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Gotthold Opsiraim Lcssing.
Gegentheils kann man sich aber auch denEinfluß der Religion auf die Kunst zu großvorstellen. Spence giebt hiervon ein sonder-bares Beispiel. Er fand beim Ovid, daßVesta in ihrem Tempel unter keinem persönli-chen Bilde verehret worden; und dieses dünkteihm genug, daraus zu schließen, daß es über-haupt keine Bildsäulen von dieser Göttin gege-ben habe, und daß alles, was man bisher dafürgehalten, nicht die Vesta, sondern eine Bestallnvorstelle. Eine seltsame Folge! Berlohr derKünstler darum sein Recht, ein Wesen, demdie Dichter eine bestimmte Persönlichkeit geben,das sie zur Tochter des Saturnus und der Opsmachen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter dieMißhandlungen des Priapus zu fallen, und wassie sonst von ihr erzehlen, verlohr er, sage ich,darum sein Recht, dieses Wesen auch nach sei-ner Art zu personifiren, weil es in EinemTempel nur unter dem Sinnbilde des Feuersverehret ward? Denn Spence begehet dabeynoch diesen Fehler, daß er das, was Ovid nurvon einem gewissen Tempel der Vesta, nehmlichvon dem zu Rom sagr'>, auf alle Tempel die-ser Göttin ohne Unterschied, und auf ihre Ver-ehrung überhaupt, ausdehnet. Wie sie in die-sem Tempel zu Rom verehret ward, so wardsie nicht überall verehret, so war sie selbst nichtin Italien verehret worden, ehe ihn Ruma er-baute. Numa wollte keine Gottheit in mensch-licher oder thierischer Gestalt vorgestellet wissen;und darin bestand ohne Zweifel die Verbesserung,die er in dem Dienste der Vesta machte, daßer alle persönliche Vorstellung von ihr daraus
verbannte. Ovid selbst lehret uns, daß esvor den Zeiten des Numa Bildsäulen der Vestain ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihrePriestern, Svlvia Mutter ward, vor Scham5 die jungfräulichen Hände vor die Augen hoben").Daß sogar in den Tempeln, welche die Göttinausser der Stadt in den römischen Provinzenhatte, ihre Verehrung nicht völlig von der Artgewesen, als sie Numa verordnet, scheinen ver-1» schiedene alte Inschriften zu beweisen, in welcheneines „Oberpriesters der Vesta" gedacht wird.Auch zu Eorinlh war ein Tempel der Vestaohne alle Bildsäule, mit einem bloßem Altare,worauf der Göttin geopfert ward. Aber hatten15 die Griechen darum gar keine Statuen der Vc-sta? Zu Athen war eine im Prytaneo, nebender Statue des Friedens lPausanias, Aitica 18).Die Jaffeer rühmten von einer, die be» ihnenunter freyem Himmel stand, daß weder Schnee20 noch Regen jemals auf sie falle (Polybius Gesch.1», 11). Plinius gedenkt einer sitzenden, vonder Hand des Scopas, die sich zu seiner Zeitin den Servilianischen Gärten zu Rom befand "">.
.Zugegeben, daß es uns itzr schwer wird, eine25 bloße Bestalln von einer Besta selbst zu unter-scheiden, beweiset dieses, daß sie auch die Altennicht unterscheiden können, oder wohl gar nichtunterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen spre-chen offenbar mehr für die eine, als für die50 andere. Das Scepter, die Fackel, das Palladiumlassen sich nur in der Hand der Göttin vermuthen.Das Tpmpanum, welches ihr Codinus beylegt,kömmt ihr vielleicht nur als der Erde zu; oderCodinus wußte selbst nicht recht, was er sahe-s).
') Festkalender s, AS—2g«.
„ Thöricht wähnet' ich lang, e» geb' auch Bilder der Besta:
Keines, bemerkt' ich bald, fasse der Kuppel Gewölb,
Hier im Tempel verbirgt sich nimmer verlöschendes Feuer.
Weder von Vesta, noch auch zeigt sich von, Feuer ei» Bild."
Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Besta in Rom, nur von dem Tempel, den ibr Bunin daselbst erbauethatte, von dem er kurz zuvor <B. 2Sg. so) sagt:
„Stifter war Er, der so sanfte, der Götter verehrende König,
Frömmer war Keiner, den je trug das Sabinischc Land."
Festkalender 3, 1S. 16.
„Nun war Silvia Mutter. Es deckten die Bilder der BestaMir jungfräulicher Hand, heißt eS, die Augen sich zu."
Auf diese Weise hätte Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen sollen. Der Dichter redet von verschiedenenZeiten. Hier von den Zeilen vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihn,. In jenen ward sie in Italien unterpersönlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in Troja war verehret worden, von wanne» AeneaS ihre» Gottesdienstmit herüber gebracht hatte. (Acneide 2, 266. 267):
„Sprach'», und trug mit den Binden zugleich die gewaltige Besta,lind ihr ewiges Feuer aus unzugangltchen Kammern:"
sagt Birgil von dem Geiste des Hckrors. nachdem er dem Acncaü zur Flucht gerathen. Hier wirb das ewige Feuervon der Besta selbst, oder ihrer Bildsäule, ausdrücklich unterschieden. Spence muß die römischen Dichter zu seinemBehufe doch noch nicht aufmerksam genug durchgelcscn habe», weil ihm diese Stelle entwischt ist.
Pliniu« 36, 1: „Scopas machte — eine berühmte sitzende Besta in den Servilianischen Gärten." — DieseStelle muß LipsiuS in Gedanken gehabt haben, als er schrieb: „Plinius zeigt, daß die Besta wegen ihrer Bestän-digkeit gewöhnlich sitzend abgebildet wurde." Allein was Plinius von einem einzelnen Stücke des Scopas sagt,hätte er nicht fy- eine» allgemein angenommene» Charakter ausgeben sollen. Er merket selbst an, daß auf denMünzen die Best., eben so oft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert dadurch nicht den Plinins, sondernseine eigene falsche Einbildung.
j.) G corg Eodinus, vom Ursprung Eonstantinopcls, sagt: „Die Erde nennt man Hcstia und man bildetsie als ein Weib, mit einem Tpmpanum in der Hand, weil die Erve die Winde in sich selber einschließt." Suidas,aus ihm, oder beyde aus einem ältern, sagt unter «cm Worte Hcstia eben diese». „Die Erde wird unter dem NamenBesta als eine Frau gebildet, welche ein Tympanon trägt, weil sie die Winde in sich verschlossen hält," Die Ursacheist ein wenig abgeschmackt. Es würde sich eher haben hören lasse», wenn er gesagt hätte, daß ihr deßwegen einTvmpanon beygegeben werde, weil sie Alten znm Tbeil geglaubt, daß ibre Figur damit übereinkomme Wo sich aber