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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
173-174
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Gottkold Ephraim Lcssina. 17/1

iAeneide 8, 725.) Was sollen wir mit dergleichenErläuterungen, die aus der klarsten Stelle denDichter verdrängen, um den Einfall eines Künst-lers durchschimmern zu lassen?

Ich beiaure, daß ein so^nützlichcs Buch, alsPolymetis sonst seyn könnte, durch diese ge-schmacklose Grille, den alten Dichtern statteigenthümlicher Phantasie, Bekanntschaft mitfremder unterzuschieben, so ekel, und den clas-sischen Schriftstellern weit nachthciliqer gewordenist, als ihnen die wässrigen Auslegungen derschaalsten Wortforscher nimmermehr seyn können.Roch mehr belauere ich, daß Spencen selbstAddison hierin vorgegangen, der aus löblicherBegierde, die Kenntniß der alten Kunstwerke zueinem Auslegungsmittel zu erheben, die Fälleeben so wenig unterschieden hat, in welchen dieNachahmung des Künstlers dem Dichter anstän-dig, in welchen sie ihm verkleinerlich ist').

VIII. Von der Ähnlichkeit, welche die Poe-sie und Malerey mit einander haben, macht sichSpence die allsrseltsamsten Begriffe. Er glaubet,daß beyde Künste bey den Alten so genau ver-bunden gewesen, daß sie beständig Hand ill Handgegangen, und der Dichter nie den Maler, derMaler nie den Dichter aus den Augen verlorenhabe. Daß die Poesie die weitere Kunst ist:daß ihr Schönheiten zu Gebote stehen, welchedie Malere» nicht zu erreichen vermag; daß sieöfters Ursachen haben kann, die unmalerischenSchönheiten den malerischen vorzuziehen: daranscheinet er gar nicht gedacht zu haben, und istdaher bey dem geringsten Unterschiede, den erunter den alten Dichtern und Artisten bemerkt,in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunder-lichsten Ausflüchte von der Welt bringt.

Die alten Dichter geben dem Bacchus mei-stentheils Hörner. Es ist also doch wunderbar,sagt Spence, daß man diese Hörner an seinenStatuen so selten erblickt. Er fällt auf diese,er fällt auf eine andere Ursache, auf die Un-wissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit derHörner selbst, die sich unter den Trauben undEpheublättern, dem beständigen Kopfputze desGottes, möchten verkrochen haben. Er windetsich um die wahre Ursache yerum, ohne sie zuargwohnen. Die Hörner des Bacchus warenkeine natürliche Hörner, wie sie es an denFaunen und Satyren waren. Sie waren einStirnschmuck, den er aufsetzen und ablegen konnte.

- „Du hast, wenn ohne Gehörne du dastehst,Ein jungfräuliches Haupt:" - -

heißt es in der feierlichen Ausrufung des Bacchusbeim Ovid. iMetam.4,19.20.) Er konnte sich alsoauch ohne Hörner zeigen; und zeigte sich ohne Hör-ner, wenn er in seiner jungfräulichen Schönheiterscheinen wollte. In dieser wollten ihn nunauch die Künstler darstellen, und mußten daheralle Zusätze von übler Wirkung an ihm vermei-den. Ein solcher Zusatz wären die Hörner ge-wesen, die an dem Diadem befestiget waren,wie man an einem Kopfe in dem Königl- Ca-binet zu Berlin sehen kann. Ein solcher Zusatzwar das Diadem selbst, welches die schöne Stirneverdeckte, und daher an den Statuen des Bac-chus eben so selten vorkömmt, als die Hörner,

ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von denDichtern eben so oft beigeleget wird. Dem Dichter-gaben die Hörner und das Diadem feine An-spielungen auf die Thaten und den Charakter5 des Gottes: dem Künstler hingegen wurden sieHinderungen, größere Schönheiten zu zeigen;und wenn Bacchus, wie ich glaube, eben darumden Beynamen „zweigestaltig" hatte, weil er sichsowohl schön als schrecklich zeigen konnte, so10 war es wohl natürlich, daß die Künstler dieje-nige von seiner Gestalt am liebsten wählten, dieder Bestimmung ihrer Kunst am meisten ent-sprach.

Minerva und Juno schleudern bey den rö-15 mischen Dichtern öfters den Blitz. Aber warumnicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence.

Er antwortet: es war ein besonderes Vorrechtdieser zwey Göttinnen, wovon man den Grundvielleicht erst in den Samothracischen Gebeim-20 nisten erfuhr-, weil aber die Artisten bey denalten Römern als gemeine Leute betrachtet, unddaher zu diesen Geheimnissen selten zugelassenwurden, so wußten sie ohne Zweifel nichts da-von, und was sie nicht wußten, konnten sie25 nicht vorstellen. Ich möchte Spencen dagegenfragen: Arbeiteten diese gemeinen Leute vor ih-ren Kopf, oder auf Befehl Vornehmerer, dievon den Geheimnissen unterrichtet seyn konnten?Stunden die Artisten auch bey den Griechen in30 dieser Verachtung? Waren die römischen Arti-sten nicht mehrentheils geborene Griechen? Undso weiter.

Stativs und Balerius Flaccus schil-dern eine erzürnte Venus, und mit so schreck-35 lichen Zügen, daß man sie in diesem Augenblickeeher für eine Furie, als für die Göttin der Liebehalten sollte. Spence sieht sich in den altenKunstwerken vergebens nach einer solchen Venusum. Was schließt er daraus? Daß dem Dich-40 rer mehr erlaubt ist, als dem Bildhauer undMaler? Das hätte er daraus schließen sollen:aber er hat es einmal für allemal als einenGrundsatz angenommen, daß in einer poetischenBeschreibung nichts gut sey, was unschicklich45 seyn würde, wenn man es in einem Gemälde,oder an einer Statue vorstellte. Folglich müs-sen die Dichter gefehlt haben. „Stativs undValerius sini^aus einer Zeit, da die römischePoesie schon in ihrem Verfalle war. Sie zeigen50 auch hierin ihren verderbten Geschmack und ihreschlechte Beurtheilungskraft. Bey den Dichternaus einer bessern Zeit wird man dergleichen Ver-stoßungen wider den malerischen Ausdruck nichtfinden." iSpence, Polymetis, 7. Gespräch)

55 So etwas zu sagen, braucht es wahrlichwen,g llnterscheidungskraft. Ich will indeß michweder des »-tatius noch des Balerius indiesem Fall annehmen, sondern nur eine allge-meine Anmerkung machen. Die Götter und60 geistigen Wesen, wie sie der Künstler vorstellet,sind nicht völlig ebendieselben, welche der Dich-ter braucht. Bey dem Künstler sind sie pcrso-nlsicirte Abstracto, die beständig die ähnlicheCharakterifirunfl behalte» müsse» , wenn sie er-65 kenntlich styr, sMxs,. Bey' dem Dichter hin-gegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, dieüber ihren allgemeinen Charakter noch andere

In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gespräches über die eilten Münden.