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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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161-162
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Gvttiwld Ephraim Messing.

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Thätigkeit, und da am meisten beschäftiget, wo Übergängen haben. Sie erhebet die Weisheitgegenwärtig der heftigste Schmerz ist. der Künstler eben so sehr, als die andre, auf

Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit die sie alle fallen, die sie aber nicht sowohl an-

der Arme, fanden die Künstler zuträglich, in zupreiscn wagen, als vielmehr nur zu entschul-Anschung der Verstrickung der Schlangen, von 5 digen suchen. Ich meine die Verschiedenheit indem Dichter zu entlehnen. Virgil läßt die der Bekleidung Virgil's Laokoon ist in sei-Schlangen höppelt um den Leib, und doppelt nem priesterlichen Ornate, und in der Gruppe

um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch erscheinet er mit seinen beiden Söhnen völlig

mit ihren Köpfen über ihn Heraueragen. nackend. Man sagt, es gebe Leute, welche eine

„Zweimal mitten umher, zweimal um den Hals 10 große Ungereimtheit darin fänden, daß ein Kö-

die beschuppten nigssohn, ein Priester, bey einem Opfer nackend

Rücken geschmiegt, stehn hoch sie mit Haupt und vorgestellet werde, und diesen Leuten antworten

Nacken gerichtet." Kenner der Kunst in allem Ernste, daß es aller-

Dicses Bild füllet unsere Einbildungskraft dings ein Fehler wider das liebliche sey, daß abervortrefflich; die edelsten Theile sind bis zum Er- 15 die Künstler dazu gezwungen worden, weil siesticken gepreßt, und das Gift gehet gerade nach ihren Figuren keine anständige Kleidung gebendem Gesichte. Demohngeachtet war es kein können. Die Bildhauerey, sagen sie, könne keineBild für Künstler, welche die Wirkungen deS Stoffe nachahmen; dicke Falten machten eineGiftes und des Schmerzes in dem Körper zei- üble Wirkung; aus zwei Unbequemlichkeiten habegen wollten. Denn um diese bemerken zu kön- 20 man also die geringste wählen, und lieber gegen

nen, mußten die Haupttheile so frei seyn als die Wahrheit selbst verstoßen, als in den Gc-

möglich, und durchaus mußte kein äußerer Druck wändern tadelhaft werden müssen. Wenn dieauf sie wirken, welcher das Spiel der leidenden alten Artisten bey dem Einwürfe lachen würden,Nerven und arbeitenden Muskeln verändern und so weis ich nicht, was sie zu der Beantwortungschwächen könnte. Die doppelten Windungen 25 sagen dürften. Man kann die Kunst.nicht tieferder Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt herabsetzen, als es dadurch geschiehet. Denn ge-haben, und jene schmerzliche Einziehung des setzt, die Sculplur könnte die verschiednen

Unterleibes, welche so sehr ausdrückend ist, würde Stoffe eben so gut nachahmen, als die Malerey:

unsichtbar geblieben seyn. Was man über, oder würde sodann Laokoon nothwendig bekleidet seynunter, oder zwischen den Windungen von dem 30 müssen? Würden wir unter dieser BekleidungLeibe noch erblicket hätte würde unter Pressun- nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werkgen und Aufschwellungen erschienen seyn, die sklavischer Hände, eben so viel Schönheit, alsnicht von dem innern Schmerze, sondern von das Werk der ewigen Weisheit, ein organisirterder äußern Last gewirket worden. Der eben so Körper? Erfordert es einerley Fähigkeiten, istoft umschlungene Hals würde die pyramidalische 35 es einerley Verdienst, bringt es einerley Ehre,Zuspitzung der Gruppe, welche dem Auge so jenes oder diesen nachzuahmen? Wollen unsereangenehm ist, gänzlich verdorben haben; und die Augen nur getäuscht seyn, und ist es ihnen gleichaus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze viel, womit sie getäuscht werden?Schlangenköpfe hätten einen so plötzlichen Ab- Bey dem Dichter ist ein Gewand kein Ge-

fall von Mensur gemacht, daß die Form des 40 wand; es verdeckt nichts; unsere EinbildungskraftGanzen äusserst anstößig geworden wäre. Es siehet überall hindurch. Laokoon habe es beygiebt Zeichner, welche unverständig genug ge- dem Virgil, oder habe es nicht: sein Leidenwesen sind, sich demohngeachtet an den Dichter ist ihr an >cdem Theile seines Körpers einmalzu binden. Was denn aber auch daraus ge- so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist mirworden, lässt sich unter andern aus einem Blatte 45 der priesterlichen Binde für sie umbunden, aberdes Franz Cleyn*) mit Abscheu erkennen. nicht umhüllet. Ja sie hindert nicht allein nicht.Die alten Bildhauer übersahen es mit einem diese Binde; sie verstärkt auch noch den Begriff,Blicke, daß ihre Kunst hier eine gänzliche Ab- den wir uns von dem Unglücke des Leidendenänderung erfordere. Sie verlegten alle Win- machen.

düngen von dem Leibe und Halse, um die Schen- 50 „Ganz von Eiter die Bind' und schwärzlichemkel und Füße. Hier konnten diese Windungen, Gifte besudelt."

dem Ausdrucke unbeschadet, so viel decken und Nichts hilft ihm seine priesterliche Würde; selbstpressen, als nöthig war. Hier erregten sie zu- dAs Zeichen derselben, das ihm überall Ansehngleich die Idee der aehemmten Flucht und einer und Verehrung verschafft, wird von dem qif-Art von Unbcweglichkeit, die der künstlichen Fort- 55 tigen Geifer durchnetzt und entheiliget,dauer des nehmlichen Zustandes sehr Vortheil- diesen Nebenbegriff mußte der Artist

haft ist. wenn das Hauptwerk nicht leiden

Ich weis nicht, wie es gekommen, daß dw sollte- Hatte er dem Laokoon auch nur dieseKunstrichter diese Verschiedenheit, welche sich in Binde gelassen, so würde er den Ausdruck umden Windungen der Schlangen zwischen dem 60 ein großes geschwächt haben. Die Stirne wäreKunstwerke und der Beschreibung des Dichters zum Theil verdeckt worden, und die Stirne istso deutlich zeiget, gänzlich mit Stillschweigen der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bey

*) I» der prächtige,, Ausgabe von Drhden's englischem Virgil (London IW7, j„ groß Folio), l!„o doch batauch dieser die Windungen der Schlängen »m den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht geführtWenn ein so mittelmäßiger Künstler ander« eine Entschuldigung verdient, so könnte ihm nur die zu Statte»komme», daß Kupfer zu einem Buche als bloße Erläuterungen, »ich, Kunstwerke z»

betrachten sind.

Kurz. pros. Li».

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