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Gotthold Ephraim Lessinq.
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in Reiz verwandelt. Reiz ist Schönheit in Be-wegung, und eben darum dem Mahler wenigerbequem als dem Dichter. Der Mahler kanndie Bewegung nur errathen lassen, in der Thataber sind seine Figuren ohne Bewegung. Folg-lich wird der Reiz bey ihm zur Grimasse. Aberin der Poesie bleibt er, was er ist; ein tran-silorisches Schönes, das wir wiederholt zu sehenwünschen. Es kömmt und geht; und da wiruns überhaupt einer Bewegung leichter undlebhafter erinnern könne», als bloßer Formenoder Farben: so muß der Reiz in dem nehmli-chen Verhältnisse stärker auf uns wirken, alsdie Schönheit. Alles, was noch in dem Ge-mählde der Alcina gefällt und rühret, ist Reiz.Der Eindruck, den ihre Augen mächen, kömmtnicht daher, daß sie schwarz und feurig sind,sondern daher, daß sie,
„Huldvoll im Blick, doch sparsam im Be-wegen,"
mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich lang-sam drehen; daß Amor sie umflattert und sei-nen ganzen Köcher aus ihnen abschießt. IhrMund entzücket, nicht weil von eigenthümlichemZinnober bedeckte Lippen zwey Reihen auserle-sener Perlen verschließen; sondern weil hier dasliebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sichschon, ein Paradies auf Erden eröfnct; weil eres ist, aus dem die freundlichen Worte tönen,die jedes rauhe Herz erweichen. 3hr Busenbezaubrrt, weniger weil Milch und Helfendemund Aepfel uns seine Weiße und niedliche Figurvorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft auf-und niederwallen sehen, wie die Wellen am äu-ßersten Rande des Ufers, wenn ein spielenderZephyr die See bestreichet:
„Zwei Aepfel, zart, und Elfenbein an Ründe,Gehn aus und ab, wie in geheimer LustDie Welle spielt, erregt von sanftem Winde."Ich bin versichert, daß lauter solche Züge desReizes, in eine oder zwey Stanzen zusammen-gedränget, weit mehr thun würden, als diefüllst alle, in welche sie Ariost zerstreuet undmit kalten Zügen der schönen Form, viel zugelehrt für unsere Empfindungen, durchflochtenhat.
Selbst Anakreon wollte lieber in die an-scheinende Unschicklichkeit verfallen, eine Unthu-lichkeit von dem Mahler zu verlangen, als dasBild seines Mädchens nicht mit Reiz beleben.»Um ihr zartes Kinn ein Grübchen,
Um den Hals von AlabasterSollen alle Grazien schweben."
Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem Künstler,ihren marmornen Nacken laß alle Grazien um-flattern! W,x -äs? Nach dem genauestenWortverstande? Der ist keiner mahlerischenAusführung fähig. Der Mahler konnte demKinne die schönste Ründung, das schönste Grüb-chen, »mit der Liebe Finger eingedrückt" — erkonnte dem Halse die schönste Earnation geben;aber weiter konnte er nichts. Die Wendungendieses schönen Halses, das Spiel der Muskeln,durch das jenes Grübchen bald mehr, bald we-niger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, warüber seine Kräfte. Der Dichter sagte dashöchste, wodurch uns seine Kunst die Schönheitsinnlich zu machen vermag, damit auch derMahler den höchsten Ausdruck in seiner Kunst
suchen möge. Ein neues Beyspiel zu der obi-gen Anmerkung, daß der Dichter, auch wenner von Kunstwerken redet, dennoch nicht ver-bunden ist, sich mit seiner Beschreibung in denSchranken der Kunst zu halten.
XXII. Zeuxis mahlte eine Helena, undhatte das Herz, jene berühmte Zeilen des Ho-mers, in welchen die entzückten Greise ihre Em-pfindung bekennen, darunter zu setzen. Nie sindMahlerey und Poesie in einen gleicher!, Wett-streit gezogen worden. Der Sieg blieb unent-schieden, und beyde verdienten gekrönct zu wer-den-
Denn so wie der weise Dichter uns dieSchönheit, die er nach ihren Bestandtheilennicht schildern zu können fühlte, bloß in ihrerWirkung zeigte: so zeigte der nicht minder weiseMahler uns die Schönheit nach nichts, als ih-ren Bestandtheilen, und hielt es seiner Kunstfür unanständig, zu irgendeinem andern Hülfs-mittel Zuflucht zu nehmen. Sein Gemähldebestand aus der einzigen Figur der Helena, dienackend da stand. Denn es ist wahrscheinlich,daß es eben die Helena war, welche er für diezu Crotona niahlre.
Man vergleiche hiermit Wundershalber dasGemählde, welchesEaylus dem neuern Künst-ler aus jenen Zeile» des Homers vorzeichnet;»Helena, mit einem weißen Schleyer bedeckt,erscheinet mitten unter verschiedenen allen Män-nern, in deren Zahl sich auch Priamus befin-det, der an den Zeichen seiner KöniglichenWürde zu erkenne» ist. Der Artist muß sichbesonders angelegen seyn lassen, uns den Tri-umph der Schönheit in den gierigen Blicken undin allen den Aeußerungen einer staunenden Be-wunderung auf den Gesichtern dieser kaltenGreise empfinden zu lassen. Die Scene ist übereinem von den Thoren der Stadt. Die Vertic-fung des Gemähldes kann sich in den freye»Himmel oder gegen höhere Gebäude der Stadtverlieren; jenes würde kühner lassen, eines aberist so schicklich wie das andere."
Man denke sich dieses Gemählde von demgrößten Meister unserer Zeit ausgeführet, undstelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welcheswird den wahren Triumph der Schönheit zei-gen? Dieses, wo ich ihn selbst fühle, „deß je-nes, wo ich ihn aus den Grimassen gerührterGraubärte schließen soll? »Schändlich des Grei-ses Verliebtheit;" ein gieriger Blick macht dasehrwürdigste Gesicht lächerlich, und ein Greis,der jugendliche Begierden verräth, ist sogar einekler Gegenstand. Den Homerischen Greisen istdieser Vorwarf nicht zu machen; denn der Äf-ftet, den sie empfinden, ist ein augenblicklicherFunke, den ihre Weisheit sogleich erstickt-, nurbestimmt, der Helena Ehre zu machen, abernicht, sie selbst zu schänden. Sie bekennen ihrGefühl, und fügen sogleich hinzu (Jlias 3,15!» f.):
»Dennoch kehr', auch in solcher Gestalt, sie inSchiffen rur Heimat,
Daß nicht uns und den Söhnen hinfort nach-bleibe der Schaden."
Ohne diesen Entschluß wären es alte Gecke;wären sie das, was sie in dem Gemählde desCayluS erscheinen. Und worauf richten sieden» da ihre gierigen Blicke? Auf eine ver-
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