197
Gotthold Ephraim Lessing.
1S8
wählet einen noch ungebrauchten wohlbefiedercenPfeil, setzt den Pfeil an die Senne, zieht dieSenne mit sammt dem Pfeile unten an demEinschnitte zurück/ die Senne nahet sich derBrust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem Bo-gen, der große gerundete Bogen schlägt tönendauseinander, die Senne schwirret, ab sprangder Pfeil, und gierig fliegt er nach seinemZiele.
Uebersthen kann Caylus dieses vortrefflicheGemählde nicht haben. Was fand er also da-rin, warum er es für unfähig achtete, seinenArtisten zu beschäftigen? Und was war es,warum ihm die Versammlung der rathpflegen-den zechenden Götter zu dieser Absicht taugli-cher dünkte ? Hier sowohl, als dort, sind sicht-bare Vorwürfe, und was braucht der Mahlermehr, als sichtbare Vorwürfe, um seine Flächezu füllen?
Der Knoten muß dieser seyn. Obschon beydeVorwürfe, als sichtbar, der eigentlichen Mahle-rey gleich fähig sind: so findet sich doch dieserwesentliche Unterschied unter ihnen, daß jenereine sichtbare fortschreitende Handlung ist, derenverschiedene Theile sich nach und nach, in derFolge der Zeit, eräugnen, dieser hingegen einesichtbare stehende Handlung, deren verschiedeneTheile sich neben einander im Raume entwickeln.Wenn nun aber die Mahlerey, vermöge ihrerZeichen oder der Mittel ikrer Nachahmung,die sie nur im Raume verbinden kann, der Zeitgänzlich entsagen muß: so können fortschrei-tende Handlungen, als fortschreitend, unter ihreGegenstände nicht gehören, sondern sie muß sichmir Handlungen neben einander, oder mit blo-ßen Körpern, die durch ihre Stellungen eineHandlung vermuthen lassen, begnügen. DiePoesie hingegen - -
XVI. Doch ich will versuchen, die Sacheaus ihren ersten Gründen herzuleiten.
Ich schließe so. Wenn es wahr ist, daß dieMahlerey zu ihren Nachahmungen ganz andereMittel oder Zeichen gebrauchet, als die Poesie,jene nämlich Figuren und Farben in dem Rau-me, diese aber artikulirte Töne in der Zeit;wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Ver-hältniß zu dem Bezeichneten haben müssen: sokönnen neben einander geordnete Zeichen auchnur Gegenstände, die neben einander, oder de-ren Theile neben einander eristircn, auf einan-der folgende Zeichen aber auch nur Gegenständeausdrücken, die auf einander, oder deren Theileauf einander folgen.
Gegenstände, die neben einander, oder derenTheile neben einander existiren, heißen Körper.Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren Eigen-schaften die eigentlichen Gegenstände der Mahlerey.
Gegenstände, die auf einander, oder derenTheile auf einander folgen, heißen überhauptHandlungen. Folglich sind Handlungen der ei-ötntiichx Gegenstand der Poesie.
Doch alle Körper existiern nicht allein in-dem Raume, sondern auch in der Zeit. Siedauern fort, und können in jedem Augenblickeihrer Dauer anders erscheinen, und in anderer-5 Verbindung stehen. Jede dieser augenblicklichenErscheinungen und Verbindungen ist die Wir-kung einer vorhergehenden, und kann die Ur-sache einer folgenden, und sonach gleichsam dasCentrum einer Handlung seyn. Folglich kann10 die Mahlerey auch Handlungen nachahmen, abernur andeutungsweise durch Körper.
Auf der andern Seile können Handlungennicht für sich selbst bestehen, sondern müssengewissen Wesen anhängen. In so fern nun15 diese Wesen Körper sind, oder als Körper be-trachtet werden, schildert die Poesie auch Kör-per, aber nur andeutungsweise durch Hand-lungen. *
Die Mahlerey kann in ihren cocristirenden20 Composilionen nur einen einzigen Augenblickder Handlung nutzen, und muß daher denprägnantesten wählen, aus welchem das Vorher-gehende und Folgende am begreiflichsten wird.
Eben so kann auch die Poesie in ihren fort-25 schreitenden Nachahmungen nur eine einzigeEigenschaft der Körper nutzen, und muß daherdiejenige wählen, welche das sinnlichste Bild desKörpers von der Seite erwecket, von welcher sieihn braucht.
30 Hieraus fließt die Regel von der Einheitder mahlerischen Beywörter, und der Sparsam-keit in den Schilderungen körperlicher Gegen-stände.
Ich würde in diese trockene Schlußkette we-35 niger Vertrauen setzen, wenn ich sie nicht durchdie Praxis des Homers vollkommen bestätigetfände, oder wenn es nicht vielmehr die Praxisdes Homers selbst wäre, die mich darauf ge-bracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen läßt40 sich die große Manier des Griechen bestimmenund erklären, so wie der entgegengesetzten Ma-nier so vieler neueren Dichter ihr Recht erthei-len, die in einem Stücke mit dem Mahler wett-eifern wollen, in welchem sie nothwendig von45 ihm überwunden werden müssen.
Ich finde, Homer mahlet nichts als fort-schreitende Handlungen, und alle Körper, alleeinzelne Dinge mahlet er nur durch ihren An-theil an diesen Handlungen, gemeiniglich nur50 mit Einem Zuge. Was Wunder also, daß derMahler da, wo Homer mahlet, wenig oder nichtsfür sich zu thun siehet, und daß seine Erndtenur da ist, wo die Geschichte eine Menge schö-ner Körper, in schönen Stellungen, in einem55 der Kunst vorthcilhaften Raume zusammen-bringt, der Dichter selbst mag diese Körper,diese Stellungen, diesen Raum so wenig mahlen,als er will? Man gehe die ganze Folge derGemählde, wie sie Caylus aus ihm vorschlägt,60 Stuck vor Stück durch, und man wird in je-dem den Beweis von dieser Anmerkung finden-
lind da»» zog cr die Kerbe zugleich, und die Nerve des Rindes.
Daß die Senne der Brust annaht und das Eise» dem Bogen.
AIS cr nunmehr sreisförnüg den mächtigen Bogen gekrüimnct,Schwirrte das Horn und tönte die Scn»-, und svrang das Geschoß bin.Scharfgcspitzt, in den Haufen hineinzufliegen verlangend. .