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Gotthold Ephraim Lessing.
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Dies ist der Ort, aus dem die Worte flössen,
Die stets erweicht der Herzen Rauhigkeit.
Hier sieht man oft das holde Lächeln werden.
Das, wie es will, dxn Himmel bringt zur
Erden.
Der runde Hals erreicht den Schnee anReine,
Die Brust ist weiß, wie Milch, und voll undschön,
Zwei Aepfel, herb' und wie von Elfenbeine,
Gehn auf und ab, wie bei der Lüfte Wehn.
Das Meer netzt und entblößt des UfersSteine;
Das Andre könnt' auch Argus selbst nichtsehn.
Doch schließt man leicht, daß dem, was sichentdecke,
Das ähnlich sei, was sich dem-Blick verstecke.
Den Armen ist das rechte Maß gespendet;
Oft wird die kleine Hand dem Blick gewahrt.
Die, länglich, schmal, durch ihre Weißeblendet,
Ohn' Ader, Knöchel, der das Gleichmaßstört.
Die ganze herrliche Gestalt vollendet;
Der kleine Fuß, rundlich, des Andern werth.
Den Engelsrciz, im Himmel selbst ent-sprossen.
Hielt auch der dichtste Schleier nicht ver-schlossen.
Milton sagt bei Gelegenheit des Pandämo-niums: einige lobten das Werk, andere denMeister des Werks. Das Lob des einen istalso nicht allezeit das Lob des andern. EinKunstwerk kann allen Beifall verdienen, ohnedaß sich zum Ruhme des Künstlers viel Beson-ders sagen läßt. Wiederum kann ein Künstlermir Recht unsere Bewunderung verlangen, auchwenn sein Werk uns die völlige Genüge nichtthut. Dieses vergesse man nie, und es werdensich öfters ganz widersprechende Urtheile ver-gleichen lassen. Eben wie hier. Dolce, inseinem Gespräche von der Mahlerey, läßt denAretino von den angeführten Stanzen desArivst ein außerordentliches Aufheben ma-chen ; *) ich hingegen wähle sie als ein Exempeleines Gemähldes ohne Gemählde. Wir habenbeyde Recht. Dolce bewundert darin die Kennt-nisse, welche der Dichter von der körperlichenSchönheit zu haben zeiget; ich aber sehe bloßauf die Wirkung, welche diese Kenntnisse, inWorte ausgedrückt, auf meine Einbildungskrafthaben können. Dolce schließt aus jenen Kennt-nissen, daß gute Dichter nicht minder guteMahler sind; und ich aus dieser Wirkung, daßsich das, was die Maler durch Linien und Far-ben am besten ausdrücken können, durch Wortegerade am schlechtesten ausdrücken läßt. Dolceempfiehlt die Schilderung des Ariost allenMahlern als das vollkommenste Borbild einerschönen Frau; und ich empfehle es allen Dich-
tern als die lehrreichste Warnung, was einemAriost mißlingen müssen, nicht noch unglück-licher zu versuchen. Es mag seyn, daß, wenn« Ariost sagt:
5 „Was kunsterfahrne Maler je erfunden,
Reicht an die Schönheit ihrer Bildung nicht/er die Lehre von den Proportionen, so wie sienur immer der fleißigste Künstler in der Naturund aus den Antiken studiret, vollkommen ver-10 standen zu haben, dadurch beweiset. Er magsich immerhin, in den bloßen Worten:
„Mit Rosen haben Lilien sich verbunden,
Und überstreun ihr zartes Angesicht,"als den vollkommensten Coloristen, als einen15 Titian zeigen. Man mag daraus, daß erdas Haar der Alcina nur mit dem Golde ver-gleicht, nicht aber güldenes Haar nennet, nochso deutlich schließen, daß er den Gebrauch deswirklichen Goldes in der Farbengebung gemiß-'20 billiget- Man mag sogar in seiner Herabsteigen-den Nase
„Von diesen senkt die Nase sich hernieder,"das Profil jener alten griechischen, und vongriechischen Künstlern auch Römern geliehenen25 Nasen finden- Was nutzt alle diese Gelehr-samkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eineschöne Frau zu sehen glauben wollen, die wiretwas von der sanften Wallung des Geblütsdabei empfinden wollen, die den wirklichen An-30 blick der Schönheit begleitet? Wenn der Dich-ter weiß, aus welchen Verhältnissen eine schöneGestalt entspringet, wissen wir es darum auch?Und wenn wir es auch wüßten, lässt er unshier diese Verhältnisse sehen? Oder erleichtert35 er uns auch nur im geringsten die Mühe, unsihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu er-innern ? Eine Stirn, in die gehörigen Schran-ken geschloffen,
40 »Die heitre Stirn' in ihres Maßes Reine;"
eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zubessern findet,
„Und nichts an ihr wär' auch dem Neid'zu-45 wider;"
eine Hand, etwas länglich und schmal in ihrerBreite,
„Die, länglich, schmal, durch ihre Weiße50 blendet:"
was für ein Bild geben diese allgemeine For-meln'? In dem Munde eines Zeichenmeisters,der seine Schüler auf die Schönheiten des aka-demischen Modells aufmerksam machen will,55 möchten sie noch etwas sagen; denn ein Blickauf dieses Modell, und sie sehen die gehörigenSchranken der fröhlichen Stirne, sie sehen denschönsten Schnitt der Nase, die schmale Breiteder niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter00 sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruß dieVergeblichkeit meiner besten Anstrengung, etwassehen zu wollen.
-> Gespräch über die Malerei, S. >78, „Wenn die Maler ebne Mühe ei» vollkommenes Beispiel einer schönenFrau finden wollen, so sollen sie jene Stanze» des Ariosto lesen, in welche» er die Schönheiten der Kec Alcina ausbewundernswürdige Weise beschreibt, und sie werden zu gleicher Zeit sehen, wie sehr die guten Dichter auch selbstMaler sind,"