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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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201-202
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Gotthold Ephraim Messing.

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als das Feuer, als das, was dem Menschen zuseiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, dieAbstellung der Bedürfnisse überhaupt anzeige,welche die ersten Menschen, sich einem einzigenzu unterwerfe», bewogen; daß der erste Königein Sohn der Zeit (Zeus Kronion), ein ehr-würdiger Alter gewesen sey, welcher seine Machtmit einem beredten klugen Manne, mit einemMerkur („dem bestellenden Argoswürger"!, thei-len, oder gänzlich auf ihn übertragen wollen;daß der kluge Redner zur Zeit, als der jungeStaat von auswärtigen Feinden bedrohet wor-den, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krie-ger („dem Roffebändiger Pelops"! überlassenhabe; daß der tapfere Krieger, nachdem er dieFeinde gedämpfet und das Reich gesichert, esseinem Sohne in die Hände spielen können,welcher als ein friedliebender Regent, als einwohlthätiger Hirte seiner Völker, sie mit Wohl-leben und Ueberfluß bekannt gemacht habe, wo-durch nach seinem Tode dem reichsten seinerAnverwandten („dem lämmerreichen Thyestes")der Weg gebahnet worden, das, was bisherdas Vertrauen ertheilet, und das Verdienst mehrfür eine Bürde als Würde gehalten hatte, durchGeschenke und Bestechungen an sich zu bringen,und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gutseiner Familie auf immer zu versichern. Ichwürde lächeln, ich würde aber demohngeachtetin meiner Achtung für den Dichter bestärketwerden, dem man so vieles leiben kann. —Doch dieses liegt außer meinem Wege, und ichbetrachte itzt die Geschichte des Scepters bloßals einen Kunstgriff, uns bei einem einzelnenDinge verweilen zu machen, ohne sich in diefrostige Beschreibung seiner Theile einzulassen.Auch wenn Achilles bey seinem Scepter schwöret,die Geringschätzung, mit welcher ihm Agamem-non begegnet, zu rächen, giebt uns Homerdie Geschichte dieses Scepters. Wir sehen ihnauf den Bergen grünen, das Eisen trennet ihnvon dem Stamme, entblättert und entrindetihn, und macht ihn bequem, den Richtern desVolkes zum Zeichen ihrer göttlichen Würde zudienen (Jlias 1, 234 - 239!:

„Wahrlich bei diesem Scepter, der niemalsBlätter und Zweige

Wieder zeugt, nachdem er den Stumpf im Ge-birge verlassen;

Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schältedas Erz ihm

Laub und Rinde hinweg; und cdele SöhneAchaia's

Tragen ihn jetzt in der Hand, die richtenden,welchen Kronion

Seine Gesetze vertraut." — — — —

Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen,zwey Stäbe von verschiedener Materie und Fi-llssr zu schildern, als uns von der Verschieden-heit der Macht, deren Zeichen diese Stäbe wa-snV/'" sinnliches Bild zumachen. Jener, ein?Lerk des Vulkans; dieser, von einer unhckann-^5"?! nuf den Bergen geschnitten : jener, deraire Besitz eines edeinHaüses; dieser, bestimmt,erste die beste Faust zu füllen: jener, vonMärchen über viele Inseln und überden? erstrecket; dieser, von einem aus

Mittel der Griechen geführet, dem man

nebst Andern die Bewahrung der Gesetze an-vertrauet hatte. Dieses war wirklich der Ab-stand, in welchem sich Agamemnon und Achillvon einander befanden; ein Abstand, den Achill5 selbst, bey allem seinem blinden Zorne, einzuge-stehen, nicht umhin konnte.

Doch nicht bloß da, wo Homer mit seinenBeschreibungen dergleichen weitere Absichten ver-bindet, sondern auch da, wo es ihm um das10 bloße Bild zu thun ist, wird er dieses Bild ineine Art von Geschichte des Gegenstandes ver-streue», um die Theile desselben, die wir inder Natur neben einander sehen, in seinem Ge-mählde eben so natürlich auf einander folgen,15 und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritthalten zu lassen. Z. E. Er will uns den Bo-gen des Pandarus mahlen: einen Bogen vonHorn, von der und der Länge, wohl poliret,und an beyden Spitzen mit Goldblech beschlagen.20 Was thut er? Zählt er uns alle diese Eigen-schaften so trocken eine nach der andern vor?Mit Nichten; das würde einen solchen Bogenangeben, vorschreiben, aber nicht mahlen heißen.Er fängt mit der Jagd des Steinbockes an, aus25 dessen Hörnern der Bogen gemacht worden;Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepaßt,und ihn erlegt; die Hörner waren von außer-ordentlicher Größe, deßwegen bestimmte er siezu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit, der30 Künstler verbindet sie, poliret sie, beschlägt sie.Und so, wie gesagt, sehen wir bey dem Dichterentstehen, was wir bey dem Mahler nicht andersals entstanden sehen können (Jlias 3,105 —111>:

„Schnell entblößt' er den Bogen, geschnitzt vondes üppigen SieinbocksSchönem Gehörn, dem er selber die Brust von, unten getroffen,

Als er dem Felsen entsprang; am gewähletenOrt ihn erwartend,

Zielt' und durchschoß er die Brust, daß rücklingsam Fels er hinabsank.Sechszehn Handbreit ragten empor am Hauptedie Hörner.

Solche schnitzt' und verband der HornarbeitendeKünstler,

Glättete Alles genau, und bcschlug's mit gol-dener Krümmung."

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich50 alle Exempel dieser Art ausschreiben wollte.Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in Menge beyfallen.

XVII. Aber, wird man einwenden, dieZeichen der Poesie sind nicht bloß auf einander55 folgend, sie sind auch willkührlich; und als will-kührliche Zeichen sind sie allerdings fähig, Kör-per, so wie sie im Raume existiren, auszudrü-cken. In dem Homer selbst fänden sich hier-von Exempel, an dessen Schild des Achilles man60 sich nur erinnern dürfe, um das entscheidendsteBeyspiel zu haben, wie weitläuftig und dochpoetisch man ein einzelnes Ding nach seinenTheilen neben einander schildern könne.

Ich will auf diesen doppelten Einwurf a»c-65 warten. Ich „enne ihn doppelt, weil ein rich-tiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß,und Gegentheils das Exempel des Homers beymir von Wichtigkeit ist, auch wenn ich es nochdurch keinen Schluß zu rechtfertigen weis.