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Gottlwld Ephraim Vessing. . 168
wie wir voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabthätte. Richardson füget hinzu: die Geschichtedes Laokoon solle bloß zu der pathetischen Be-schreibung der endlichen Zerstörung leiten: derDichter habe sie also nicht interessanter machendürfen, um unsere Aufmerksamkeit, welche dieseletzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch dasUnglück eines einzelnen Bürgers nicht zu zer-streuen. Allein das heißt die Sache qus einemmalerischen Augenpunkte betrachten wollen, auswelchem sie gar nicht betrachtet werden kann.Das Unglück des Laokoon und die Zerstörungsind bei dem Dichter keine Gemälde neben ein-ander; sie machen beide kein Ganzes aus, dasunser Auge auf einmal übersehen könnte odersollte; und nur in diesem Falle wäre es zu be-sorgen, daß unsere Blicke mehr auf den Laokoon,als auf die brennende Stadt fallen dürften. Bei-der Beschreibungen folgen auf einander, undich sehe nicht, welchen Nachtheil es der folgendenbringen könnte, wenn uns die vorhergehendeauch noch so sehr gerührt hätte. Es sei denn,daß die folgende an sich selbst nicht rührend ge-nug wäre.
Roch weniger Ursache würde der Dichter ge-habt haben, die Windungen der Schlangen zuverändern. Sie beschäftigen in dem Kunstwerkedie Hände, und verstricken die Füße- So sehrdem Auge diese Bertheilung gefällt, so lebhaftist das Bild, welches in der Einbildung davonzurückbleibt. Es ist so deutlich und rein, daßes sich durch Worte nicht viel schwächer darstel-len lässt, als durch natürliche Zeiche».----- „Die Eine erhebt sich,Springt auf Laokoon los, umschlingt ihn obenund unten
Und mit wüthendem Biß verwundet sie endlichdie Weichen.
Aber die Schlange, in häufiger Schlingung sichkehrend, durchschlüpfetSchnell, und bindet ihm jetzt mit gewundenenKnoten die Knie."
Das sind Zeilen des Sadolet, die von demLirgil ohne Zweifel noch malerischer gekom-men waren, wenn ein sichtbares Vorbild seinePhantasie befeuert hätte, und die alsdann gewißbesser gewesen wären, als was er uns itzt dafürgiebt:
„Zweimal mitten umher, zweimal um den Halsdie beschuppten
Rücken geschmiegt, stehn hoch sie mit Haupt undRacken gerichtet."
Diese Züge füllen unsere Einbildungskraft aller-dings; aber sie muß nicht dabei verweilen, siemuß sie nicht aufs Reine zu bringen suchen, siemuß itzt nur die'Schlangen , itzt nur den Lao-koon sehn, sie muß sich nicht vorstellen wollen,welche Figur beide zusammen machen. Sobaldsie hierauf verfällt, fängt ihr das Virgili-sche Bild an zu mißfallen, und sie findet eshöchst unmaleiisch.
Wären aber auch schon die Veränderungen,welche Birgil mit dem ihm geliehenen Vor-bilde gemacht hätte, nicht unglücklich, so warensie doch bloß willkührlich. Man ahmet nach,um ähnlich zu werden; kann man aber ähnlichwerde», wenn man über die Noth verändert?Vielmehr wenn man dieses thut, ist der Vorsatz
klar, daß man nicht ähnlich werden wollen, daßman also nicht nachgeahmet habe.
Nicht das Ganze, könnte man einwenden,, aber wohl diesen und jenen Theil. Gut; doch5 welches sind denn diese einzelnen Theile, die inder Beschreibung und in dem Kunstwerke so ge-nau übereinstimmen, daß sie der Dichter ausdiesem entlehnet zu haben scheinen könnte? DenVater, die Kinder, die Schlangen, das alles1« gab dem Dichter sowohl, als dem Artisten, dieGeschichte. Außer dem Historischen kommen siein nichts überein, als darin, daß sie Kinder undVater in einem einzigen Schlangenknoten ver--stricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus15 dem veränderten Umstände, daß den Vater ebendasselbe Unglück betroffen habe, als die Kinder.Diese Veränderung aber, wie oben erwähnt wor-den , scheinet Virgil gemacht zu haben; denndie griechische Tradition sagt ganz etwas anders.20 Folglich, wenn in Ansehung'jener gemeinschaft-lichen Verstrickung, auf einer oder der andernSeite Nachahmung seyn soll, so ist sie wahr-scheinlicher auf der Seite der Künstler, als desDichters zu vermuthen. In allem Uebrigen25 weicht einer von dem andern ab; nur mit demUnterschiede, daß, wenn es der Künstler ist, derdie Abweichungen gemacht hat, der Vorsatz, demDichter nachzuahmen, noch dabey bestehen kann,indem ihn die Bestimmung und die Schranken30 seiner Kunst dazu nöthigten; ist es hingegen derDichter, welcher dem Künstler nachgeahmet habensoll, so sind alle die berührten Abweichungenein Beweis wider diese vermeintliche Nachah-mung, und diejenigen, welche sie demohngeach-35 tec behaupten, können weiter nichts damit wol-len, als daß das Kunstwerk älter sey, als die- poetische Beschreibung.
VlI. Wenn man sagt, der Künstler ahmedem Dichter, oder der Dichter ahme dem Künst-40 ier nach, so kann dieses zweyerley bedeuten. Ent-weder der eine machet das Werk des andern zudem wirklichen Gegenstände seiner Nachahmung,oder sie haben beyde einerley Gegenstände derNachahmung, und der eine entlehnet von dem45 andern die Art und Weise, es nachzuahmen.
Wenn Virgil das Schild des Acneas be-schreibet, so ahmet er dem Künstler, welcher die-ses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeu-tung nach. Das Kunstwerk, nicht das, was50 auf dem Kunstwerke vorgestellet worden, ist derGegenstand seiner Nachahmung, und wenn erauch schon das mit beschreibt, was man daraufvorgestellet sieht, so beschreibt er es doch nurals ein Theil des Schildes, und nicht als die55 Sache selbst. Wenn Birgil hingegen die GruppeLaokoon nachgeahmet hätte, so würde dieses eineNachahmung von der zweiten Gattung seyn.Denn er würde nicht diese Gruppe, sondern das,was diese Gruppe vorstellet, nachgeahmet,, und00 nur die Züge seiner Nachahmung von ihr ent-lehnt haben.
Bey der ersten Nachahmung ist der DichterOriginal, bey der andern ist er Copist. Jeneist ein Theil der allgemeinen Nachahmung, welche05 das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er ar-beitet als Genie, sein Lorwurf mag ein Werkanderer Künste, oder der Natur seyn. Diesehingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würdeherab; anstatt der Dinge selbst ahmet er ihre