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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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163-164
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Gottlwld Ephraim Messing.

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dem Schreyen den Ausdruck der Schönheit auf-opferte, so opferte er hier das Ueblichc dem Aus-drucke auf. Ueberhaupt war das Ueblichc beyden Alten eine sehr geringschätzige Sache. Siefühlten, daß die höchste Bestimmung ihrer Kunst 5sie auf die völlige Entbehrung desselben führte.Schönheit ist diese höchste Bestimmung: Notherfand die Kleider, und was hat die Kunst mitder Noth zu thun? Ich gebe es zu, daß esauch eine Schönheit der Bekleidung giebt; aber 18was ist sie gegen die Schönheit der menschlichenForm? Und wird der, der das Größere erreichenkann, sich mit dem Kleinern begnügen? Ichfürchte sehr, der vollkommenste Meister in Ge-wändern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, 15woran es ihm fehlt.

VI. Meine Voraussetzung, daß die Künstlerdem Dichter nachgeahmet haben, gereicht ihnennicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinetvielmehr durch diese Nachahmung in dem schön- 2»ste» Lichte. Sie folgen dem Dichter, ohne sichin der geringsten Kleinigkeit von ihm verführenzu lassen. Sie hatten ein Vorbild; aber da siedieses Vorbild aus einer Kunst in die anderehinüber tragen mußten, so fanden sie genug Ge- 25legenheik, selbst zu denken. Und diese ihreeigene Gedanken, welche sich in den Abweichun-gen von ihrem Vorbilde zeigen, beweisen, daß siein ihrer Kunst eben so groß gewesen sind, alser in der seinigen. 50

Nun will ich die Voraussetzung umkehren:der Dichter soll den Künstlern nachgeahmet ha-ben. Es giebt Gelehrte, die diese Voraussetzungals eine Wahrheit behaupten. Daß sie historischeGründe dazu haben könnten, wüßte ich nicht. 55Aber, da sie das Kunstwerk so überschwenglichschön fanden, so konnten sie sich nicht bereden,daß es aus so später Zeit seyy sollte. Es mußteaus der Zeit seyn, da die Kunst in ihrer voll-kommensten Blüthe war, weil es daraus zu seyn 48verdiente.

Es hat sich gezeigt, daß, so vortrefflich dasGemälde des Lirgils ist, die Künstler dennochverschiedene Züge desselben nicht brauchen können.

Der Satz leider also seine Einschränkung, daß 45eine gute poetische Schilderung auch ein gutes

wirkliches Gemälde geben müsse, und daß derDichter nur in so weit gut geschildert habe, alsihm der Artist in allen Zügen folgen könne. Manist geneigt, diese Einschränkung zu vermuthen,noch ehe man sie durch Beispiele erhärtet sieht;bloß aus Erwägung der wettern Sphäre derPoesie, aus dem unendlichen Felde unserer Ein-bildungskraft, aus der Griffigkeit ihrer Bilder,die in größter Menge und Mannigfaltigkeit ne-ben einander stehen können, ohne daß eins dasandere deckt oder schändet, wie es wohl dieDinge selbst, oder die natürlichen Zeichen der-selben, in den engen Schränken des Raums oderder Zeit thun würden.

Wenn aber das Kleinere das Größere nichtfassen kann, so kann das Kleinere in dem Grö-ßer» enthalten seyn. Ich will sagen: wennnicht jeder Zug, den dermalende Dichter braucht,eben die gute Wirkung auf der Fläche oder indem Marmor haben kann: so möchte vielleichtjeder Zug, dessen sich der Artist bedienet, in demWerke des Dichters von eben so guter Wirkungseyn können. Ohnstreilig; denn was wir ineinem Kunstwerke schön finden, das findet nichtunser Auge, sondern unsere Einbildungskraft,durch das Auge, schön. Das nämliche Bild magalso in unserer Einbildungskraft durch willkühr-liche oder natürliche Zeichen wieder erregt wer-den, so muß auch jederzeit dos nehmliche Wohl-gefallen, obschon nicht in dem nehmlichen Grade,wieder entstehen.

Dieses aber eingestanden, muß ich bekennen,daß mir dir Voraussetzung, Virgil habe dieKünstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird,als mir das Widerspiel derselben geworden ist.Wenn die Künstler dem Dichter gefolgt sind,so kann ich mir von allen ihren AbweichungenRede und Antwort geben. Sie mußten abwei-chen, weil die nehmlichen Züge des Dichters inihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht habenwürden, die sich bei ihm nicht äußern. Aberwarum mußte der Dichter abweichen? Wann erder Gruppe in allen und jeden Stücken treulichnachgegangen wäre, würde er uns nicht immernoch ein vortreffliches Gemälde geliefert haben')?Ich begreife wohl, wie seine vor sich selbst ar-

*) Ich kann mich deßfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als auf da» Gedicht des Sadotet. Es ist einesalten Dichters würdig und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertrete» kann, so glaube ich, e« Pier ganzeinrücken zu dürfen

Ueber die Statue des 4'aokoo», Gedicht von Jakob Sabolet.

Sieh' aus gewaltigem Schutt, aus der mächt'gcn Ruine Gewölbe»

Hat der zögernde Tag herauf nun wieder gebracht uns.

Jenen Laokoon, welcher in RomaS fürstlichen HallenEinst gestanden, und deine Penakcn, o Titus, geschmückt hat.

5 Bildwerk göttlicher Kunst! lcS hat selbst die herrliche BorzeitEdlereS nie gesell'») der Nacht entstiegen besuchst duWieder die stolze» Mauer» der neugeborenen Ronia.

Was erheb' ich hier mehr? was zuerst? den gepeinigten Bater?

Oder das Söhnepaar, und die Schlaugcnverstrickunq? ein Anblick18 Schaudererregend ? die Wutb der giftdurchschwollencn Drache» t

Oder den wahren Schmerz und die Wunde» am sterbenden Marmor ?

Seele, du schauderst zurück voll Graun, und voni stummen GebildeAbgewendet, ergreift gleich stark dich Schrecken und Mitleid.

Gierig rollen daher zwey Schlangen zu», mächtigen Kreis sich.

15 Ziehen herltin rastlos, stets engere Ringe verknüpfend,

Bis ste endlich die Drei mit unendlichen Schlingen umstricken.