Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
193-194
JPEG-Download
 

193

Gottbold Ephraim Lessing.

194

XIII. Wenn Homer's Werke gänzlich ver-loren wären, wann wir von seiner Jlias undOdyssee nichts übrig hätten, als eine ähnlicheFolge von Gemählden, dergleichen Caylus da-raus vorgeschlagen: würden wir wohl aus die-sen Gemählden — sie sollen von der Hand desvollkommensten Meisters seyn — ich will nichtsagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloßvon seinem mahlerischen Talente, uns den Be-

„Aber die Götter um Zeus rathschlagetcn all'in Versammlung,

Sitzend auf goldener Flur; sie durchging dietreffliche Hebe,

Nektar umher einschenkend: und jen' ausgoldenen Bechern

Tranken sich zu einander und schaueren nie-der auf Troja."

rathpssegenden trinkenden Götter iJlias 4,1 —4).Ein goldner offener Pallast, willkührliche Grup-pen der schönsten und verehrungswürdigsten Ge-stalten, den Pocal in der Hand, von Heben,der ewigen Jugend, bedienet. Welche Architek-tur, welche Massen von Licht und Schatten,welche Contraste, welche Mannigfaltigkeit desAusdruckes! Wo fange ich an, wo höre ich

,. ..., .... .... auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der

griff bilden können, den wir itzt von ihm haben? 10 Mahler so bezaubert, wie vielmehr wird es derMan mache einen Versuch mit dem ersten Dichter thun! Ich schlage ihn auf, und ichdem besten Stücke. Es sey das Gemählde der finde — mich betrogen. Ich finde vier gutePest iJlias I, 44 — 53). Was erblicken wir plane Zeilen, die zur Unterschrift eines Gemähl-auf der Fläche des Künstlers? Todte Leich- des dienen können, in welchen der Stoff zu ei-name, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit 15 ncm Gemählde liegt, aber die selbst kein Ge-Gestorbenen beschäftiget, den erzürnten Gort auf mählde sindeiner Wolke, seine Pfeile abdrückend. Dergrößte Reichthum dieses Gemähldes ist Armuthdes Dichters. Denn sollte man den Homeraus diesem Gemählde wieder herstellen: was 20könnte man ihn sagen lassen? „Hierauf er-grimmte Apollo und schoß seine Pfeile unterdas Heer der Griechen. Viele Griechen starben,

und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun ^

lese man den Homer selbst: 25 Das würde ein Apollonius, oder ein noch

„Und von den Höh'n des Olympos enteilet' mittelmäßigerer Dichter, nicht schlechter gesagter, zürnendes Herzens, haben; und Homer bleibt hier eben so weitEr auf der Schulter den Bogen und wohl- unter dem Mahler, als der Mahler dort unterverschlossenen Köcher. ihm blieb.

Laut erschollen die Pfeil' an der Schulter des 30 Noch dazu findet Caylus in dem ganzenzürnenden Gottes, vierten Buche der Jlias sonst kein einziges Ge-

Als er einher sich schwang:. er wandelte dü- mählde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So

fterer Nacht gleich; sehr sich, sagt er, das vierte Buch durch die

Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, mannigfaltigen Ermunterungen zum Angriffe,

und schnellte den Pfeil ab; 35 durch die Fruchtbarkeit glänzender und abste-Grau'nvoll aber erklang das Getön des sil- chender Charaktere, und durch die Kunst aus-kernen Bogens. nimt, mit welcher uns der Dichter die Menge,

Nur Maulthier' erlegt' er zuerst und hurtige die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist

Hunde: es doch für die Mahlerey gänzlich unbrauchbar.

Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß 40 Er hätte dazu setzen können: so reich es auchhinwendend, sonst an dem ist, was man poetische Gemählde

Traf er; und rastlos brannten die Todten- nennet. Denn wahrlich, es kommen deren in

feuer in Menge." dem vierten Buche so häufige und so vollkom-

So weit das Leben über das Gemählde ist, so mene vor, als nur in irgend einem andern,

weit ist der Dichter hier über den Mahler. Er- 45 Wo ist ein ausgeführteres, täuschenderes Ge-

grimmt, mit Bogen und Köcher, steiget Apollo mählde, als das vom Pandarus, wie er auf

von den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn Anreizen der Minerva den Waffcnstillestand

nicht allein Herabsteigen, ich höre ihn- Mit je- bricht, und seinen Pfeil auf den Menelaus los-

dem Tritte erklingen die Pfeile um die Schul- drückt? als das von dem Anrücken des gricchi-

ter des Zornigen. Er gehet einher gleich der 50 schen Heeres? als das von dem beiderseitigen

Nacht. Run sitzt er gegen den Schiffen über, Angriffe? als das von der That des Ulysses,

und schnellet - fürchterlich erklingt der silberne durch die er den Tod seines Leucus rächet -Bogen - den ersten Pfeil auf die Maulthiere Was folgt aber hieraus, daß nicht wenige

und Hunde. Sodann saßt er mit dem gfftt- der schönsten Gemählde des Homers keine Ge-gern Pfeile die Menschen selbst; und überall 55 mählde für den Artisten geben; daß der Artistlodern unaufhörlich Holzstöße mit Leichnamen. Gemählde aus ihm ziehen kann, wo er selbst— Es ist unmöglich, die musikalische Mahlerey, kerne hat. daß die, welche er hat, und der Ar-

Belche die Worte des Dichters mit hören lassen, tist gebrauchen kann, nur sehr armselige Ge-

w eine andere Sprache überzutragen. Es ist mählde lein würden, wenn sie nicht mehr zeiq-

„so unmöglich, sie aus dem materiellen 60 len, als der Artist zeiget? Was sonst, als dieali»^?^ zu vermuthe», ob sie schon nur der Verneinung meiner obigen Frage? Daß aus

mäld/^b Vorzug ist, den das poetische Ge- den materiellen Gemählden, zu welchen die Gc-

dieier ^.^digem hat. Der Hauptvorzug ist Homers Stoff geben, wann ihrer

matei-'i-u- der Dichter zu dem, was das auch noch so viele, wann sie auch noch so vor-aanre aus ihm zeiget, durch eine 65 trefflich wären, sich dennoch auf das mahlerische

des Dichters nichts schließen läßt.

aaur- . ""Bde aus ihm zeiget, °r

^ Ak„- Gemählden führet.

.... ist die Pest kein vortheilhaf-

dei>-u b ^ ^ die Mahlerey. Hier ist ein an-oerer, der mehr Reize für das Auge hat. Die

Kurz, Pros. tzj,

. Ist dem aber so, und kann ein Ge-dicht sehr ergiebig für den Mahler, dennoch aberselbst nicht mahlerisch, hinwiederum ein anderes

13