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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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191-192
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Gotthold Ephraim Messing.

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aus dem Homer selbst entlehnet zu seyn.Denn wenn im Getümmel der Schlacht einervon den wichtigern Helden in Gefahr kömmt,aus der ihn keine andere, als göttliche Machtretten kann: so läßt der Dichter ihn von derschützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oderin Nacht verhüllen, und so davon führen; alsden Paris von der Venus (Jlias 3, 381), denJdäus vom Neptun lJlias 5, 23), den Hektorvom Apollo (Jlias 20, 444.). Und diesen Ne-bel, diese Wolke wird Caylus nie vergessen,dem Künstler bestens zu empfehlen, wenn erihm die Gemählde von dergleichen Begebenheitenverzeichnet. Wer sieht aber nicht, daß bei demDichter das Einhüllen in Nebel und Nacht wei-ter nichts, als eine poetische Redensart für un-sichtbar machen, seyn soll? Es hat mich da-her jederzeit befremdet, diesen poetischen Aus-druck realisiret, und eine wirkliche Wolke in demGemählde angebracht zu finden, hinter welcher-er Held, wie hinter einer spanischen Wand,vor seinem Feinde verborgen stehet. Das warnicht die Meinung des Dichters. Das heißtaus den Grenzen der Malerey herausgehen;denn diese Wolke ist hier eine wahre Hierogly-phe, ein bloßes symbolisches Zeichen, das denbefreiten Held nicht unsichtbar macht, sondernden Betrachtern zuruft: ihr müßt ihn euchals unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichtsbesser, als die beschriebenen Zettelchen, die aufalten gothischen Gemählden den Personen ausdem Munde gehen.

Es ist wahr, Homer läßt den Achilles,indem ihm Apollo den Hektor entrücket, nochdreymal nach dem dicken Nebel mit der Lanzestoßen (Jlias 20, 446). Allein auch das heißtin der Sprache des Dichters weiter nichts, alsdaß Achilles so wüthend gewesen, daß er nochdreymal gestoßen, ehe er es gemerkt, daß erseinen Feind nicht mehr vor sich habe. Keinenwirklichen Nebel sahe Achilles nicht, und dasganze Kunststück, womit die Götter unsichtbarmachten, bestand auch nicht in dem Nebel,sondern in der schnellen Entrückung. Ngr umzugleich mit anzuzeigen, daß die Entrückungso schnell geschehen, daß kein menschliches Augedem entrückten Körper nachfolgen können, hül-

let ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nichtweil man anstatt des entrückten Körpers einenNebel gesehen, sondern weil wir das, was ineinem Nebel ist, als nicht sichtbar denken. Da-5 her kehrt er es auch bisweilen um, und läßt,anstatt das Object unsichtbar zu machen, dasSubject mit Blindheit geschlagen werden. Soverfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenner den Aeneas aus seinen mörderischen Händen10 errettet, den er mit einem Rucke mitten ausdem Gewühle auf einmal in das Hintertreffenversetzt (Jlias 20, 321). In der That abersind des Achilles Augen hier eben so wenig ver-finstert, als dort die entrückten Helden in Ne-15 bel gehüllet; sondern der Dichter setzt das eineund das andere nur bloß hinzu, um die äu-ßerste Schnelligkeit der Entrückung, welche wirdas Verschwinden nennen, dadurch sinnlicher zumachen.

20 Den Homerischen Nebel aber haben sich dieMahler nicht bloß in den Fällen zu eigen ge-macht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat,oder gebraucht haben würde: bey Unsichlbar-werdungen, bey Verschwindungen; sondern25 überall, wo der Betrachter etwas in dem Ge-mählde erkennen soll, was die Personen des Ge-mäldes entweder alle, oder zum Theil nicht er-kennen. Minerva ward dem Achilles nur alleinsichtbar, als sie ihn zurückhielt^ sich mir Lhät-30 lichkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen.Dieses auszudrücken, sagt Eaylus, weiß ichkeinen andern Rath, als daß man sie von der Seileder übrigen Rathsversammlung in eine Wolkeverhülle. Ganz wider den Geist des Dichters.35 Unsichtbar seyn ist der natürliche Zustand seinerGötter; es bedarf keiner Blendung, keiner Ab-schneidung der Lichtstrahlen, daß sie nicht gese-hen werden; ") sondern es bedarf einer Erleuch-tung, einer Erhöhung des sterblichen Gesichts,40 wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genugalso, daß die Wolke ein willkührliches, und keinnatürliches Zeichen bei den Mahlern ist; dieseswillkührliche Zeichen hat auch nicht einmal diebestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches45 haben könnte; denn sie brauchen es eben sowohl,um das Sichtbare unsichtbar, als um das Un-sichtbare sichtbar zu machen.

") Zwar läßt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke hüllen, aber nur alsdenn, wenn sievon andern Gottheiten nicht wollen gesehen werden. Z. E. Jliade 11, 282, wo Juno und der Schlaf „eingehülltin Nebel" sich nach dem Jda verfügen, war e» der schlauen Göttin höchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zuwerden, die ihr, nur unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Gürtel geliehen hatte. In eben demBuche lV. 333. 31) muß eine güldene Wolke den wollusttrunkcncn Jupiter mit seiner Gemahlin» umgeben, umihren züchtigen Weigerungen abzuhelfen:

„O wie wär'», wenn un» einer der ewig waltcnden GötterBeid' im Schlummer erblickt'". — — —

Sie fürchte sich nicht, von den Menschen gesehen zu werden, sondern von den Göttern, lind wenn schon Hont erden Jupiter einige Zeilen darauf sage» läßt <V. 311—313):

„Herc, weder ein Gott, o vertraue mir, weder ein Mensch auchWird uns schau n; denn ein solche» Gewölk' verbreit' ich umher Dir,

Strahlend von Gold ;"-

fo folgt doch daraus nicht, daß sie erst diese Wolke vor den Augen der Menschen würde verborgen habe»; sonder»e» will nur so viel sagen, daß sie in dieser Wolke eben so unsichtbar den Göttern werden solle, als sie c» nur immer denMenschen sey. So auch, wenn Minerva sich den Helm de» Pluto aufsehet (Jliade !>, 815), welche» mit dem Ver-hüllen in eine Wolke einerley Wirkung hatte, geschieht c» nicht, um von den Trojaner» nicht gesehen zu werden,die sie entweder gar nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelu» erblicken, sondern lediglich, damit sie Mars nichterkennen möge.