sollte. Neoptolem und der Chor ha- fände, daß es unsere Schauspieler nicht könn-ten den unglücklichen Philoktet hintergangen; ten, so müßte ich erst wissen, ob es auch einsie erkennen, in welche Verzweiflung ihn ihr 50 Garrick nicht vermögend wäre: und wennBetrug stürzen werde; nun bekömmt er seinen es auch diesem nicht gelänge, so würde ichschrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann die- mir noch immer die Skävopöie und Deklama-str Zufall keine merkliche sympathetische Em- tion der Alten in einer Vollkommenheit denkenpsindung in ihnen erregen, so kann er sie doch dürsten, von der wir heut zu Tage gar keinenantreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend 55 Begriff haben.

Achtung zu haben, und es durch Verrätherey V. Es giebt Kenner des Alterthums, welche

nicht häufen zu , wollen. Dieses erwartet der die Gruppe Laokoon zwar für ein Werk grie-Zuschaucr, und seine Erwartung findet sich von chischer Meister, aber aus der Zeit der Kayserdem edelmüthigcn Neoptolem nicht getäuscht. halten, weil sie glauben, daß der VirgilischePhiloktet, seiner Schmerzen Meister, würde den 60 Laokoon dabey zum Vorbilde gcdienet habe.Neoptolem bey seiner Verstellung erhalten ha- Ich will von den älteren Gelehrten die dieserden. Philoktet, den sein Schmerz aller Verfiel- Meinung gewesen sind, nur den Bartholo-lung unfähig macht, so höchst nöthig sie ihm mäus Marliani, und von den neuern

"l Act II. Sccnc z. „Was würde Sophie von meiner Verkleidung denkensagt der Sohn des Achilles.

Trach. V. IM«. 89, — — „der, dem Mädchen gleich,

'Aufschluchzt in Thränen." - —

vrbm lionn»- !!>,. IV. cap. >1. -Und obgleich diese kdie Rhodicr Agesandcr, Polhdorusund Atbcnodorus) diese Statue nach VirgilS Beschreibung gearbeitet zu haben scheinen, u. s. w.