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Gotthold Ephraim Lessing.
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mahlen, bloß weil sie eine reiche Composikion,vorzügliche Contraste, künstliche Beleuchtungendarbieten, schien der der alten Artisten ihr Ge-schmack nicht zu seyn, und konnte es nicht seyn,so lange sich noch die Kunst in den engere»Grenzen ihrer höchsten Bestimmung hielt. Sienährten sich dafür mit dem Geiste des Dichters;sie füllten ihre Einbildungskraft mit seinen er-habensten Zügen; das Feuer seines Enthusias-mus entflammte den ihrigen; sie sahen und em-pfanden wie er: und so wurden ihre Werke Ab-drücke der Homerischen, nicht in dem Verhält-nisse eines Portraits zu seinem Originale, son-dern in dem Verhältnisse eines Sohnes zu sei-nem Vater; ähnlich, aber verschieden. DieAehnlichkeit liegt öfters nur in einem einzigenZuge; die übrigen alle haben unter sich nichtsGleiches, als daß sie mit dem ähnlichen Zugein dem einen sowohl, als in dem andern Har-moniken.
Da übrigens die Homerischen Meisterstückeder Poesie älter waren, als irgend ein Meister-stück der Kunst: da Homer die Natur eher miteinem mahlerischen Auge betrachtet hatte, alsein Phidias und Apclles: so ist es nicht zuverwundern, daß die Artisten verschiedne ihnenbesonders nützliche Bemerkungen, ehe sie Zeithatten, sie in der Natur selbst zu machen, schonbey dem Homer gemacht fanden, wo sie die-selben begierig ergriffen, um durch den Homerdie Natur nachzuahmen. Phidias bekannte,daß die Zeilen Mas 1, 528- 530):
„ Also sprach und winkte mit schwärzlichenBrauen Kronion;
Und die ambrosischen Locken des Königks wall-ten ihm vorwärts
Von dem unsterblichen Haupt: es erbebten dieHöhn des Olympos."
ihm bey seinem Olympischen Jupiter zum Vor-bilde gedienet, und daß ihm nur durch ihreHülfe ein göttliches Antlitz, „beinahe von demHimmel selbst herabgeholr", gelungen sey. Wemdieses nichts mehr gesagt heißt, als daß diePhantasie des Künstlers durch das erhabeneBild des Dichters befeuert, und eben so erha-bener Vorstellungen fähig gemacht worden, der,dünkt mich, übersieht das Wesentlichste, undbegnügt sich mit etwas ganz Allgemeinem, wosich, zu einer weit gründlichern Befriedigung,etwas sehr Specielles angeben lässt. So vielich urtheile, bekannte Phidias zugleich, daßer in dieser Stelle zuerst bemerket habe, wieviel Ausdruck in den Augenbraunen liege, „welchein großer Theil der Seele" (Plinius 10, 51 >sich in ihnen zeige. Vielleicht, daß sie ihn auchauf das Haar mehr Fleiß zu wenden bewegte,um das einigermaaßen auszudrücken, was Ho-
mer ambrosisches Haar nennet. Denn es istgewiß, daß die alten Künstler vor dem Phi-dias das Sprechende und Bedeutende der Mie-nen wenig verstanden, und besonders das Haar5 sehr vernachlässiget hatten. Noch Myron warin beyden Stücken tadelhaft, wie Pliniusanmerkt,') und nach eben demselben war Py-thagvras Leontinus der erste, der sich durchein zierliches Haar hervorthat.'*) Was Phi-10 dias aus dem Homer lernte, lernten die an-dern Künstler aus den Werken des Phidias.
Ich will noch ein Beyspiel dieser Art an-führen, welches mich allezeit sehr vergnügt hat.
' Man erinnere sich, was Hogarth über den15 Apollo zu Belvedere anmerkt. "*) „DieserApollo, sagt er, und der Antinous sind beydein eben demselben Pallastc zu Rom zu sehen.Wenn aber Antinous den Zuschauer mit Ver-wunderung erfüllet, so setzet ihn der Apollo in20 Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisendenausdrücken, durch einen Anblick, welcher etwasmehr, als Menschliches zeiget, welches sie ge-meiniglich gar nicht zu beschreiben im Standesind. Und diese Wirkung ist, sagen sie, um25 desto bewundernswürdiger, da, wenn man esuntersucht, das Unproportionirliche daran aucheinem gemeinen Auge klar ist. Einer der be-sten Bildhauer, welche wir in England haben,der neulich dahin reisete, diese Bildsäule zu se-30 hen, bekräftigte mir das, was itzo gesagt wor-den, besonders, daß die Füße und Schenkel, inAnsehung der oberen Theile, zu lang und zu breitsind. Und Andreas Sacchi, einer der größ-ten Italiänischen Mahler, scheinet eben dieser35 Meynung gewesen zu seyn, sonst würde erschwerlich (in einem berühmten Gemählde, wel-ches itzo in England ist! seinem Apollo, wie erden Tonkünstlcr Pasq uillini krönet, das völ-lige Verhältniß des Antinous gegeben haben,40 da er übrigens wirklich eine Copie von demApollo zu sey» scheinet. Ob wir gleich an sehrgroßen Werken oft sehen, daß ein geringererTheil aus der Acht gelassen worden, so kanndieses doch hier der Fall nicht seyn; denn an45 einer schönen Bildsäule ist ein richtiges Verhält-niß eine von ihren wesentlichen Schönheiten.Daher ist zu schließen, daß diese Glieder mitFleiß müssen seyn verlängert worden, sonstwürde es leicht haben könne» vermiede» werden.50 Wenn wir also die Schönheiten dieser Figurdurch und durch untersuchen, so werden wirmit Grunde urtheilen, daß das, was man bis-her für unbeschreiblich vortrefflich an ihrem all-gemeinen Anblicke gehalten, von dem hergerühret55 hat, was ein Fehler in einem Theile derselbe»zu seyn geschienen." — Alles dieses ist sehr ein-leuchtend; und schon Homer, füge ich hinzu,
Voll«« an», in die Sitten der Götter übertrage», die von den ältern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzetwaren ? Wenn Horaz von der Venus sagt sl, Ode 4 Vcr« 5 ff.>:
.. Schon führt Oythera die Reihe» bei yuncnS Heller Kachel,
Die Grazien, umfaßt von Nymphen, schlagenWechselnden Trittes mit Anstand den Fußboden ' — —waren dieses auch heilige gotteSdienstliche Tänze ? Ich verliere zu viel Worte über eine solche Grille.
»> PliniuS Zt, ig. „tzr scheinet, obgleich in Rücksicht auf die Körper sorgfältig, die Gefühle der Seele nichtausgedrückt, auch Haar und Bart nicht richtiger gebildet zu haben, als es das rohe Alterthum gemacht hatte."labend > „Dieser bat zuerst die Muskeln und Ader» ausgedrückt, und das Haar mit mehr Sorgfalt."Zergliederung der Schändest. C. 17. Berliner Ausgabe.