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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
221-222
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Gotthold Ephraim Lessing.

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2n diesem Punkte, in welchem Virgtl demHomer durch Nichtsthun nachahmen Tonnen,ist auch Virgil ziemlich glücklich gewesen. Auchseine Dido ist ihm weiter nichts, als die sehrschöne Dido. Wenn er ja umständlicher etwasan ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz, ihrprächtiger Aufzug iAeneide 4, 136 ff->:

»Endlich tritt sie hervor, - - —

Schön in Sidonergewand mit farbiger Bortegekleidet:

Lauteres Gold ihr Köcher, in Gold geknotetdas Haupthaar,

Und von goldener Schnalle geschürzt ihr pur-purnes Jagdkleid

Wollte man darum auf ihn anwenden, was je- 15ner alle Künstler zu einem Lehrlinge sagte, dereine sehr geschmückte Helena gemahlt hatte: »dssdu sie nicht schön mahlen können, hast du siereich gemahlt;« so würde Virgil antworten:

»es lieget nicht an mir, daß ich sie nicht schön 2»mahlen können; der Tadel trist die Schrankenmeiner Kunst; mein Lob sey, mich innerhalbdiesen Schranken gehalten zu haben.«

Ich darf hier die beyden Lieder des Ana-kreons nicht vergessen, in welchen er uns die 25Schönheit seines Mädchens und seines Bathyllszergliedert <Ode 28 und 29>. Die Wendung,die er dabey nimt, macht alles gut. Erglaubt, einen Mahler vor sich zu haben, undlässt ihn unter seinen Augen arbeiten. So, 30sagt er, mache mir das Haar,' so die Stirne,so die Augen, so den Mund, so Hals und Bu-sen, so Hüft' und Hände! Was der Künstlernur' Theilweise zusammensetzen kann, konnteihm der Dichter auch nur Theilweise verschrei- 35den. Seine Absicht ist nicht, daß wir in diesermündlichen Direetion des Mahlers die ganzeSchönheit der geliebten Gegenstände erkennenund fühlen sollen; er selbst empfindet die Unfä-higkeit des wörtlichen Ausdrucks, und nimmt 40eben daher den Ausdruck der Kunst zu Hülfe,deren Täuschung er so sehr erhebet, daß dasganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst,als auf sein Mädchen zu seyn scheinet. Er siehtnicht das Bild, er sieht sie selbst, und glaubt. 45daß es nun eben den Mund zum Reden eröf-nen werde:

»Doch genug. Sie ist's, ich seh' esSprechen wirst du bald, o Bildniß!«

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Auch in der Angabe des Bathylls, ist die An-preisung des schönen Knabens mit der Anprei-sung der Kunst und des Künstlers so in ein-ander geflochten, daß es zweifelhaft wird, wemzu Ehren Anakreon das Lied eigentlich be- 55stimmt habe. Er sammelt die schönsten Theileaus verschiedenen Gemählden, an welchen ebendie vorzügliche Schönheit dieser Theile das Cha-rakteristische war; den Hals nimt er von ei-nem Adonis, Brust und Hände von einem Mer- 60kur, die Hüfte von einem Pollur, den Bauchvon einem Bacchus: bis er den ganzen Bathyllin einem vollendeten Apollo des Künstlers er-blicket. ^

»Mach' ihm, ist sein Antlitz fertig, 65

Einen Hals, dem ElfenbeineGleich, und gleich Adonis Halse.

Brust und beide Hände gib ihm«om Mercur, den Bauch vom Bacchus

Und vom Pollur nimm die Schenkel.

Doch verändre diesen Phöbus,

Den Bathyll daraus zu machen.«

So weiß auch Lucian von der Schönheit derPanrhea anders keinen Begriff zu machen, alsdurch Verweisung auf die schönsten weiblichenBildsäulen alter Künstler. Was heißt aberdieses sonst, als bekennen, daß die Sprache vorsich selbst hier ohne Kraft ist; daß die Poesiestammelt und die Beredtsamkeit verstummet,wenn ihnen nicht die Kunst noch einigermaßenzur Dollmetscherinn dienet?

XXl. Aber verliert die Poesie nicht zuviel, wenn man ihr alle Bilder körperlicherSchönheit nehmen will? - Wer will ihr dienehmen? Wenn man ihr einen einzigen Wegzu verleiden sucht, aus welchem sie zu solchenBildern zu gelangen gedenket, indem sie dieFußtapfen einer verschwistercen Kunst aufsucht,in denen sie ängstlich herumirret, ohne jemalsmit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschließtman ihr darum auch jeden andern Weg, wodie Kunst hinwiederum ihr nachsehen muß?

Eben der Homer, welcher sich aller stück-weisen Schilderung körperlicher Schönheiten sogeflissentlich enthält, von dem- wir kaum ein-mal im Vorbeygehen erfahren, daß Helena weißeArme lJlias 3, 121 > und schönes Haar (Ebend.329) gehabt; eben der Dichter weiß demohnge-achtet uns von ihrer Schönheit einen Begriffzu machen, der alles weit übersteiget, was dieKunst in dieser Absicht zu leisten im Stande ist.Man erinnere sich der Stelle, wo Helena indie Versammlung der Aeltesten des TrojanischenVolkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie,und einer sprach zu den andern (Ebend. 156 -158):

»Niemand tadle die Troer und hellumschirm-ten Achaier,

Daß um ein solches Weib sie so lang' aus-harren im Elend:

Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleichtjene von Ansehn!«Was kann eine lebhaftere Idee von Schönheitgewähren, als vas kalte Alter sie des Kriegeswohl werth erkennen lassen, der so viel Blutund so viele Thränen kostet?

Was Homer nicht nach fernen Bestand-theilen beschreiben konnte, lässt er uns in seinerWirkung erkennen. Mahlet uns, Dichter, dasWohlgefallen, die Zuneigung, die Liebe, dasEntzücken, welches die Schönheit verursachetund ihr habet die Schönheit selbst gemahlet'.Wer kann sich den geliebten Gegenstand derSappho, bei dessen Erblickung sie Sinne undGedanken zu verlieren bekennet, als häßlich den-ken? Wer glaubt nicht die schönste, vollkom-menste Gestalt zu sehen, sobald er mit dem Ge-fühle sympalhisiret, welches nur eine solche Ge-stalt erregen kann? Nicht weil uns Ovid denschönen Körper seiner Lesbia Theil vor Theilzeiget, sondern weil er es mir der wollüstigenTrunkenheit thut, nach der unsere Sehnsucht soleicht zu erwecken ist, glauben wir eben desAnblicks zu genießen, den er genoß-

Ein anderer Weg, auf welchem die Poesiedie Kunst in Schilderung körperlicher Schönheitwiederum einholet, ist dieser, daß sie Schönheit