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Gottlwld Ephraim Messing.
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scheinlichkeit zur historischen Gewißheit mangelt.Aber da ich auch nichts Historisches weiter dar-aus schließen will, so glaube ich wenigstens, daßman sie als eine Hypvlhesis kann gelten lasten,nach welcher der Criticus seine Betrachtungenanstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen,daß die Bildbauer dem Virgil nachgearbeitethaben; ich will es bloß annehmen, um zu sehen,wie sie ihm sodann nachgearbeitet hätten. Ueberdas Geschrey habe ich mich schon erklärt. Viel-leicht, daß mich die weitere Vergleichung ausnicht weniger unterrichtende Bemerkungen leitet.
Der Einfall, den Vater mit seinen beidenSöhnen durch die mördrischen Schlangen ineinen Knoten zu schürzen, ist ohnstreitig einsehr glücklicher Einfall, der von einer ungemeinmalerischen Phantasie zeiget. Wem gehört er?dem Dichter, oder den Künstlern? Monlfau-con will ihn bey dem Dichter nicht finden").Aber ich meine, Montsaucon halben Dichternicht aufmerksam genug gelesen.
— — — „Doch sicheres Auges
Gehn sie Laokoon an; und zuerst zween kindli-lichen Söhnlein
Dreht um den Leib ringsher sich das Paar an-nagelnder Schlangen,
Schnüret sie ein, und, o Jammer! zernagt mitdem Bisse die Glieder.
Drauf ihn selbst, der ein Helfer sich naht, undGeschosse daherträgt,
Fassen sie schnell und knüpfen die gräßlichenWindungen?' —
Der Dichter hat die Schlangen von einerwunderbaren Länge geschildert. Sie haben die
Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zuHülfe kömmt, ergreiffen sie ihn auch. Nachihrer Größe konnten sie sich nicht auf einmalvon den Knaben loswinden; es mußte also einen5 Augenblick geben, da sie den Vater mit ihrenKöpfen und Vordertheilen schon angefallen hat-ten, und mit ihren Hintertheilen die Knabennoch verschlungen hielten. Dieser Augenblick istin der Forlschreitung des poetischen GemäldesIN nothwendig: der Dichter lässt ihn sattsam em-pfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itztdie Zeit nicht. Daß ihn die alten Ausleger auchwirklich empfunden haben, scheinet eine Stelledes Donat us") zu bezeugen. Wie viel we-is niger wird er den Künstlern entwischt sein, inderen verständiges Auge, alles was ihnen vor-theilhaft werden kann, so schnell und deutlicheinleuchtet?
In den Windungen selbst, mit welchen der20 Dichter die Schlangen um den Laokoon führet,vermeidet er sehr sorgfältig die Arme, um denHänden alle ihre Wirksamkeit zu lassen.
„Hener rings mit den Händen hinweg die Um-25 knotungen drängend."
Hierin mußten ihm die Künstler nothwendig sal-zen. Nichts giebt mehr Ausdruck und Leben,als die Bewegung der Hände; im Affekte be-sonders ist das sprechendste Gesicht ohne sie un-30 bedeutend. Aerine, durch die Ringe der Schlan-gen fest an den Körper geschloffen, würden Frostund Tod über die ganze Gruppe verbreitet ha-ben. Also sehen wir sie, an der Hauptfigursowohl, als an den Nebenfiguren, in völliger
nichts als ihr Unvermögen und ihren Januner erkennet. Pctron malet dieses Nebenwcrk aus, und macht aus denKnaben ein Paar hcldenniüthige Seelene
— — — — Doch keiner suchet Hülfe sich,
Nur auf den Bruder wendet sich der fromme Wunsch,
Und jeder stirbt aus Furcht für seinen Bruder nur."
Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese SelbstvcrlLugnung? Wie viel besser kannte der Grieche die Natur. (OuintuS Calaber XII. V. 4ös—61.), welcher bey Erscheinung der schrecklichen Schlangen sogar die Mütter ihrerKinder vergessen läßt, so sehr war jedes nur auf seine eigene Erhaltung bedacht i
— — — — Aber die Weiber
Jammerten, und wenn ein« von ihren Kindern umschlungenWurde, entfloh sie selbst dem schreckliche» Schicksal." — —.
Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, daß er den Gegenständen eine andere Beleuchtung giebt,die Schatten des Originals heraus, und die Lichter zurücktreibt. Lirgil giebt sich Mühe, die Größe der Schlangenrecht sichtbar zu machen, weil von dieser Größe die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhängt; das Ge-räusche, welches sie verursache», ist nur eine Nebenidee, und bestimmt, den Begriff der Grüne auch dadurch lebhafterzu machen. Pctron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das Geräusch mit aller möglichenUeppigkeit, une vergißt die Schilderung der Größe so sehr, daß wir sie nur fast aus dem Geräusche schließen müssen.ES ist schwerlich zu glaube», daß er in diese Unschicklichkeit verfallen wäre, wen» er bloß aus seiner Einbildunggeschildert, und kein Muster vor sich gehabt hätte, dem er nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben nichtverrathe» wollen. So kann man zuverlässig jedes poetische Gemälde, das in kleinen Zügen überladen, und in dengroßen fehlerhaft ist, für eine verunglückte Nachahmung halte», es mag sonst so viele kleine Schönheiten haben. alsc» will, und daS Original mag sich lassen angeben können oder nicht.
"i 8uppl au» gut. oxpl. I. p. 2<t. „ES ist einiger Unterschied zwischen dem, was Birgil sagt, und was derMarmor darstellt. ES scheint, nach dem, was der Dichter sagt, daß die Schlangen die zwey Kinder verliessen,um den Vater zu umschlingen, während sie in dieser Gruppe zu gleicher Zeit die Kinder uns deren Vater umzingeln."
"') DonatuS zum V. 22? des 2. B. der Acneidc: „ Es ist nicht zu verwundern, »aß sie <die Schlangen) von demSchild und den Füssen des BildS haben gedeckt werden können, welche er (der Dichter) weiter oben groß und mächtiggenannt hat, und daß sie doch in vielfacher Umschlingnng den Leib LaokoonS und seiner Kinder umgeben habe», unddaß »och ein Theil übrig gewesen seh. ^ Mich dünket übrigens, daß,in dieser Steile aus den Worten „Es ist »ich rzu verwundern" entweder das nicht wegfallen muß, oder am Ende der ganze Nachsah mangelt. Den» da dieSchlangen so außerordentlich groß waren, so ist es allerdings zu verwundern, daß sie sich unter dem Schilde derGöttinn verbergen können, wenn dieser Schild nicht selbst sehr groß war, und zu einer kolvssalischen Figur gehörteUnd die Versicherung hievon mußte der mangelnde Nachsah sehn; oder daS nicht hat keinen Sinn.