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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Gottssold Ephraim Messing.

bettende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zugbringen können; aber die Ursachen, warum seineBeurtheilungskraft schöne Züge, die er vor Au-gen gehabt, in diese andere Züge verwandelnzu müssen glaubte, diese wollen mir nirgends 5einleuchten.

Mich dünket sogar, wenn Virgil die Gruppezu seinem Vorbilde gehabt hätte, daß er sichschwerlich würde haben mäßigen können, die Ver-strickung aller drey Körper in einen Knoten gleich- 10sam nur errathen zu lassen. Sie würde seinAuge zu lebhaft gerührt haben, er würde einezu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben,als daß sie nicht auch in seiner Beschreibungmehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt: es war 15itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszuma-len. Nein; aber ein einziges Wort mehr, würdeihr in dem Schatten, worin sie der Dichterlassen mußte, einen sehr entscheidenden Druckvielleicht gegeben haben. Was der Artist ohne 20dieses Wort entdecken konnte, würde der Dichter,wenn er es bei dem Artisten gesehen hätte, nichtohne dasselbe gelassen haben.

Der Artist hatte die dringendsten Ursachen,

das Leiden des Laokoon nicht in Geschrev aus-brechen zu lassen. Wenn aber der Dichter dieso rührende Verbindung von Schmerz und Schön-heit in dem Kunstwerke vor sich gehabt hätte:was hätte ihn eben so unvermeidlich nöthigenkönnen, die Idee von männlichem Anstande undgroßmüthiger Geduld, welche aus dieser Ver-bindung des Schmerzes und der Schönheit ent-springt, so völlig unangedeutet zu lassen, unduns auf einmal mit dem gräßlichen Geschreyseines Laokoon zu schrecken? Richards»» sagt:Virgil's Laokoon muß schreyen, weil der Dich-ter nicht sowohl Mitleid für ihn, als Schreckenund Entsetzen bei den Trojanern erregen will.Ich will es zugeben, obgleich Richar dson nichterwogen zu haben scheinet, daß der Dichter dieBeschreibung nicht in seiner eigene» Personmacht, sondern sie den Aeneas machen lässt, undgegen die Dido machen lässt, deren MitleidAeneas nicht genug bestürmen konnte. Alleinmich befremdet nicht das Geschrey, sondern derMangel aller Gradation bis zu diesem Geschrey,auf welche das Kunstwerk den Dichter natür-licher Weise hätte bringen müssen, wenn er es,

Kaum vermag's zu ertragen der Blick, und das gräßliche SchicksalAnzuschaun, und den schrecklichen Tod! »die Eine erbebt sich.

Schnellt auf Laokoon sich, umschlingt ihn von oben und unten,

Schlägt mit zerfleischendem Biß in die Weiche den giftigen Zahn >hmSieh, wie der Leib vor den Ringen sich sträubt, wie die Glieder sich winde».Sieh, wie die Seite zurück sich krümmt, von der Wunde getroffen.

Er, vom bitteren Schmerz gequält und der herben ZerfleischnngHebt ein mächtig Geschrei, und sich mühend, die blutigen ZähneWegzureißen, ergreift mit der linken Hand er des Drache»

Rücken; es spannen die Muskeln steh an; im gewaltigen DruckeBietet er, ach umsonst! des Körpers gcsannnltc Kraft auf.

Schon erliegt er der Wuth; zum Seufzer erstirbt ihm der Angstruf.

Aber es schlüpfet der Wurm, in häufiger Schlingung sich kehrend,

Schnell hindurch, ihm die Knie mit gewundenen Knoten umstrickend;

Da entschwinde» die Waden, es schwillt von der Schnürung das Bein auf.So auch schwellen empor vom gehemmcten Pulse die Arernlind die bläulichen Denen erfüllen mit schwarze:» Geblüt sich.

So auch wüthet die wilde Gewalt jetzt gegen die Söhne,

Würgt sie mir schneller Dcrschlingung, zerfleischt die umwundenen GliederSchon hat die blutige Brust des Einen die Schlange zerrissen.

Der, mit ersterbendem Mund von, Erzeuger sich Hülfe erflehend,

Nur vom umschlingenden Kreis und der mächtigen Windung gestützt wird.Während der Zweit', den, keinerlei Biß noch die Glieder verletzt hat,

Mit gehobenem Fuß den Wurm zu entfernen sich anschickt,

Sieht er den Vater; vor Schänder erstarrt ihm jede Bewegunglind so hält die gedoppelte Furcht ihm zweifelnd das JammernNoch auf der Lippe zurück und im Auge die Thräne. — Daher war's.Herrliche Künstler, die Ihr, von dauerndem Ruhme erstrahlend,

Solch ein Werk uns geschaffen lobgleich wohl besseren ThatenEin unsterblicher Name gebührt, und wohl Euch vergönnt war,

Manchen erhabneren Geist dem künftigen Rufe zu melden),

Trefflich, daß Ihr, wie viel sich zum «ob auch Gelegenheit darbot.

Diese ergriffet, und Euch znr höchsten Höhe hinaufschwangt.

Ihr habt das starre Gestein zu lebenswarmcn GestaltenSchaffend beseelt, habt lebende Sinne dem athmenden MarmorEingehaucht; wir erblicken die Wuth, die Bewegung, die Schmerzen,

Ja, wir vernehmen sogar das Jammergeschrei. — Es hat NhodoSEinst Euch Ehre verliehen; es lag unendliche Zeit schg„

Euere Kunst verborgen, die jetzt am glücklichen TageRoma wieder erblickt und verehrt; des vergessenen KunstwerksRuhn, ist wieder erneut. — Wie viel herrlicher ist's, mit dem Geiste,

Ja mit Arbeit und Mühe sogar zu verlängern daS Dasein,

Als znr Bermehrnng der Pracht und der leeren Verschwendung zu dienen.

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