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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
205-206
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Gotthold Ephraim Messing.

206

Tbürmt sich am Stengel auf, und krönt sein

grau Gewand;

Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün r

durchzogen.

Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem 5

Diamant« —

daß diese Zeilen in Ansehung ihres Eindrucksmir der Nachahmung eines Hupsum wettei-fern können, muß seine Empfindung nie befragthaben, oder sie vorsätzlich verleugnen wollen- 10Sie mögen sich, wenn man die Blume selbst inder Hand hat, sehr schön dagegen recitirenlassen; nur vor sich allein sagen sie wenig odernichts. Ich höre in jedem Worte den arbeiten-den Dichter, aber das Ding selbst bin ich weit 15entfernet zu sehen.

Nochmals also: ich spreche nicht der Redeüberhaupt das Vermögen ab, ein körperlichesGanze nach seinen Theilen zu schildern; sie kannes, weil ihre Zeichen, ob sie schon auf einander 29folgen, dennoch willkührliche Zeichen sind: son-dern ich spreche es der Rede als dem Mittelder Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schil-derungen der Körper das Täuschende gebricht,worauf die Poesie vornehmlich gehet; und die- 25ses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum ge-brechen , weil das Coeristirende des Körpers mitdem Consecutiven der Rede dabei in Collisionkömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird,uns die Zergliederung des Ganzen in seineTheile zwar erleichtert, aber die endliche Wie-derzusammensetzung dieser Theile in das Ganzeungcmein schwer, und nicht selten unmöglichgemacht wird.

Ueberall, wo es daher auf das Täuschende 35nicht ankömmt, wo man nur mit dem Ver-stände seiner Leser zu thun hat, und nur aufdeutliche und so viel möglich vollständige Be-griffe gehet: können diese aus der Poesie ausge-schlossene Schilderungen der Körper gar wohl 40Platz haben, und nicht allein der Prosaist, son-dern auch der dogmatische Dichter (denn da, woer dogmatisiret, ist er kein Dichter), können sichihrer mit vielem Nutzen bedienen. So schildertz. E. Virgil in seinem Gedichte vom Land- 45baue eine zur Zucht tüchtige Kuh (3,51 — 59):

— — — „Trotziges Ansehns

„Sei die Kuh, unzierlich ihr Haupt, und mäch-tig der Nacken,

Der auch tief zu den Beinen vom Kinn die 50Wampe herabhängt;

Lang die Seite gestreckt, die unendliche; allesgewaltig:

Fuß auch und zottige Ohren an eingebogenen

Hörnern. 55

Auch mißfalle mir nicht, -die mit sprenkelnderWeiße hervorscheint,Oder dem Joche sich sträubt, und manchmaldroht mit dem Hörne,

dkicht unähnlich dem Stier' an Gestalt, und er- 60habcnes Wuchses,

und die im Gange die Spuren mit niederemSchweife zerfeget.«

Oder ein schönes Füllen (Ebend. 79 - 81):

— — — — „Hochragendes Halses

Ist es, und feineres Hauptes, dünnbäuchig undfleischiges Rückens;

Und vollmuskelig strotzt ihm die muthige Brust«

u. s. w.

Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hiermehr an der Auseinandersetzung der Theile, alsan dem Ganzen gelegen gewesen?. Er will unsdie Kennzeichen eines schönen Füllens, einertüchtigen Kuh zuzählen, um uns in den Standzu setzen, nachdem wir deren mehrere oder we-nigere antreffen, von der Güte der einen oderdes andern urtheilen zu können; ob sich aberalle diese Kennzeichen in ein lebhaftes Bild leichtzusammen fassen lassen, oder nicht, das konnteihm sehr gleichgültig sevn.

Außer diesem Gebrauche sind die ausführli-chen Gemählde körperlicher Gegenstände ohneden oben erwähnten Homerischen Kunstgriff,das Coeristirende derselben in ein wirkliches Suc-cessives zu verwandeln, jederzeit von den fein-sten Richtern für ein frostiges Spielwerk er-kannt worden, zu welchem wenig oder gar keinGenie gehöret. Wenn der poetische Stümper,sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt eran, einen Hain, einen Altar, einen durch un-muthige Fluren sich schlangelnden Bach, einenrauschenden Strom, einen Regenbogen zu mah-len (Ueber die Dichtkunst 3, 16 — 18>:

- - - - „Wenn Hain und Altar der

Diane

Und des beschleunigten Bachs Umlauf durch la-chende Felder,

Oder der rheinische Strom, und ein Regenbo-gen gemalt wird.«

Der männliche Pope sahe auf die mahlerischenVersuche seiner poetischen Kindheit mit großerGeringschätzung zurück. Er verlangte ausdrück-lich, daß, wer den Nahmen eines Dichtersnicht unwürdig führen wolle, der Schilderungs-sucht so früh wie möglich entsagen müsse, underklärte ein bloß mahlendes Gedicht für einGastgebot auf lauter Brühen. Bon dem Herrnvon Kleist kann ich versichern, daß er sich aufseinen Frühling das wenigste einbildete. Hätteer länger gelebt, so würde er ihm eine ganzandere Gestalt gegeben haben. Er dachte dar-auf, einen Plan hinein zu legen, und sann aufMittel, wie er die Menge von Bildern, die eraus dem unendlichen Raume der verjüngtenSchöpfung, auf Gerathewohl, bald hier baldda, gerissen zu haben schien, in einer natürli-chen Ordnung vor seinen Augen entstehen undauf ewander folgen lassen wolle. Er würdezugleich das gethan haben, was Marmontel,ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklo-gen, mehreren deutschen Dichtern gerathen Hai;er wurde aus einer mit Empfindungen nursparsam durchwehten Reihe von Bildern, einemit Bildern nur sparsam durchflochtene Folaevon Empfindungen gemacht haben ')

"> Französische Poetik 2, S. Ml. „Ich habe diese Bemerkungen niedergeschrieben, ehe die Versuche dereut,chen in dieser Gartung ((-Möge) unter uns bekannt waren. Sie haben ausgeführt, was ich im Sinne hatte,und wenn fte dahin gelangen, die moralische Seite mehr unv das Detail der sinnlichen Malereien weniger hcrvvr-re en zu äffen, so werden sie sich in dieser Gattung auszeichnen, die reicher, umfassender, fruchtbarer und unendlich»a.nrl-cher und sittlicher ist, als die der Hirtengedichte.'