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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
195-196
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Gotthvld fipsiraim Messing.

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sehr mahlerisch, und dennoch nicht ergiebig fürden Mahler seyn : so ist es auch um den Einfalldes Grafen Caylus gethan, welcher die Brauch-barkeit für den Mahler zum Probiersteine derDichter machen, und ihre Rangordnung nachder Anzahl der Gemählde, die sie dem Artistendarbieten, bestimmen wollen.')

Fern sey es, diesem Einfalle auch nur durchunser Stillschweigen das Ansehen einer Regelgewinnen zu lassen. Milton würde als daserste unschuldige Opfer derselben fallen. Dennes scheinet wirklich, daß das verächtliche Ur-theil, welches Caylus über ihn spricht, nichtsowohl Nalionalgeschmack, als eine Folge seinervermeinten Regel gewesen. Der Verlust desGesichts, sagt er, mag wohl die größte Aehn-lichkeit seyn, die Milton mit dem Homergehabt hat. Freilich kann Milton keine Gal-lerieen füllen. Aber müßte, so lange ich dasleibliche Auge hätte, die Sphäre desselben auchdie Sphäre meines inneren Auges seyn, sowürde ich, um von dieser Einschränkung freyzu werden, einen großen Werth auf den Ver-lust des ersteren legen.

Das Verlorne Paradies ist darum nicht we-niger die erste Epopöe nach dem Homer, weiles wenig Gemählde liefert, als die Leidensge-schichte Christi deßwegen ein Poem ist, weilman kaum den Kopf einer Nadel in sie setzenkann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nichteine Menge der größten Artisten beschäftigethätte. Die Evangelisten erzehlen das Faktummit aller möglichen trockenen Einfall und derArtist nutzer die mannigfaltigen Theile desselben,ohne daß sie ihrer Seits den geringsten Funkenvon mahlerischem Genie dabey gezeigt haben.Es giebt mahlbare und unmahlbare Fakta, undder Geschichtschreiber kann die mahlbarsten ebenso unmahlerisch erzehlen, als der Dichter dieunmahlbarsten mahlerisch darzustellen vermö-gend ist.

Man läßt sich bloß von der Zweydeutigkeitdes Wortes verführen, wenn man die Sacheanders nimt. Ein poetisches Gemählde ist nicht

nothwendig das, was in ein materielles Ge-mählde zu verwandeln ist; sondern jeder Zug,jede Verbindung mehrerer Züge, durch die unsder Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht,5 daß wir uns dieses Gegenstandes deutlicher be-wußt werden, als seiner Worte, heißt mahle-risch, heißt ein Gemählde, weil es uns demGrade der Illusion näher bringt, dessen dasmaterielle Gemählde besonders fähig ist, der sich10 von dem materiellen Gemählde am ersten undleichtesten abstrahiren lassen. ">

XV. Nun kann der Dichter zu diesemGrade der Illusion, wie die Erfahrung zeiget,auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer15 Gegenstände erheben. Folglich müssen nothwen-dig dem Artisten ganze Classen von Gemählden, abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat.Dryden's Ode auf den Cäcilienstag ist vollermusikalischen Gemählde, die den Pinsel müßig20 lassen- Doch ich will mich in dergleichen Exem-pel nicht verlieren, aus welchen man am Endedoch wohl nicht viel mehr lernet, als daß dieFarben keine Töne, und die Ohren keine Au-gen sind.

25 Ich will bei den Gemählden bloß sichtbarerGegenstände stehen bleiben, die dem Dichter undMahler gemein sind. Woran liegt es, däßmanche poetische Gemählde von dieser Art fürden Mahler unbrauchbar sind, und hinwiederum30 manche eigentliche Gemählde unter der Behand-lung des Dichters den größten Theil ihrer Wir-kung verlieren?

Exempel mögen mich leiten. Ich wieder-hohle es: das Gemählde des Pandarus im vier-35 ten Buche der Jlias ist eines von den ausge-führtesten, täuschendsten im ganzen Homer.Von dem Ergreifen des Bogens bis zu dem Flugedes Pfeiles, ist jeder Augenblick gemahlt, undalle diese Augenblicke sind so nahe und doch so40 unterschieden angenommen, daß, wenn mannicht wüßte, wie mit dem Bogen umzugehenwäre, man es aus diesem Gemählde allein ler-nen könnte."') Pandarus zieht seinen Bogenhervor, legt die Senne an, Lfnet den Köcher,

»1 Gemälde aus der JliaS. Vorbericht S. V. „Man hat immer angenommen, daß je mehr Bilder undHandlungen ein Gedicht gewähre, desto höheren Werth habe es in der Poesie. Diese Bemerkung hatte mich z» demGedanken geführt, daß die Berechnung der verschiedenen Gemälde, welche die Gedichte darbiete», dazu dienen könne,den «erhältnißinässigcn Wertb der Gedichte und der Dichter zu vergleichen. Die Zahl und die Gattung der Ge-mälde, welche diese grossen Werke enthalten, wären eine Art Probirstcin oder vielmehr eine sichere Wagschale desWerthes jener Dichtungen und des Genies ihrer Verfasser gewesen."

'*) Was wir poetische Gemählde nennen, nannten die Alten Pbantafleen, wie man sich aus dem Longin er-innern wird. Und was wir die Illusion, das Täuschende dieser Gemählde heiße», hieß bey ihnen die Gnargie.Daher hatte einer, wie PlutarchuS meldet, gesagt, die poetischen Phantasiern wäre», wegen ihrer Enargie,Träume der Wachenden. Ich wünschte sehr, die nruerrn Lehrbücher der Dichtkunst hätten sich dieser Benennung be-dienen, und des Worts Gemählde gänzlich enthalten wollen. Sie würden uns eine Menge halbwahrer Pegelnerspart haben, deren vornehmster Grund die Uebereinstimmung eines willkührlichen Namens ist. Poetische Phanta- -sieen würde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemähldes unterworffc» habe» l aber sobald mandie Phantasiern poetische Gemählde nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt.

Alias g. t 0 S ff.

„ Schnell entblößt er den Bogen — — — —

Den nun stellt er geschickt, nachdem er ihn spannt', auf die lärpeAngelcbnN — — — — — — —

Aeyo des Köchers Deckel eröffnet' er, wählte den Pfeil dann.»»geschnellt und gefiedert, den Urquell dunkeler Oualcn .Gilenv ordnet er nun das kerbe Geschoß auf der Senne.