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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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209-210
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Gottbold Ephraim Lcssing.

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ter, sondern sie hat auch für diese gehäufte wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, des-

Beywörter eine so glückliche Ordnung, daß der sen Beschreibung nach seinen Theilen neben ein-

nachkheiligen Suspension ihrer Beziehung da- ander, dem Dichter nicht vergönnet seyn soll?

durch abgeholffen wird. An einer oder mehreren Und dieses Schild hat Homer in mehr als

dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neueren 5 hundert prächtige!? Versen, nach seiner Materie,Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die nach seiner Form, nach allen Figuren, welche

französische, welche z. E. jenes »runde, eherne, die ungeheuere Fläche desselben füllten, so um-

achispeichigte Räder" umschreiben müssen: „die stündlich, so genau beschrieben, daß es neueren

runden Räder, welche von Erzt waren, und Künstlern nicht schwer gefallen, eine in'allen

acht Speichen hatten," drücken den Sinn aus, 10 Stücken übereinstimmende Zeichnung darnachaber vernichten das Gemählde. Gleichwohl ist zu machen.

der Sinn hier nichts, und das Gemählde alles; Ich antworte auf diesen besonderen Ein-und jener ohne dieses macht den lebhaftesten Dich- Wurf — daß ich bereits darauf geantwortet

ter zum langweiligsten Schwätzer. Ein Schicksal, habe. Homer mahlet nehmlich das Schild

das den guten Homer unter der Feder der 15 nicht als ein fertiges, vollendetes, sonderngewissenhaften Frau Dacier oft betroffen hat. als ein werdendes Schild. Er hat alio auchUnsere deutsche Sprache hingegen kann zwar hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet,die Homerischen Beywörter meistens in eben so das Coeristirende seines Borwurfes in ein Con-kurze gleichgeltcndc Beywörter verwandeln, aber seculives zu verwandeln, und dadurch aus derdie vortheilhafte Ordnung derselben kann sie der 2» langweiligen Mahlerey eines Körpers das leben-griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar, dige Gemählde einer Handlung zu machen. Wir„die runden, ehernen, achkspeichigten" — — sehen nicht das Schild, sondern den göttlichenaber „Räder" schleppt hinten nach. Wer em- Meister, wie er das Schild verfertiget. Erpsindec nicht, daß drei verschiedene Prädicate, tritt mit Hammer und Zange vor seinen Am-ehe wir das Subject erfahren, nur ein schwan- 25 boß, und nachdem er die Platten aus dem gröb-kes, verwirrtes Bild machen können? Der sten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zuGrieche verbindet das Subject gleich mit dem dessen Auszierung bestimmet, vor unseren Au-ersten Prädicate, und lässt die anderen nach- gen, eines nach dem andern, unter seinen fei-folgen; er sagt: „runde Räder, eherne, acht- neren Schlägen aus dem Erzte hervor. Eherspeichigte." So wissen wir mir eins, wovon 30 verlieren wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte,er redet, und werden, der natürlichen Ordnung bis alles fertig ist. Nun ist es fertig, und wirdes Denkens gemäß, erst mit dem Dinge, und erstaunen über das Werk, aber mit dem gläu-dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen bigen Erstaunen eines Augenzeugens, der es ma-Vorthcil hat unsere Sprache nicht. Oder soll chen sehen.

ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn nur selten 35 Dieses lässt sich von dem Schilde des Aeneasohne Zweydeutigkeit nutzen? Beydes ist eins. beym Lirgil nicht sagen. Der römische Dich-Denn wenn wir Beywörter hinlennach setzen ter empfand entweder die Feinheit seines Mu-wollcn, so müssen sie im slntu absolut» stehen; sters hier nicht, oder die Dinge, die er aufwir müssen sagen: runde Räder, ehern und sein Schild bringen wollte, schienen ihm vonachtspeichigt. Allein in diesem statu kommen 40 der Art zu seyn, daß sie die Ausführung vorunsere Adjectiva völlig mit den Adverbiis über- unseren Augen nicht wohl verstatteten. Esein, und müssen, wenn man sie als solche zu- waren Prophezeiungen, von welchen es freylichdem nächsten Zeitworte, das von dem Dinge unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gottprädicirec wird, ziehet, nicht selten einen ganz in unserer Gegenwart eben so deutlich geäußebtfalschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn 45 hätte, als sie der Dichter hernach ausleget,verursachen. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, ver-

Doch ich halte mich bey Kleinigkeiten auf, langen eine dunkelere Sprache, in welche dieund scheine das Schild vergessen zu wollen, das eigentlichen Namen der Personen aus der Zu-Schild des Achilles: dieses berühmte Gemählde, kunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleich-in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor 50 wohl lag an diesen wahrhaften Nahmen, allemAlters als ein Lehrer der Mahlerey betrachtet Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne hierwurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch das meiste.*) Wenn ihn aber dieses entschul-

*1 Ich finde, daß Serviles dem Lirgil eine andere Entschuldigung leihet. Denn auch Scrvius hat dasUnterschied, der zwischen beyden Schilden ist, bemerkt: „Es ist allerdings ein Unterschied zwischen diesem Schild unddem des Homer; denn dort wird alles Einzelne beschrieben, während cS gemacht wird, hier aber wird es erst nach voll-cndetcr Arbeit dargestellt. Den» auch hier erhält AencaS die Waffen eher, als er sie sah; dort werden sie von derThrtis zu Achilles gebracht, nachdem Alles beschriebe» worden ist. l3n Aeneide 8, 625.) Uud warum dieses ?

arum, Meinet Servius, weil auf dem Schilde des AcneaS nicht bloß die wenigen Begebenheiten, die der Dichter«"führet, soudern

— — — — „Alles Geschlecht, das -ntblühn einst ,

Wird von Askanius Stamm, und gekämpfctc Krieg' in der Ordnung"abgebildet waren. Wie wäre es also möglich gewesen, daß nut eben der Geschwindigkeit, in welcher Vulkan daschl d arbeiten mußte, der Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte nahmhaft machen, und alle von> neu nach der Ordnung geführte Kriege hätte erwähnen können k Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worteve k „Lirgil handelt daher verständig, weil die Schnelligkeit der Erzählung wobl nicht zugleich hätte

konnt''" nicht so schnell ausgeführt werden könne», daß es mit der Darstellung Schritt halten

e. a Birgil nur etwas weniges von dem „nicht crzählbaren Inhalt des Schildes" beybringen konnte, soKurz, vros. Si, 14