211
Gottkold (Ephraim Lcssing.
212
diget, so hebr es darum nicht auch die übleWirkung aus, welche seine Abweichung von demHomerischen Wege hat. Leser von einem fei-nern Geschmacke werden mir Recht geben. DieAnstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht,sind bey dem Virgil ungefehr eben die. welcheihn Homer machen lässt. Aber anstatt daß wirden dem Homer nicht bloß die Anstalten zurArbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehenbekommen, lässt Virgil, nachdem er uns nurden geschäftigen Gott mit seinen Cyklopen über-haupt gezeiget lAeneide 8, 447 — 53):„Machtvoll gleich wird entworfen ein Schild,
- - - Da indeß ein Theil mit athmen-
den Bälgen
Lust einhaucht und verbläst, ein Theil in denzischenden Kühltrog
Tauchet das Erz; laut dröhnt von Amboß-schlägen die Felskluft.
All' itzt, froh Wettschwungs, kraftvoll rings,heben die Arm' aus,
Nach dem Verhalt, und dreh'n mit kneipenderZange den Glutklump."den Vorhang auf einmal niederfallen, und ver-seht uns in eine ganz andere Scene, von daer uns allmählig in das Thal bringt, in wel-chem die Venus mit den indeß fertig geworde-nen Waffen bey dem Aeneas anlangt. Sielehnet sie an den Stamm einer Eiche, undnachdem sie der Held genug begaffet, und be-staunet, und betastet, und versuchet, hebt sichdie Beschreibung, oder das Gemählde des Schil-des an, welches durch das ewige: Hier ist, undDa ist, Rahe dabey steht, und Nicht weit da-von siehet man — so kalt und langweilig wird,daß alle der poetische Schmuck, den ihm einVirgil geben konnte, nöthig war, um es unsnicht unerträglich finden zu lassen. Da diesesGemählde hiernächst nicht Aeneas macht, alswelcher sich an den bloßen Figuren ergehet,und von der Bedeutung derselben nichts weiß,lAeneis 8, 73«,
- - „ unkundig der Ding' und fröhlich der
Bildung:" *
auch nicht Venus, ob sie schon von den künf-tigen Schicksalen ihrer lieben Enkel vermuthlicheben so. viel wissen mußte, als der gutwilligeEhemann: sondern da es aus dem eigenenMunde des Dichters kömmt: so bleibet dieHandlung offenbar wähkend demselben stehen.Keine einzige von seinen Personen nimmt daranTheil; es hat auch auf das Folgende nicht dengeringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses,oder etwas anderes vorgestellet ist; der witzigeHofmann leuchtet überall durch, der mit allerley
schmeichelhaften Anspielungen seine Materie auf-stützet, aber nicht das große Genie, das sich aufdie eigene innere Stärke seines Werkes verlässt,und alle äußere Mittel, interessant zu werden,5 verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglichein wahres Einschiebsel, einzig und allein be-stimmt , dem Nationalstolze der Römer zuschmeicheln; ein fremdes Büchlein, das derDichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas10 reger zu machen. Das Schild des Achilles hin-gegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbarenBodens; denn ein Schild mußte gemacht wer-den, und da das Nothwendige aus der Handder Gottheit nie ohne Anmuth kömmt, so15 mußte das Schild auch Verzierungen haben. Aberdie Kunst war, diese Verzierungen als bloßeVerzierungen zu behandeln, sie in den Stoffeinzuweben, um sie uns nur bey Gelegenheitdes Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich allein20 in der Manier des Homers thun. Homerlässt den Vulkan Zierrathen künsteln, weil undindem er ein Schild machen soll, das seinerwürdig ist. Virgil hingegen scheinet ihn dasSchild wegen der Zierrathen machen zu lassen,25 da er die Zierrathen für wichtig genug hält,um sie besonders zu beschreiben, nachdem dasSchild lange fertig ist.
XIX. Die Einwürfe, welche der ältereSkaliger, Perrault, Terrassen und an-30 dere gegen das Schild des Homers machen,sind bekannt. Eben so bekannt ist das, wasDacier, Boivin und Pope darauf antwor-ten. Mich dünket aber, daß diese letzteren sichmanchmal zu weit einlassen, und in Zuversicht35 auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtferti-gung des Dichters beytragen.
Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daßHomer das Schild mit einer Menge Figuren40 anfülle, die auf dem Umfange desselben unmög-lich Raum haben könnten, unternahm Boivin,es, mit Bemerkung der erforderlichen Maaße,zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den ver-schiedenen concentrischen Cirkeln ist sehr sinn-45 reich, obschon die Worte des Dichters nicht dengeringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonstkeine Spur findet, daß die Alten auf diese Artabgetheilte Schilder gehabt haben. Da es Ho-mer selbst ein auf allen Seiten künstlich aus-50 gearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber,um mebr Raum auszusparen, die concave Flächemit zu Hülfe genommen haben; denn es istbekannt, daß die alten Künstler diese nicht leerließen, wie das Schild der Minerva vom Phi-55 dias beweiset.', Doch, nicht genug, daß sichBoivin dieses Vortheiles nicht bedienen wollte;er vermehrte auch ohne Roth die Vorstellungenselbst, denen er auf dem sonach um die Helfte
kennte er eS nickt während der Arbeit des Vulkan« selbst thun ; sondern er mußte e« »ersparen, bis alle« fertig war.Ich wünschte für den Virgil sehr, dieses Raison,icnient des Serviu» wäre ganz ohne Grund; meine Entschul-digung würde ihn, weit rübmlichcr seyn. Denn wer hieß ihn die ganze römische Geschichte auf ein Schild brin-gen? Mit wenig Gemählde» machte Homer sein Schild zu einem Inbegriff von allem, was in der Welt vorgehet.Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den Griechen »ick» in den Vorwürfen und in der Ausführung derGemählde übertreffen können, ibn wenigstens in der Anzabl derselben übertreffe» wollen? Und was wär« kindischergewesen?
») — »Da« Schild, auf dessen erhobener Rantung er die Schlacht der Amazonen, auf dessen konkavem Theilden Stampf der Götter und der Giganten qemeisselt hat." lPliniu« Uti, -t.l