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207 Gotthold Ephraim Messing.
XVIII. Und dennoch sollte selbst Homer gestreckt gewesen, und sich krümmet." Es ist
in diese frostigen Ausmahlungen körperlicher Ge- unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle
genstände verfallen seyn? ' zwey verschiedene Augenblicke in einen einzigen
Ich will hoffen, daß es nur sehr wenige zusammen bringt. Denn da dem Fuße, welcher
Stellen sind, auf die man sich deßfalls berufen 5 hinten gestanden, und sich vor bewegt, der
kann; und ich bin versichert, daß auch diese Theil des Gewandes, welches aus ihm liegt,
wenigen Stellen von der Art sind, daß sie die unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von
Regel, von der sie eine Ausnahme zu seyn schei- sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur
nen, vielmehr bestätigen. Mahlerey ganz unbequem ist: so giebt es keinen
Es bleibt dabey: die Zeitfolge ist das Gebiete 10 Augenblick, in welchem das Gewand im gerinq-des Dichters, so wie der Raum das Gebiete des sten eine andere Falte machte, als es der itzi'ge
Mahlers. Stand des Gliedes erfordert; sondern läßt man
Zwey nothwendig entfernte Zeitpunkte jn es eine andere Falte machen, so ist es der vo-
ein und eben dasselbe Gemählde bringen, sowie rige Augenblick des Gewandes und der itzige
Fr. Mazzuoli den Raub der' Sabinischcn 15 des Gliedes. Demohngeachtet, wer wird es mitJungfrauen, und derselben Aussöhnung ihrer dem Arlisten so genau nehme», der seinen Bor-
Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder wie theil dabey findet, uns diese beyden Augenblicke
Titian die ganze Geschichte des verlohrnen zugleich zu zeigen? Wer wird ihn nicht viel-
Sohnes, sein liederliches Leben und sein Elend mehr rühme», daß er den Verstand und das
und seine Reue: heißt ein Eingriff des Mäh- 20 Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler
lers in das Gebiete des Dichters, den der gute zu begehen, um eine größere Vollkommenheit
Geschmack nie billigen wird. des Ausdruckes zu erreichen?
Mehrere Theile oder Dinge, die ich noth- Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine
wendig in der Nalur auf einmal übersehen muß, fortschreitende Nachahmung erlaubet ihm eigent-
wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, bem 25 lich, auf einmal nur eine einzige Seite, eineLeser nach und nach zuzählen, um ihm dadurch einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegen-ein Bild von dem Ganzen machen zu wollen, stände zu berühren. Aber wenn die glückliche
heißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit ei-
des Mahlers, wobey der Dichter viel Jmagi- nein einzigen Worte zu thu» verstattet; warumnation ohne allen Nutzen verschwendet. 30 sollte er nicht auch dann und wann ein zweytes
Doch, so wie »wey billige freundschaftliche solches Wort hinzufügen dürfen? Warum nichtNachbarn zwar nicht verstatten, daß sich einer auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes,in des andern innerstem Reiche ungeziemende oder wohl gar ein viertes? Ich habe gesagt, demFreiheiten herausnehme, wohl aber auf den äu- Homer sey z. E. ein Schiff, entweder nurßersten Grenzen eine wechselseitige Nachsicht Herr- l!5 das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oderschen lassen, welche die kleinen Eingriffe, die das schnelle Schiff, höchstens das woklberudertcder eine in des andern Gerechtsame in der Ge- schwarze Schiff. Zu verstehen won seiner Ma-
schwindigkeit sich durch seine Umstände zu thun nier überhaupt. Hier und da findet sich eine
genöthiget siehet, friedlich von beyden Theilen Stelle, wo er das dritte wählende Epithetoncompensiret: so auch die Mahlerey und Poesie. 40 hinzusetzet: runde, eherne, achtspeichigte RäderIch will in dieser Absicht nicht anführen, iJlias 5, 722). Auch das vierte: ein überalldaß in großen historischen Gemählden der einzige glattes, schönes, ehernes, getriebenes SchildAugenblick fast immer um etwas erweitert ist, lJlias 12, 204). Wer wird ibn darum tadeln?und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren Wer wird ihm diese kleine Ueppigkeit nicht viel-sehr reiches Stück findet, in welchem jede Fi- 45 mehr Dank wissen, wenn er empfindet, welchegur vollkommen die Bewegung und Stellung gute Wirkung sie an wenigen schicklichen Stel-hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthand- lcn haben kann?
lung haben sollte; die eine hat eine etwas frü- Des Dichicrs sowohl, als des Mahlers ei-
here, die andere eine etwas spätere. Es ist die- gentliche Rechtfertigung hierüber will ich aberses eine Freyheit, die der Meister durch gewisse 50 nicht aus dem vorangeschickte» Gleichnisse von zweyFeinheiten in der Anordnung rechtfertigen muß, freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen,durch die Verwendung oder Entfernung seiner Ein bloßes Gleichniß beweiset und rechtfertiget
Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, ei- nichts. Sondern dieses muß sie rechtfertigen:
nen mehr oder weniger augenblicklichen Antheil so wie dort bey dem Mahler die zwey verschie-zu nehmen erlaubet. Ich will mich bloß einer 55 denen Augenblicke so nahe und unmittelbar anAnmerkung bedienen, welche Herr Mengs über einander grenzen, daß sie ohne Anstoß für ei-die ^»rapperie des Raphacls macht.-) „Alle nen einzigen gelten können; so folgen auch hierFalten," sagt er, „haben bey ihm ihre Ursa- bey dem Dichter die mehreren Züge für die ver-
chen, es sey durch ihr eigen Gewichte, oder schiedenen Theile und Eigenschaften im Raume
durch die Ziehung der Glieder. Manchmal siehet 00 in einer solchen gedrängten Kürze so schnell aufman in ihnen, wie sie vorher gewesen; Ra- einander, daß wir sie alle auf einmal zu hören
phael hat auch sogar i„ diesem Bedeutung ge- glauben.
sucht. Man siehet an den Falten, ob ein Bein Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer
oder Arm vor dieser Regung, vor oder hinten seine porrrefflichc Sprache »„gemein zu statten,gestanden, ob das Glied von Krümme zur Aus- 65 Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freyheitstreckung gegangen, oder gehet, oder ob es aus- in Häuffung und Zusammensetzung der Beywör-
'> Gedanke» über die Schönheit und über den Geschmack in der Mahleren, S. «!>.