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Gottlwld Ephraim sft'ssmg.
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Eigenschaften und Affcctcn haben, welche nachGelegenheit der Umstände vor jenen vorstechenkönnen. Venus ist dem Bildhauer nichts alsdie Liebe; er muß ihr also alle die sittsame ver-schämte Schönheit, alle die holden Reize geben,die uns an geliebten Aeacnständen entzücken,und die wir daher mit in den abgesonderten Be-griff der Liebe bringen. Die geringste Abwei-chung von diesem Ideal lässt uns sein Bildverkennen. Schönheit aber mir mehr Majestätals Scham, ist schon keine Venus, sondern eineJuno. Reize, aber mehr gebieterische, männliche,als holde Reize, geben eine Minerva, statt einerVenus. Vollends eine zürnende Venus, eineVenus von Rache und Wuth getrieben, ist demBildhauer ein wahrer Widerspruch; denn dieLiebe, als Liebe, zürnet nie, rächet sich nie. Beydem Dichter hingegen ist Venus zwar auch dieLiebe, aber die Göttin der Liebe, die ausser die-sem Charakter ihre eigene Individualität hat,und folglich der Triebe des Abscheus eben sofähig seyn muß, als der Zuneigung. WasWunder also, daß sie bey ihm in Zorn undWuth entbrennet, besonders, wenn es die be-leidigte Liebe selbst ist, die sie darein versetzet?
Es ist zwar wahr, daß auch der Künstlerin zusammengesetzten Werken, die Venus, oderjede andere Gottheit, ausser ihrem Charakter, alsein wirklich handelndes Wesen, so gut wie derDichter, einführen kann. Aber alsdenn müssenwenigstens ihre Handlungen ihrem Charakternicht widersprechen, wenn sie schon keine un-mittelbare Folgen desselben sind. Venus über-giebt ihrem Sohne die göttlichen Waffen; dieseHandlung kann der Künstler sowohl, als derDichter, vorstellen. Hier hindert ihn nichts,der Venus alle die Anmuth und Schönheit zugeben, die ihr als Göttin der Liebe zukommen;vielmehr wird sie eben dadurch in seinem Werkeum so viel kenntlicher. Allein wenn sich Venusan ihren Verächtern, den Männern zu Lcmnos,rächen will, in vergrößerter wilder Gestalt, mitfleckigen Wangen, in verwirrtem Haare, diePechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand umsich wirft, und auf einer finstern Wolke stür-misch herabfähret: -so ist das kein Augenblickfür den Künstler, weil er sie durch nichts indiesem Augenblicke kenntlich machen kann. Esist nur ein Augenblick für den Dichter, weil dieserdas Vorrecht hat, einen andern, in welchemdie Göttin ganz Venus ist, so nahe, so genaudamit zu verbinden, daß wir die Venus auchin der Furie nicht aus den Augen verliebn.Dieses thut Flaccus (Argonaut. 2, 102-100):- - - ^Denn nicht reizend zu scheinen
Ist sie begierig; noch knüpft mit gedredetem Goldsie das Haupthaar,
Selbst die göttliche Brust ist entblößt; wildscheint sie und schrecklich;
Auch die Wangen sind bleich; und sie ist mitder tönenden Fackel
Und dem schwarzen Gewand ganz ähnlich denstygischen Jungfrau'»."
^ Eben dieses lhutStatius: lThebais5,61 -00):
„Paphos, das alte, verlassend, mit seinen hun-dert Altären,
Hat sie, an Haar und Gesicht verändert, den1V zaubrischen Gürtel,
Sagt man, gclöset, und weit die JdalischenLauben entfernet;
Einige sagten sogar, es habe im nächtlichenDunkel,
15 Andere Feuer schwingend und grössere Pfeile,die Göttin
Mit den Erinnen vereinet die Hochzeitsbettenumflogen,
Habe darauf mit verschlungenen Schlangen der20 Häuser geheimste
Zimmer, so auch mit rasender Furcht die sämmt-lichen Schwellen
Angefüllt." - - - - —
Oder man kann sagen: der Dichter allein bc-25 sitzet das Kunststück, mit negativen Zügen zuschildern, und durch Vermischung dieser nega-tiven mit positiven Zügen, -zwei Erscheinungenin eine zu bringen. Nicht mehr die holde Ve-nus; nicht mehr das Haar mit goldenen Span-!10 gen geheftet; von keinem azurnen Gewände um-flattert; ohne ihren Gürtel; mit anderen Flam-men, mit größeren Pfeilen bewaffnet; in Ge-sellschaft ihr ähnlicher Furien. Aber weil derArtist dieses Kunststückes entbehre» muß, soll35 sich seiner darum auch der Dichter enthalten?Wenn die Malerey die Schwester der Dichtkunstseyn will: so sey sie wenigstens keine eifersüch-tige Schwester; und die jüngere untersage derältern nicht alle den Putz, der sie selbst nicht40 kleidet.
IX. Wenn man in einzelnen Fällen den Ma-ler und Dichter mit einander vergleichen will,so muß man vor allen Dingen wohl zusehen,ob sie beyde ihre völlige Freiheit gehabt haben.15 ob sie .ohne allen äußerlichen Zwang auf diehöchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeitenkönnen.
Ein solcher äußerlicher Zwang war dem al-ten Künstler öfters die Religion. Sein Werk50 zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konntenicht allezeit so vollkommen seyn, als wenn ereinzig das Vergnügen des Betrachters dabeyzur Absicht gehabt hätte. Der Aberglaube über-ladete die Götter mit Sinnbilder», und die55 schönsten von ihnen wurden nicht überall alsdie schönsten verehret.
Bacchus stand in seinem Tempel zu Lcmnos,aus welchem die fromme Hypsipile ihren Vaterunter der Gestalt des Gottes rettete'), mit
*> Valerius Flaccus Argon. 2, Ssö ff.
„lind sie schmückt mit dem Kranz und dem Haar und den Kleidern des BacchusJetzt dc» Vater und setzet ihn dann anf den Wagen und ringsumStellt sie Vecken und Trommeln und Kisten voll heimlicher Schrecken.
Sie selbst schlingt, wie die Priester, um Brust und Glieder den Ephcu,
Und sie schwinget dc» rcbcnumranlten Speer durch die Hüfte,
Rückwärts schau'nd, ob verschleiert der Pater die grünende» Zügel-palte, und ob die Hörner entschweben der schnecigcn Mikra,
Ob der beil-ge Pokal an Bacchus crinnre. -