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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
215-216
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Gotthold Ephraim Lessing.

würden diese Herren an ihm nichts auszusetzen, Thäte sagt, ist augenscheinlich die Beschreibungaber in der That auch kein Mensch von Ge- einer großen perspektivischen Gegend. Ein all-schmack etwas zu bewundern gefunden haben. gemeiner Beweisgrund dafür kann auch schonPope ließ sich die Eintheilung und Zeich- aus der Menge der Figuren auf dem Schildenung des Boivin nicht allein gefallen, sondern 5 gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollenglaubte noch etwas ganz besonders zu thun, Größe ausgedruckt werden konnten; woraus eswenn er nunmehr auch zeigte, daß ein jedes denn gewissermaaßen unstreitig, daß die Kunst,dieser so zerstückle« Gemählde nach den streng- sie nach der Perspcktiv zu verkleinern, damaligerstcn Siegeln der heutiges Tages üblichen Mäh- Zeit schon bekannt gewesen.« Die bloße Be-lerey angegeben sey. Conlrast, Perspcktiv, die 10 obachtung der optischen Erfahrung, daß eindrey Einheiten; alles fand er darin aus das Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als inbeste beobachtet. Und ob er schon gar wohl der Nähe, macht ein Gemählde noch lange nichtwußte, daß zufolge guter glaubwürdiger Zeug- perspektivisch. Die Perspcktiv erfordert einennisse die Mahlerey zu den Zeiten des Lrojani- einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natür-schen Krieges noch in der Wiege gewesen, so 15 lichen Gesichtskreis, und dieses war es, wasmußte doch entweder Homer, vermöge seines den alten Gemählden fehlte. Die Grundflächegöttlichen Genies, sich nicht sowohl an das, was in den Gemählden des Polygnotus war nichtdie Mahlerey damals oder zu seiner Zeit leisten horizontal, sondern nach hinten zu so gewaltigkonnte, gehalten, als vielmehr das errathen in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welchehaben, was sie überhaupt zu leisten im Stande 20 hinter einander zu stehen scheinen sollten, übersey; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so einander zu stehen schienen. Und wenn dieseglaubwürdig nicht seyn, daß ihnen die äugen- Stellung der verschiedenen Figuren und ihrerscheinliche Aussage des künstlichen Schildes nicht Gruppen allgemein gewesen, wie aus den altenvorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag Basreliefs, wo die hintersten allezeit höher ste-annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird 25 hen als die vordersten, und über sie wegsehen,,sich niemand überreden lassen, der aus der Ge- sich schließen läßt: so ist es natürlich, daß manschichte der Kunst etwas mehr, als die bloßen sie auch in der Beschreibung des Homers an-Dala der Historicnschreiber weis. Denn daß die nimt, und diejenigen von seinen Bildern, dieMahlerey zu Homers Zeiten noch in ihrer sich nach selbiger in Ein Gemählde verbindenKindheit gewesen, glaubt er nicht bloß deß- 30 lassen, nicht unnöthiger Weise trennet. Diewegen, weil es ein Plinius oder so einer doppelte Scene der friedfertigen Stadt, durchsagt, sondern vornehmlich, weil er aus den deren Straßen der fröhliche Aufzug einer Hoch-Kunstwerken, deren-die Alten gedenken, ur- zeitfeuer ging, indem auf dem Markte ein wich-theilet, daß sie viele Jahrhunderte nachher noch tigcr Prozeß entschieden ward, erfordert diesemnicht viel weiter gekommen, und z. E. die Ge- 35 zufolge kein dopveltes Gemählde, und Homermählde eines Polygnotus noch lange die hat es gar wohl als ein einziges denken können,Probe nicht aushalten, welche Pope die Ge- indem er sich die ganze Stadt aus einem somählde des Homerischen Schildes bestehen zu hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freiekönnen glaubet. Die zwey großen Stücke dieses Aussicht zugleich in die Straßen und auf denMeisters zu Delphi, von welchen uns Pau- 40 Markt dadurch erhielt.

sanias eine so umständliche Beschreibung hin- Ich bin der Meinung, daß man auf das

terlassen lPhocis 25-ül), waren offenbar ohne eigentliche Perspektivische in den Gemählden nur

alle Perspcctiv. Dieser Theil der Kunst ist den gelegentlich durch die Sccnenmahlerey gekommenAlten gänzlich abzusprechen , 'und was Pope, ist; und auch als diese schon in ihrer Bollkom-beybringk, um zu beweisen, daß Homer schon 45 menheit war, muß es noch nicht so leicht ge-einen Begriff davon gehabt habe, beweiset weiter wesen seyn, die Regeln derselben auf eine ein-nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvoll- zige Fläche anzuwenden, indem sich noch in denständiger Begriff davon beygewohnet *). „Ho- späteren Gemählden unter den Alterthümernmer," sagt er, „kann kein Fremdling in der des Herculanums so häuffige und mannigfaltigePerspcktiv gewesen seyn, weil er die Entfernung 50 Fehler gegen die Perspcktiv finden, als maneines Gegenstandes von dem andern ausdrücklich itzo kaum einem Lehrlinge vergeben würde. !Be-angicbt. Er bemerkt z. E., daß die Kund- trachtungen über die Mahlerey, S. 105.)schafter ein wenig weiter als die anderen Figu- Doch ich entlasse mich der Mühe, meine

rcn gelegen, und daß die Eiche, unter welcher zerstreuten Anmerkungen über einen Punkt zuden Schnittern das Mahl zubereitet worden, 55 sammeln, über welchen ich in des Herrn Win-bey Seite gestanden. Was er von dem mit kelmann's vcrsprochenerGeschichte derKunstdieHeerden und Hütte» und Ställen übcrsärten völligste Befriedigung zu erhallen hoffen darf").

') Un, zu zeige», daß diese» nicht zu viel von Popen gesagt ist, will ich den Ansang der folgenden au» ihmangeführten Stelle l Jliadc B. 5, S. iit) in der Grundsprache anfuhren: 'that I,o rvan ii« ntrirngor ta aarial Oer-Ssiectire, Lppe^rs lun eugrennlv murlilng tlio gintanci! »c „Igeot teum .«liseet: he tell.-i ns ete. (Daß ihm dieLuftperspektivc nicht unbekannt war, erhellt daraus, daß er die Entfernung eine« Gegenstände» von eine,» ander»,ausdrücklich bemerkt: er erzählt uns >e.) Ich sage, hier bat Pope den Ausdruck »erlal Ocrn>>eotire, die Luft-perspcktiv fOerngeetire »erlern»;), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach Maaßgcbnng der Entfernungverminderten Größen gar nicht» zu thun bat, sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung derKarden nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir sie sehen, verstehet. Wer diese» Keßler machenkonnte, dem war e» erlaubt, von der ganzen Sache nicht» zu wissen.

"1 Geschrieben im Jahre I7gg,