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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
199-200
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Gvtthold Ephraim Messing.

Ich lasse also hier den Grafen, der den Far-benstein des Malers zum Probiersteine des Dich-ters machen will, um die Manier des Homersnäher zu erklären.

Für Ein Ding, sage ich, hat Homer ge- ümeiniglich nur Einen Zug. Ein Schiff ist ihmbald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff,bald das schnelle Schiff, höchstens das wohlbe-ruderte schwarze Schiff- Weiter läßt er sich indie Mahlere») des Schiffes nicht ein- Aber wohl 10das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden desSchiffes macht er zu eincin ausführlichen Ge-mählde, zu einem Gemählde, aus welchem derMahler fünf, sechs besondere Gemählde machenmüßte, wenn er es ganz auf seine Leinwand 15bringen wollte.

Zwingen den Homer ja besondere Umstände,unsern Blick auf einen einzelnen körperlichenGegenstand länger zu heften : so wird demohn-geachket kein Gemählde daraus, dein der Mäh- 20ler mit dem Pinsel folgen könnte; sondern erweis durch unzählige Kunstgriffe diesen einzel-nen Gegenstand in eine Folge von Augenblickenzu setzen, in deren jedem er anders erscheinet,und in deren letztem ihn der Maler erwarten 25muß, um uns entstanden zu zeigen, was wirbei dem Dichter entstehen sehen Z. E. WillHomer uns den Wagen der Juno sehen lassen,so muß ihn Hebe vor unseren Augen Stück vorStück zusammensetzen. Wir sehen die Räder, 30die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemenund Stränge, nicht sowohl, wie es beisammenist, als wie es unter den Händen der Hebe zu-sammenkömmt, Auf die Räder allein verwen-det der Dichter mehr als einen Zug, und wei- 35sel uns die ehernen acht Speichen, die goldenenFelgen, die Schienen von Erzl, die silberneNabe, alles insbesondere. Man sollte sagen:da der Räder mehr als eines war, so mußte inder Beschreibung eben so viel Zeit mehr auf 40sie gehen, als ihre besondere Anlegung deren inder Natur selbst mehr erforderte lJlias 5, 722— 731,.

„Hebe fügt um den Wagen ihr schnell die ge-rundeten Räder, 45

Mit acht ehernen Speichen umher an die eiserneAxe.

Gold ist ihnen der Kranz, unaltendes; aberdarauf jene

Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wunder 50dem Anblick,

Silbern glänzen die Naben in schönumlaufenderRündung,

Dann in goldene» Riemen und silbernen schwe- 'bet der Sessel 55

Ausgespannt, und umringt mit zween umlau-fenden Rändern.

Vornhin streckt aus Silber die Deichsel sich;

aber am Ende

Band sie das goldene Joch, das prangende, dein 00sie die Seile,

Golden und schön, umschlang."

Will uns Homer zeigen, wie Agamcmnon be-kleidet gewesen, so muß sich der König vor un-sern Augen seine völlige Kleidung Stück vor 05Stück umthun; das weiche Unterkleid, den gro-ßen Mantel, die schönen Halbstiefeln, den De-gen; und so ist er fertig, und ergreift dasScepter. Wir sehen die Kleider, indem der

Dichter die Handlung des Bekleidens mahlet: einAnderer würde die Kleider bis auf die geringsteFranze gemahlet haben, und von der Handlunghätten wir nichts zu sehen bekommen lJlias 2,42 - 46,:

- - - - „Und zog das weiche Ge-

wand an.

Sauber und neugewirkt, und warf den Man-tel darüber;

Unter die glänzenden Füß' auch band er sich

- . stattliche Solen;Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll

silberner Buckeln;

Nahm auch^den Königsstab, den ererbten, ewi-ger Dauer! "

Und wenn wir von diesem Scepter, welcheshier bloß das väterliche, unvergängliche Scepterheisst, so wie ein ähnliches ihm an einem an-dern Orte bloß das mit goldenen Stiften be-schlagene Scepter ist, wenn wir, sage ich, vondiesem »richtigen Scepter ein vollständigeres,genaueres Bild haben sollen: »ras thut sodannHomer? Mahlt er uns, außer den goldenenNägeln, nun auch das Holz, den geschnitztenKnopf? Ja, »venn die Beschreibung in eineHeraldik sollte, damit einmal in den folgendenZeiten ein anderes genau darnach gemacht wer-den könne. Und doch bin ich gewiß, daß man-cher neuere Dichter eine solche Wappenkönigs-Beschreibung daraus würde gemacht haben, inder treuherzigen Meinung, daß er wirklich selbergemahlt habe, weil der Mahler ihm nachmahlenkann. Was bekümmert sich aber Homer, wieweit er den Mahler hinter sich läßt? Statt ei-ner Abbildung giebt er uns die Geschichte desScepters: erst ist es unter der Arbeit des Bul-,kans; nun glänzt es in den Händen des Ju-piters ; nun beinerkt es die Würde des Mer-kurs; nun ist es der Commandostab des krie-gerischen Pelops; nun der Hirtenstab des fried-lichen Atreus, u. s. w. lJlias 2, 101 — 108):

„Haltend den Königcsstab, den mit Kunst He-phästos gebildet,

Diesen gab Hephästos dem waltenden Zeus Kro-nion;

Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argos-würger;

Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Roffebän-diger Pelops;

Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidendenAtreus;

Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerrei-chen Thpestes;

Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnonzum Erbtheil,

Viel' Eiland' damit und Argos Reich zu be-herrschen."

So kenne ich endlich dieses Scepter besser, alsmir es der Mahler vor Augen legen, oder einzweiter Vulkan in die Hände liefern könnte. —Es würde mich nicht befremden, »venn ich fände,daß einer von den alten Auslegern des Homersdiese Stelle als die vollkommenste Allegorie vondem Ursprünge, dein Fortgange, der Befesti-gung und endlichen Beerbfolgung der königli-chen Gen-alt unter den Menschen bewunderthätte. Ich würde zwar lächeln, wenn ich läse,daß Vulkan, welcher das Scepter gearbeitet,