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Gotthold Ephraim Messing.
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verachten, wenn sie auch schon weder allezeitnothwendig, noch allezeit hinlänglich seyn sollten.Der Dichter halle das Kunstwerk als ein fürsich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmungvor Augen; oder Künstler und Dichter halten 5einerley angenommene Begriffe, dem zu Folgesich auch Uebereinstimmung in ihren Vorstellun-gen zeigen mußte, aus welcher sich auf die All-gemeinheit jener Begriffe zurückschlicßen lässt.
Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo 10malet, wie er ihm im Traume erschienen: —
Der schönste Jüngling, die Schläfe mir demkeuschen Lorbeer umwunden; syrische Gerücheduften aus dem güldenen Haare, das um denlangen Racken schwimmet; glänzendes Weiß und 15Purpurröthe mischen sich auf dem ganzen Kör-per, wie auf der zarten Wange der Braut, dieitzt ihrem Geliebten zugeführt wird: — warummüssen diese Züge von allen berühmten Gemäl-den erborgt seyn? Echions »ova imptu 20voroounüia iiolallili« mag in Rom gewesenseyn, mag tausend und tausendmal seyn copiretworden; war darum die bräulliche Schaamselbst aus der Welt verschwunden? Seit sie derMaler gesehen harte, war sie für keinen Dichter 25
mehr zu sehen, als in der Nachahmung deöMalers? Oder, wenn ein anderer Dichter denVulkan ermüdet, und sein vor der Esse erhitztesGesicht roth, brennend nennet: mußte er es erstaus dem Werke eines Malers lernen, daß Arbeitermattet und Hitze röihet? Oder, wenn Lucrezden Wechsel der Jahreszeiten beschreibet, undsie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungenin der Luft und auf der Erde, in ihrer natür-lichen Ordnung vorüberführet: war Lucrezein Ephemeren, hatte er kein ganzes Jahr durch-lebet, um alle die Veränderungen selbst erfahrenzu haben, daß er sie nach einer Procession schil-dern mußte, in welcher ihre Statuen herumge-tragen wurden? Mußte er erst von diesen Sta-tuen den alten poetischen Kunstgriff lernen, der-gleichen Abstrakt« zu wirklichen Wesen zu ma-chen*)? Oder Birgil's „über die Brücke er-zürnter Arares", dieses vortreffliche poetischeBild eines über seine Ufer sich ergießenden Flus-ses, wie er die über ihn geschlagene Brücke zer-reissc, verlieret es nicht seine ganze Schönheit,wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit an-gespielet hat, in welchem dieser Flußgott alswirklich eine Brücke zerbrechend vorgestellet wird?
der Künstler schätzet seine Werke nach der Gcschlcklichkeit, dem Fleiße und der Arbeit, welche sie erfordern, und nicht»ach dem Range und dem Werthe der Wesen, welche sie ausdrücken. Die Statue des Merkur mußte weniger Ge-schicklichkcit, weniger Fleiß und Arbeit verlangen, wen» sie weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oderder Juno. Und so war c» hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno zeigten die völlige Person dieserGötter; die Statue des Merkurs hingegen war ein schlechter viereckigter Pfeiler, mit dem bloßen Vrustbildc desselben.Was Wunder also, daß sie obendrein gehen konnte? Merkur übersähe diesen Umstand, weil er sein vermeintlichesüberwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine Demüthigung eben so natürlich, als verdientMan wirb sich vergebens bey den Auslegern und Ilcbcrsctzern und Nachahmern der Fabeln des Acsopu« nach dergeringsten Spur von dieser Erklärung umsehen; wohl aber könnte ich ihrer eine ganze Reihe anführen, wen» e»sich der Mühe lohnte, die das Mährchen geradezu verstanden, da« ist, ganz und gar nicht verstanden haben. Siehaben die Ungereimtheit, welche darin lieget' wen» man die Statuen alle für Werke von einerley Ausführung'an-nimmt, entweder nicht gefühlt, oder wohl noch gar übertriebe». Was sonst in dieser Fabel anstößig sey» könntewäre vielleicht der Preis, welchen der Künstler seinem Jupiter setzet. Für eine Drachma kann ja wohl auch keinTöpfer eine Puppe machen. Eine Drachma muß also hier überhaupt für etwas sehr geringes stehen.
»- Lucretius von der Natur der Dinge, V. 7ZS—717:
„Lenz und Venus erscheint, und des Lenzes Vcrkündcr, der Zcphyr,
Schreitet gefiedert voran; ihn begleitet Flora die Mutter,
Welche die Trist bestreut mit lieblichen Farben und Düften.
Ihnen folget darauf der trockene Sommer; zur. SeiteIhm die b-stäub-tc Ceres und Hauch der Etesischcn Winde.
'Nachher schreitet Antumnus, und mit ihm Cvius Evan;
Ungcwitrcr folgen darauf, und die Wind' und die Stürme.
Hoch herdonnernd DoiturnuS, der blitzeschlrudernde Auster.
Bruma bringet zuletzt den Schnee, und die starrende Kälte,
Und der Winter erfolgt und der zähncklappcrnbc Eisfrost."
Spenee erkennet diese Stelle für eine von den schönsten in den, ganzen Gedichte deS Lnerez. Wenigstens ist sieeine von denen, auf welche sich die Ehre,des Lucrez als Dichter gründet. Aber wahrlich, es heißt ihn, diese Ehreschmälern, ihn völlig darum bringen wollen, wen» man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer altenProcession der vergötterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge, gemacht zu seyn. Und warum das? „Darum," sagtder Engländer, „weil bey den Römern ehedem dergleichen Proccsstoncn mit ihren Göttern überhaupt, eben so ge-wohnlich waren, als noch itzt in gewissen Ländern die Proecssioucn sind, die mau den Heiligen zu Ehren anstellet;und weil hiernächst alle Ausdrücke, welche der Dichter hier braucht, auf eine Pr cesston recht sehr wohl passen."Treffliche Gründe! Und wie vieles wäre gegen den letzte» noch einzuwenden! Schon die Beywörter, welche derDichter den Pcrsonificirtc» Abstrakten giebt: „Der trockene Sommer, die bcstäubcte CereS, der hochherdonnsrndcVoliurnuS, der blitzcschleuderndc Auster, der zähncklappcrnbc Eisfrost," zeigen, daß sie das Wesen von ihm, undnicht von der» Künstler haben, der sie ganz ander« hätte charaklcrisircn müssen. Spenee scheinet übrigeuS aufdiesen Einfall von einer Procession durch Abraham Preiz er» gekommen zu seyn, welcher in seinen Anmcrlungc»über dir Steile des Dichters sagt: „Es ist eine Ordnung, wie in einem feierliche» Auge, der Frühling und Venus,Zcphyr und Flora" u. s. w. Allein dabey hätte c» auch Spenee nur sollen bewenden lasse». Der Dichter führetdie Jahreszeiten gleichsam i» einer Procession auf; daS ist gut. Aber er hat c« von einer Proerssion gelernt, sie soaufzuführen; da« ist sehr abgeschmackt.