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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
203-204
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Gotthold Ephraim Messing.

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Es ist wahr; da die Zeichen der Rede will-kührlich sind, so ist es gar wohl möglich, daßman durch sie die Theile eines Körpers eben sowohl auf einander folgen lassen kann, als sie inder Natur neben einander befindlich sind. Allein 5dieses ist eine Eigenschaft der Rede und ihrerZeichen überhaupt, nicht aber in so ferne sie derAbsicht der Poesie am bequemsten sind. DerPoet will nicht bloß verständlich werden, seineVorstellungen sollen nicht bloß klar und deut- 10lich seyn; hiermit begnüget sich der Prosaist.Sondern er will die Ideen, die er in uns er-wecket, so lebhaft machen, daß wir in der Ge-schwindigkeit die wahren sinnlichen Eindrückeihrer Gegenstände zu empfinden glauben, und 15in diesem Augenblicke der Täuschung uns derMittel, die er dazu anwendet, seiner Worte,bewußt zu seyn aufhören. Hierauf lief oben dieErklärung des poetischen Gemähldes hinaus.Aber der Dichter soll immer mahlen; und nun 20wollen wir sehen, in wie ferne Körper nach ih-ren Tbcilen neben einander sich zu dieser Mah-lerey schicken.

Wie gelangen wir zu der deutlichen Vor-stellung eines Dinges im Raume? Erst be- 25trachten wir die Theile desselben einzeln, hier-auf die Verbindung dieser Theile, und endlichdas Ganze- Unsere Sinne verrichten diese ver-schiedene Operationen mit einer so erstaunli-chen Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige 30zu seyn bcdünken, und diese Schnelligkeit istunumgänglich nothwendig, wann wir einen Be-griff von dem Ganzen, welcher nichts mehr alsdas Resultat von den Begriffen der Theile undihrer Verbindung ist, bekommen sollen. Gesetzt 35nun also auch, der Dichter führe uns in derschönsten Ordnung von einem Theile des Ge-genstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse unsdie Verbindung dieser Theile auch noch so klarzu machen: wie viel Zeit gebraucht er dazu? 40Was das Auge mit einmal überstehet, zählt eruns merklich langsam nach und nach zu, undoft geschieht es, daß wir bei dem letzten Zugeden ersten schon wiederum vergessen haben. Je-dennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein 45Ganzes bilden: dem Auge bleiben die betrach-teten Theile beständig gegenwärtig; es kann sieabermals und abermals überlaufen: für dasOhr hingegen sind die vernommenen Theile ver-lohnen, wann sie nicht in dem Gedächtnisse zu- 50rückblciben. Und bleiben sie schon da zurück:welche Mühe, welche Anstrengung kostet es,ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung solebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigenGeschwindigkeit auf einmal zu überdenken, um 55zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zugelangen t

Man versuche es an einem Beuspiele, wel-ches ein Meisterstück in seiner Art heißen kann(S- des Herrn v. Haller Alpen.). 60

»Dort nage das hohe Haupt vom edlen EnzianeWeit übcrn niedern Ehor der Pöbelkräuter hin,

Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne,Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret

ihn. 65

Der Blumen Helles Gold, in Strahlen umge-

bogen,

Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein

grau Gewand;

Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün

durchzogen,

Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem

Diamant.

Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier ver-mähle :

In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele.

Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einemgrauen Nebel,

Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hinge-legt;

Die holde Blume- zeigt die zwei vergöld'ten

Schnabel,

Die ein von Amethyst gebild'ter Vogel trägt.Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger aus-gekerbet,

Auf einen hellen Bach den grünen Wiederschein;Der Blumen zarter Schnee, den matter Pur-pur färbet,

Schließt ein gestreifter Stern in weiße Strah-len ein.

Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner

Heyde,

Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide."

Es sind Kräuter und Blumen, welche der ge-lehrte Dichter mit großer Kunst und nach derNatur mahlet. Mahlt, aber ohne alle Täuschungmahlet. Ich will nicht sagen, daß, wer dieseKräuter und Blumen nie gesehen, sich auch ausseinem Gemählde so gut als gar keine Vorstel-lung davon machen könne. Es mag seyn, daßalle poetische Gemählde eine vorläufige Bekannt-schaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ichwill auch nicht leugnen, daß demjenigen, demeine solche Bekanntschaft hier zu Statten kömmt,der Dichter nicht von einigen Theilen eine leb-haftere Idee erwecken könnte Ich frage ihnnur: wie steht es um den Begriff des Ganzen?Wenn auch dieser lebhafter sevn soll, so müssenkeine einzelne Theile darin vorstechen, sonderndas höhere Licht muß auf alle gleich vertheiletscheinen; unsere Einbildungskraft muß alle gleichschnell überlaufen können, um sich das aus ih-nen iklit eins zusammen zu setzen, was in derNatur mit eins gesehen wird. Ist dieses hierder Fall? Und ist er es nicht, wie hat mansagen können, „daß die ähnlichste Zeichnung ei-nes Mahlers gegen diese poetische Schilderungganz matt und düster seyn würde?« lBrei-tingcr's Critische Dichtkunst, Th. II. S. 807.)Sie bleibet unendlich unter dem, was Linienund Farben auf der Fläche ausdrücken können,und der Kunstrichtcr, der ihr dieses übertrie-bene Lob ertheilet, muß sie aus einem ganz fal-schen Gesichtspunkte betrachtet haben; er mußmehr auf die fremden Zierrathcn, die der Dich-ter darein verwäbet hat, auf die Erhöhung überdas vegetative Leben, auf die Entwickelung derinneren Vollkommenheiten, welchen die äußereSchönheit nur zur Schale dienet, als auf dieseSchönheit selbst und auf den Grad der Lebhaf-tigkeit und Aehnlichkeit des Bildes, welches unsder Mahler und welches uns der Dichter davongewähren kann, gesehen haben. Gleichwohlkömmt es bier lediglich nur auf das letztere an,und wer da sagt, daß die bloßen Zeilen:

„Der Blumen Helles Gold, in Strahlen umge-bogen ,