Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
225-226
JPEG-Download
 

225

Gotthold Epbraim Messing.

226

mumte, vcrschleycrlc Figur. Das ist Helena.Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus yierden Schleyer lassen können. Zwar Homergiebt ihr denselben ausdrücklich (Ebend. 141>:

»Schnei in den Schleyer gehüllt von silberfar-bener Leinwand,

Flog sie hinweg aus der Kammer," - - "

ober, um über die Straßen damit zu gehen,und wenn auch schon bey ihm die Alten ihreBewunderung zeigen, noch ehe sie den SchleyerWieder abgenommen oder zurückgeworfen zu Na-ben scheinet, so war es nicht das erstemal, dassie die Alten sahen; ihr Bekenntniß durfte alsonicht aus dem itzigen augenblicklichen Anschauenentstehen, sondern sie konnten schon oft empfun-den haben, was sie zu empfinden bey dieser Ge-legenheit nur zum erstenmal bekannten. Indem Gemählde findet so etwas nicht Statt. Wennich hier entzückte Alte sehe, so will ich auchzugleich sehen, was sie in Entzückung setzt; undich werde äußerst betroffen, wenn ich weiternichts, als, wie gesagt, eine vermumte, ver-schleyerte Figur wahrnehme, die sie brünstig an-gaffen. Was hat dieses Ding von der Helena?Ihren weißen Schleyer, und etwas von ihremproportionirlcn Umrisse, so weit Umriß unterGewändern sichtbar werden kann. Doch viel-leicht war es auch des Grafen Meinung nicht,daß ihr Gesicht verdeckt seyn sollte, und ernennet den Schleyer blos als ein Stück ihresAnzuges. Ist dieses (seine Worte sind einer sol-chen Auslegung zwar nicht wohl fähig: „Helena,mit einem weißen Schleyer bedeckt";, so entstehet

eine andere Verwunderung bey mir: er em-pfiehlt dem Artisten so sorgfältig den Ausdruck aufden Gesichtern der Alten; nur über die Schön-heit in dem Gesichte der Helena verliert er kein5 Wort. Diese sittsame Schönheit, im Auge denfeuchten Schimmer einer reuenden Thräne,furchtsam sich nähernd — Wie? Ist die höchsteSchönheit unsern Künstlern so etwas Geläufi-ges, daß sie auch nicht daran erinnert zu wer-kt» den brauchen? Oder ist Ausdruck mehr, alsSchönheit? Und sind wir auch in Gemähldenschon gewohnt, so wie auf der Bühne, die häß-lichste Schauspielerinn für eine entzückende Prin-zessinn gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur15 recht warme Liebe gegen sie zu empfinden äußert?

In Wahrheit, das Gemählde des Cayluswürde sich gegen das Gemählde des Zeuxis,wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten.

Homer ward vor Alters unstreitig flcißi-20 ger gelesen, als itzt. Dennoch findet man sogar vieler Gemählde nicht erwähnet, welche diealten Künstler aus ihm gezogen hätten. Nurden Fingerzeig des Dichters auf besondere kör-perliche Schönheiten scheinen sie fleißig genutzt25 zu haben; diese mahlten sie; und in diesen Ge-genständen suhlten sie wohl, war es ihnen al-lein vergönnet, mit dem Dichter wetteifern zuwollen. Außer der Helena hatte Zeuxis auchdie Penclope gemahlt; und des Apelles Diana30 war die Homerische in Begleitung ihrer Nym-phen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern,daß die Stelle des Plinius, in welcher vonder letzter» die Rede ist, einer Verbesserung be-darf.'> Handlungen aber aus dem Homer zu

*> Plinius sag, von dem Apelles M, 86-: „Er machte auch die Diana, in einen Reihen von opferndenJungfrauen gemischt, durch welche er die Verse des Homer, der das Nämliche beschreibt, übcrtroffen zu haben scheint."Nichts kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen seyn. Schöne Nympben um eine schöne Göttinn her, die mit derganzen majestätischen Stirne über sie hervorragt, st»« freylich ein Vorwurf, der der Mahlerey angemessener ist, alsder Poesie. Das „opfernde" nur ist mir höchst verdächtig. Was macht die Göttinn unter opfernden Jungfrauen?lind ist dieses die Beschäftigung, die Homer den Gespielinnen der Diana giebt? Mit Nichten: sie durchstreifen mitihr Berge und Wälder, sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyssee s, 102 —106j:

„So wie Artemis herrlich einhcrgcht, froh dcS Geschosses,lieber TaygctoS Höh'», und das Waldgebirge ErimanthoS,

Und sich ergötzt, Waldeber und flüchtige Hirsche zu jagen ;

Sie nun zugleich und Nymphen, des AegiserschüttererS Töchter,

Ländliche, Impfen in Reihn;" — — — — — —

Plinius wird also nicht „opfernde", er wird „jagende", oder etwas ähnliches geschrieben haben; vielleicht „inWäldern streifende." Auch Virgil läßt in seiner Nachahmung dieser Stelle die Diana mit ihren Nymphen tanzen(Acneide I, 188—198):

„Wie an Eurotas Gestad' und auf lustigen Höhe» dcS ^ynthuS.

Tanzende Reihen Diana beseelt." — — — — — —

Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall: „DieseDiana, sagt», sowohl im Gemälde als in den Beschreibungen,war die Jägcrin Diana, ob sie gleich weder bei Virgil, noch bei Apelles oder Homer als mit ihren Nymphe»jagend dargestellt wurde, sonder» als mit ihnen mit jener Art von Tänzen beschäftigt, welche von den Alten alssehr feierliche Handlungen der Andacht angesehen wurden." In einer Anmerkung fügt er hinzu: „Der Ausdruck „inReihen hüpfen", der bei dieser Gelegenheit von Homer gebraucht wird. ist kaum für das Jagen geeignet, wen»der andere „tanzende Reihen beseelen" des Virgil von den religiöse» Tänzen der Alten verstanden werde»sollte, weil das Tanzen, nach der Ansicht der alten Römer, selbst für Männer unanständig war, wenn es öffentlicbgeschah, es müßte denn diese Art von Tänzen gewesen seyn, welche zu Ehren des Mars, oder Bacchus, oder irgendeines andern Gottes derselben im Gebrauch waren." Spence will nehmlich jene feierliche Tänze verstanden wis-sen, welche bey den Alten mit unter die gvttesdicnstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und vaber, meinet er.brauche denn auch Plinius das Wort „opfern": „In Folge dieses gebraucht Plinius, wen» er bei der nebmlichcnGelegenheit von Diana's Nymphen spricht, von denselben das Wort „opfern, welches diese ihre Tänze als religiöserArt vollkommen bestimmt." Er vergißt, daß bey dem Vtrgil die Diana selbst mit tanzet: „Tanzende Reihen Dianabeseelt." Sollten»» dieserTanz ein gotteSdienstlicherTanz seyn: zu wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrereigenen ? oder zur Verehrung einer ander» Gottheit? Beydes ist widersinnig. Und wenn die alten Römer das Tanzenüberhaupt einer ernsthaften Person nicht für sehr anständig hielten, mußten darum ihre Dichter die Gravität ibrcsKurz, Pros. Lit.