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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
231-232
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Gotthold Ephraim Messing.

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Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu ver-setzen, schlägt er ihn so unsanft zwischen Backund Ohr, daß ihm Zähne und Blut und Seelemir eins aus dem Halse stürzen. Zu grausam!

Der jachzornige mörderische Achilles wird mir 5verhaßter, als der tückische knurrende Thersites;das Freudengcschrey, welches die Griechen überdiese That erheben, beleidiget mich; ich treteauf die Seite des Diomedes, der schon dasSchwerd zucket, seinen Anverwandten an dem 10Mörder zu rächen: denn ich empfinde es, daßThersites auch mein Anverwandter ist, einMensch.

Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Ther-sites wären in Meuteret) ausgcbrochen, das auf- 15rührerische Volk wäre wirklich zu Schiffe ge-gangen, und hätte feine Heerführer verräterischzurückgelassen, die Heerführer wären hier einemrachsüchtigen Feinde in die Hände gefallen, unddort hätte ein göttliches Strafgericht über Flotte 20und Volk ein gänzliches Verderben verhangen:wie würde uns alsdenn die Häßlichkeit desTbersires erscheinen? Wenn unschädliche Häß-lichkeit lächerlich werden kann, so ist schädlicheHäßlichkeit allezeit schrecklich. Ich weis dieses 25nicht besser zu erläutern, als mit ein Paarvortrefflichen Stellen des Sbakcspeare. Ed-mund/ der Bastard des Grafen von Glocester,im König Lear, ist kein geringerer Vösewicht,als Richard, Herzog von Glocester, der sich 30durch die abscheulichsten Verbrechen den Wegzum Tkrone bahnte, den er unter dem Namen:Richard der Dritte, bestieg. Aber wie kömmtes, daß jener be» weitem nicht so viel Schau-dern und Entsetzen erwecket, als dieser? Wenn 35ich den Bastard sagen höre (König Lear, Act 1,Scene 2):

„Natur, Du bist mein Gott; an DeinGesetz

Ist meine Pflicht gebunden. Warum trüg' ich 40Die Plagen der Gewohnheit, und vergönnteDem Eigensinn der Welt, mich zu enterben.Weil ich ein zwölf, ein vierzehn Monden-scheine

Auf meinen Bruder folge? Was Bastard? 45warum niedrig?

Da doch mein Gliederbau so fest gefugt.

Mein Geist so edel ist, so frank meinAeussres,

Als einer Dame Sohn! Warum uns stäm- 50peln

Mit niedrig? Bastard? — Bastard! niedrig!

niedrig!" rc.

so höre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in „der Gestalt eines Engels des Lichts. Höre ichhingegen den Grafen von Gloster sagen (KönigRichard III. Act 1 , Scene 1j:

»Doch ich, zu Poffcnspielcn nicht gemacht.

Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln: 003ch, roh geprägt, entblößt von Liebcs-majestät.

Vor leicht sich drehn'den Nvmphen mich zubrüsten:

Ich, um dieß schöne Ebenmaß verkürzt, 05Von der Natur um Bildung falsch betrogen.

Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandtIn diese Welt des Athmcns, halb kaumfertig

Gemacht, und zwar so lahm und unge-ziemend,

Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbei;

Ich nun, in dieser schlaffen FriedenszeitWeiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben,Als meinen Schatten in der Sonne späh'nUnd meine eig'ne Mißgestalt erörtern;

Und darum weil ich nicht als ein VerliebterKann kürzen diese fein beredten Tage,

Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden;"

so höre ich einen Teufel und sehe einen Teufel;in einer Gestalt, die der Teufel allein habensollte.

XXIV. So nutzt der Dichter die Häßlich-keit der Formen: welchen Gebrauch ist demMahler davon zu machen vergönnet?

Die Mahlerey, als nachahmende Fertigkeit,kann die Häßlichkeit ausdrücken: die Mahlerey,als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken. AIsjener gehören ihr alle sichtbare Gegenständezu; als diese schließt sie sich nur auf diejenigensichtbaren Gegenstände ein, welche angenehmeEmpfindungen erwecken.

Aber gefallen nicht auch die unangenehmenEmpfindungen in der Nachahmung? Nicht alle.Ein scharfsinniger Kunstrichter') hat dieses be-reits von dem Ekel bemerkt. „Die Vorstellun-gen der Furcht," sagt er, „der Traurigkeit, desSchreckens, des Mitleids u. s. w. können nurUnlust erregen, in so weit wir das Uebel fürwirklich halten. Diese können also durch dieErinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sey,in angenehme Empfindungen aufgelöset werden.Die widrige Empfindung des Ekels aber erfolgt,vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft aufdie bloße Vorstellung in der Seele, der Gegen-stand mag für wirklich gehalten werden, odernicht. Was hilfrs dem beleidigten Gemüthealso, wenn sich die Kunst der Nachahmung nochso sehr verräth? Ihre Unlust entsprang nichtaus der Voraussetzung, daß das Uebel wirklichsey, sondern aus der bloßen Vorstellung dessel-ben, und diese ist wirklich da. Die Empfin-dungen des Ekels sind also allezeit Natur, nie-mahls Nachahmung."

Eben dieses gilt von der Häßlichkeit derFormen. Diese Häßlichkeit beleidiget unser Ge-sicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnungund Uebereinstimmung, und erwecket Abscheu,ohne Rücksicht auf die wirkliche Existenz desGegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen.Wir mögen den Thersites weder in der Natur,noch im Bilde sehen; und wenn schon sein Bildweniger mißfällt, so geschieht dieses doch nichtdeßwegen, weil die Häßlichkeit seiner Form inder Nachahmung Häßlichkeit zu seyn aufhöret,sondern weil wir das Vermögen besitzen, vondieser Häßlichkeit zu abstrahiern, und uns blosan der Kunst des Mahlers zu vergnügen. Aberauch dieses Vergnügen wird alle Augenblickedurch die Ucbcrlcgung unterbrochen, wie übeldie Kunst angewendet worden, und diese Ucber-

-> «riefe, die ncueiic Literatur betreffend, Tb. V. S. INL.