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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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213-214
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Gotthold Ephraim Lessing.

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verringerten Raume Platz verschaffen mußte, dieser nur kann errathen lassen. Durch dieseindem er das, was bev dem Dichter offenbar Freiheit, durch dieses Vermögen allein kömmt

nur ein einziges Bild ist, in zwey bis drey be- der Dichter dem Künstler wieder bey, und ihre

sondere Bilder zertheilte. Ich weis wohl, was Werke werden einander alsdenn am ähnlichsten,ihn dazu bewog; aber es hätte ihn nicht be- 5 wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist;wegen sollen: sondern, anstatt daß er sich be- nicht aber, wenn das eine der Seele durch das

mühte, den Forderungen seiner Gegner eine Ohr nicht mehr oder weniger benbringet, als

Genüge zu leisten, hätte er ihnen zeigen sol- das andere dem Auge darstellen kann. Nach

len, daß ihre Forderungen unrechtmäßig wären. diesem Grundsätze hätte Boivin die Stelle des

Ich werde mich an einem Beyspiele faßlicher 10 Homers beurtheilen sollen, und er würde nichterklären können. Wenn Homer von der einen so viel besondere Gemählde daraus gemachtStadt sagt iJlias, 18, 497-507): haben, als verschiedene Zeitpunkte er darin zu

„ Auch war Volksversammlung gedrängt aus dem bemerken glaubte. Es ist wahr, es konnte nicht

Markte: denn heftig wohl alles, was Homer sagt, in einem einzi-

Zankten sich dort zween Männer, und haderten 15 gen Gemählde verbunden seyn: die Beschuldiwegen der Sühnung gung und Ableugnung, die Darstellung der Zeu-Um den erschlagenen Mann. Es betheuerte gen und der Zuruff des getheilten Volkes, das

dieser dem Volke, Bestreben der Herolde, den Tumult zu stille»

Als hab' er bezahlt, ihm leugnete jener die und die Aeußerungen der Schiedesrichter, sind

Zahlung. 20 Dinge, die aufeinander folgen, und nicht neben

Beide sie wollten so gern vor den Kundigen einander bestehen können. Doch was, um mich

kommen zum Ausgang. mit der Schule auszudrücken, nicht not» j„ dem

Diesem schrien und jenem begünstigend eifrige Gemählde enthalten war, das lag virlutv darin,Helfer; und die einzige wahre Art, ein materielles Ge-

Doch Herolde bezähmten die Schreienden. Aber 25 mählde mir Worten nachzuschildern, ist die, daßdie Obern man das Letztere mit dem wirklich Sichtbaren

Sassen im heiligen Kreis aus schöngehauenen verbindet, und sich nicht in den Schranken derSteinen; Kunst hält, innerhalb welcher der Dichter zwar

Und in die Hände den Stab dumpfrufender die Data zu einem Gemählde herzählen, aberHerolde nehmend, 50 nimmermehr ein Gemählde selbst hervorbringenStanden sie auf nacheinander, und redeten wech- kann.

selnd ihr Urtheil. Gleicherweise zertheilt Boivin das Ge-

Mitten lagen im Kreis auch zwei Talente des mählde der belagerten Stadt <Jlias 18, 509—Goldes", 54») in drey verschiedene Gemählde. Er hätte

so glaube ich, hat er nicht mehr als ein ein- 35 es eben sowohl in zwölfe theilen können, alsziges Gemählde angeben wollen: das Gemählde in drey. Denn da er den Geist des Dichterseines öffentlichen Rechtshandels über die streitige einmal nicht faßte und von ihm verlangte, daßErlegung einer ansehnlichen Geldbuße für einen er den Einheiten des materiellen Gemähldes sichverübten Todtschlag. Der Künstler, der diesen unterwerfen müsse: so hätte er weit mehrBorwurf ausführen soll, kann sich auf einmal 40 Uebertretungen dieser Einheilen finden können,nicht mehr, als einen einzigen Augenblick des- daß es fast nöthig gewesen wäre, jedem beson-selben zu Nutze machen; entweder den Augen- dern Zuge des Dichters ein besonderes Feld aufblick der Anklage, oder der Abhörung der Zeu- dem Schilde zu bestimmen. Meines Trachtensgen, oder des Urthelspruches, oder welchen er aber hat Homer überhaupt nicht mehr als zehnsonst, vor oder nach oder zwischen diesen Augen- 45 verschiedene Gemählde auf dem ganzen Schilde, de-blicken, für den bequemsten hält. Diesen ein- ren jedes er mit einem „darauf aber schuf er",zigen Augenblick macht er so prägnant wie mög- oder „darauf aber machte er", oder „daraufaberlich, und führt ihn mit allen den Täuschungen bildete er", oder „daraufaber webte derHinkende"aus, welche die Kunst in Darstellung sichtbarer anfängt.') Wo diese Eingangsworte nicht stehen,Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von 50 hat man kein Recht, ein besonderes Gemählde an-diescr Seite aber unendlich zurückgelassen, was zunehmen; im Gegentheil muß alles, was sie ver-kann der Dichter, der eben diesen Vorwurf mit binden, als ein einziges betrachtet werden demWorten mahlen soll, und nicht gänzlich ver- nur bloß die willkührliche Concentrarion in einenUnglücken will, anders thun, als daß er sich einzigen Zeitpunkt mangelt, als welche dergleichfalls seiner eigenthümlichen Vortheile be- 55 Dichter anzugeben keineswegs gehalten war.dienet? Und welches sind diese? Die Freiheit, Vielmehr, hatte er ihn angegeben, hätte er sichsich sowohl über das Vergangene, als über das genau daran gehalten, hätte xx nicht y^n gx-Folgende des einzigen Augenblicks in dem Kunst- ringsten Zug einstießen lassen, der in der wirk-werke auszubreiten, und das Vermögen, sonach lichen Ausführung nicht damit zu verbindenuns nicht allein das zu zeigen, was uns der 60 wäre; mit einem Worte, hätte er so verfahren,"nstler zeiget, sondern auch das, was uns wie seine Tadler es verlangen: es ist wahr, so

) "ste fängt a» „,it der 183ste» Zeile, und gehet bis zur lüttste»; das zweite von 190 —5U8; das drille5°g —das ricrte vou 5U — SIS; da? fünfte von 55N-56» ; da» sechste von 561 — 572; das siebente vonEs 58«; das achte von 587 — 589; das neunte von 58» —605; und das zehnte «o» 8«6 —6»n. Bloß das dritte^ angegebene» Eingangsworte nicht; cS ist aber ans dc» bey dem zweyten, »darauf aber inawte erje, Städte" und ans der Beschaffenheit der Sache selbst, deutlich genug, daß c» ein besonder» tLemäbldkieyn muy.