Gottsiold Ephraim Lessing.
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Nachahmungen nach, und giebt uns kalte Er-innerungen von Zügen eines fremden Genies,für ursprüngliche Züge seines eigenen.
Wenn indeß Dichter und Künstler diejenigenGegenstände, die sie mit einander gemein haben, knicht selten aus dem nehmlichen Gesichtspunktebetrachten müssen: so kann es nicht fehlen, daßihre Nachahmungen nicht in vielen Stücken über-einstimmen sollten, ohne daß zwischen ihnenselbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung 1gewesen. Diese Uebereinstimmungen können beyzeitverwandten Künstlern und Dichtern, überDinge, welche nicht mehr vorhanden sind,zu Wechselsweisen Erläuterungen führen; alleindergleichen Erläuterungen dadurch aufzustützen jsuchen, daß man aus dem Zufalle Vorsatz machet,und besonders dem Poeten bey jeder Kleinigkeitein Augenmerk auf diese Statue, oder auf jenesGemälde andichtet, heißt ihm einen sehr zwei-deutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, 2sondern auch dem Leser, dem man die schönsteStelle dadurch, wenn Gott will, sehr deutlich,aber auch trefflich frostig macht.
Dieses ist die Absicht und der Fehler einesberühmten englischen Werks. Spence schrieb 2seinen Polymetis mit vieler klassischen Gelehr-samkeit, und in einer sehr vertrauten Bekannt-schaft mir den übergebliebenen Werken der altenKunst. Seinen Vorsatz, aus diesen die römischenDichter zu erklären, und aus den Dichtern hin- 3wiederum Aufschlüsse für noch unerklärte alteKunstwerke herzuholen, hat er öfters glücklicherreicht. Aber dcmohngeachtet behaupte ich, daßsein Buch für jeden Leser von Geschmack einganz unerträgliches Buch seyn muß. 3
Es ist natürlich, daß, wenn ValeriusFlaccus den geflügelten Blitz auf den römi-schen Schilden beschreibt lArgonaut. 6, 55.56):
„So hast du nicht, o römischer Krieger, desglänzenden Blitzes
Strahlen zuerst, noch die röthlichen Schwingenam Schilde geführet."
> mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wennich die Abbildung eines solchen Schildes auf einemalten Denkmale erblicke. Es kann seyn, daß Marsin eben derschwebenden Stellung, in welcher ihnAddison über der Nhea auf einer Münze zu sehenll glaubte"), auch von den alten Waffenschmieden aufden Helmen und Schilden vorgestellet wurde, unddaß Iuvenal einem solchen Helm oder Schild inGedanken hatte, als er mit einem Worte daraufanspielte, welches bis auf den Addison ein5 Räthsel für alle Ausleger gewesen. Mich dünktselbst, daß ich die Stelle des Ovids (Melam. 7,813. s.), wo der ermattete Ccphalus den küh-lenden Lüften ruft:
„ „Komm', willkommenes Lüftchen, - - -- - - o erquicke mich, spiel' um den
Busen!"
und seine Procris dieses Lüftchen für den Nameneiner Nebenbuhlerin hält, daß ich, sage ich, diese5 Stelle natürlicher finde, wenn ich aus den Kunst-werken der Alten ersehe, daß sie wirklich die sanf-ten Lüfte personificiret, und eine Art weiblicherSylphen, unter dem Namen Arirso iLüfte), ver-ehret haben. Ich gebe es zu, daß, wenn Ju-li venal einen vornehmen Taugenichts mir einerHermessäule vergleicht, man das Aehnliche indieser Vergleichung schwerlich finden dürste, ohneeine solche Säule zu sehen, ohne zu wissen, daßes ein schlechter Pfeiler ist, der bloß das Haupt,5 höchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trägt,und, weil wir weder Hände noch Füße daranerblicken, den Begriff der Unthärigkeit erwecket").— Erläuterungen von dieser Art sind nicht zu
*> Ich sage: es kann seyn. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten, daß eS nicht ist. — Juvenal redet vonden ersten Zeiten der Republik, als man noch von keiner Pracht und Ueppigkeit wußte, und der Soldat ras erbeuteteGold und Silber nur aus das Geschirr seines Pferdes und auf seine Waffen verwandte. (Sät. ll. V. Ivv —lv7.>„Damals roh noch und fremd die Bewunderung Griechischer Künste, '
Wenn er die Städte zerstört, und der Beut' Antheil ihm gewährteBecher gepriesener Künstler, so brach entzwei sie der Krieger,
Daß sein Roß sich erfreute des Schmucks und der Helm in erhabnemBild das romulische Thier, Sanftmutb zu erzeigen getriebenDurch die Geschicke des Reichs, und die DoppclquirineU im FelshangUnd des mit Schild und mit Speer wehrhaft hcrdräuendcn GottesNackte Figur darstellte dem Feind, der am Heile verzagte."
**) Juvenal, Sät. 3. V. 52—55:
— — — — — Doch Du
Nicht«, wie deS CeeropS Stamm, gleichst völlig dem Rumpfe der Herme,
Den» Nichts hast Du vor solcher voraus Auszeichnendes, als daßLcnc von Marmor träget das Haupt, Deins aber beseelt ist."
Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan gezogen gehabt hätte, so würde ihm vielleicht,vielleicht aber auch nicht, eine alte Aesopische Fabel beygefallcn seyn, die aus der Bildung einer solchen HermeS-säule ein noch weit schöneres, und zu ihrem Verständnisse weit unentbehrlicheres Licht erhält, als diese Stelle desIuvcnals. „Merkur," erzählet Acsopus, „wollte gern erfahre», in welchem Ansehen er bey den Menschen stünde.Er verbarg seine Gottheit und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die Statue des Jupiters, und fragte denKünstler, wie theuer er sie halte. Eine Drachme, war die Antwort. Merkur lächelte: und diese Juno? fragte erweiter. Ohiigefehr eben so viel. Indem ward er sein eigenes Bild gewahr, und dachte bey sich selbst: ich bin derBote der Götter: von mir kömmt aller Gewinn; mich müsse» die Menschen nothwendig weit höher schätze:,. Aberliier dieser Gott? (Er wie» auf sei» Bild.) Wie theuer möchte wohl der seyn? dieser? antwortete der Künstler.O, wenn ihr mir jene beyde abkauft, so sollt ihr diesen obendrein haben." Merkur war abgcsübrt. Allein derBildhauer kannte ihn nicht, und konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kränken, sondern esmußte i» der Beslbaffcnheit der Statuen selbst gegründet sey», warum er die letztere so geringschätzig hielt, daß ersie zur Zugabe bestimmte. Die geringere Murre des Gottes, welchen sie vorstellte, konnte dabey nichts thun: denn