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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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233-234
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Gottlwld Ephraim Lessing.

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legung wird selten fehlen, die Geringschätzungdes Künstlers nach sich zu ziehen.

Arrstoteles giebt eine andere Ursache anl Poetik IV), warum Dinge, die wir m derNatur mit Widerwillen erblicken, auch in dergetreuesten Abbildung Vergnügen gewähren- dieallgemeine Wißbegierde des Menschen. Wirfreuen uns, wenn wir entweder aus der Äb-bildung lernen können, was ein jedes Ding ist,oder wenn wir daraus schließen können, daß esdieses oder jenes ist. Allein auch hieraus folget,zum Besten der Häßlichkeit in der Nachahmung,nichts. Das Vergnügen, welches aus der Be-friedigung unserer Wißbegierde entspringet, istmomentan, und dem Gegenstände, über welchenste befriedigt wird, nur zufällig; das Mißver-gnügen hingegen, welches den Anblick der Häß-lichkeit begleitet, permanent, und dem Gegen-stände, der es erwecket, wesentlich. Wie kannalso jenes diesem das Gleichgewicht halten?Noch weniger kann die kleine angenehm: Be-schäftigung , welche uns die Bemerkung derAehnlichkeit macht, die unangenehme Wirkungder Häßlichkeit besiegen. Je genauer ich dashäßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbildevergleiche, desto mehr stelle ich mich dieser Wir-kung blos, so daß das Vergnügen der Ver-gleichung gar bald verschwindet, und mir nichtsals der widrige Eindruck der verdoppelten Häß-lichkeit übrig bleibet. Nach den Beyspielen, welcheAristoteles giebt, zu urtheilen, scheinet es,als habe er auch selbst die Häßlichkeit der For-men nicht mit zu den mißfälligen Gegenständenrechnen wollen, die in der Nachahmung gefallenkönnen. Diese Beispiele sind, reißende Thiereund Leichname. Reißende Thiere erregen Schrei-ben, wenn sie auch nicht häßlich sind; und diesesSchrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist es, wasdurch die Nachahmung in angenehme Empfin-dung ausgelöset wird. So auch mit denLeichnamen. DaS schärfere Gefühl des Mitleids,die schreckliche Erinnerung an unsere eigeneVernichtung ist es, welche uns einen Leichnamin der Natur zu einem widrigen Gegenständemacht ; in der Nachahmung aber verlieret jenesMitleid, durch die Ueberzeugung des Betrugs,das Schneidende, und von dieser fatalen Erin-nerung kann uns ein Zusatz von schmeichelhaftenUmständen entweder gänzlich abziehen, oder sichso unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehrWünschenswürdiges, als Schreckliches darin zubemerken glauben.

Da also die Häßlichkeit der Formen, welldie Empfindung, welche sie erregt, unangenehm,und doch nicht von derjenigen Art unangenehmerEmpfindungen ist, welche sich durch die Nach-ahmung in angenehme verwandeln, an und vorsich selbst kein Vorwurf der Mahlerey, als schö-ner Kunst, seyn kann: so käme es noch darausan, ob sie ihr nicht, eben sowohl wie der Poesie,als Ingrediens, um andere Empfindungen zuverstärken, nützlich seyn könne.

Darf die Mahlerey, zu Erreichung des Lä-cherlichen und Schrecklichen, sich häßlicher For-men bedienen?

Ich will es nicht wagen, so geradezu mitNein hierauf zu antworten. Es ist unleugbar,daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Mah-lerey lächerlich werden kann: besonders wenn

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eine Affectation nach Reiz und Ansehen damitverbunden wird. Es ist eben so unstreitig, daßschädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, alsoauch im Gemählde Schrecken erwecket; und daßjenes Lächerliche und dieses Schreckliche, welchesschon vor sich vermischte Empfindungen sind,durch die Nachahmung einen neuen Grad vonAnzüglichkeit und Vergnügung erlangen.

Ich muß aber zu bedenken geben, daß dem-ohngeachtet sich die Mahlerey hier nicht völligmit der Poesie im gleichen Falle befindet. Inder Poesie, wie ich angemerket, verlieret dieHäßlichkeit der Form, durch die Veränderungder coexistirenden Theile in successive, ihre wi-15 drige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieserSeite gleichsam auf, Häßlichkeit zu seyn, undkann sich daher mit anderen Erscheinungen destoinniger verbinden, um eine neue besondere Wir-kung hervorzubringen. In der Mahlerey hin-20 gegen hat die Häßlichkeit alle ihre Kräfte bey-sammen, und wirket nicht viel schwächer, als inder Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kannfolglich nicht wohl lange lächerlich bleiben; dieunangenehme Empfindung gewinnet die Ober-25 Hand, und was in den ersten Augenblicken pos-sierlich war, wird in der Folge bloß abscheulich.Nicht anders gehet es mit der schädlichen Häß-lichkeit; das Schreckliche verliert sich nach undnach, und das Unförmliche bleibt allein und30 unveränderlich zurück.

Dieses überlegt, hatte der Graf Caylusvollkommen Recht, die Episode des Thersitesaus der Reihe seiner Homerischen Gemählde weg-zulassen. Aber hat man darum auch Recht, sie35 aus dem Homer selbst wegzuwünschen? Ichfinde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehrrichtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinungist. (Klotz.) Ich »erspare es auf einen andernOrt, mich wcitläuftiger darüber zu erklären.

40 XXV. Auch der zweyte Unterschied, wel-chen der angeführte Kunstrichter zwischen demEkel und anderen unangenehmen Leidenschaftender Seele findet, äußert sich bey der Unlust,welche die Häßlichkeit der Formen in uns er-45 wecket.

„Andere unangenehme Leidenschaften," sagter, „können auch außer der Nachahmung, inder Natur selbst, dem Gemüthe öfters schmei-cheln ; indem sie niemals reine Unlust erregen,50 sondern ihre Bitterkeit allezeit mit Wollust ver-mischen. Unsere Furcht ist selten von allerHoffnung entblößt; der Schrecken belebt alleunsere Kräfte, der Gefahr auszuweichen- derZorn ist mit der Begierde, sich zu rächen' die5c> Traurigkeit mit der angenehmen VorstellungGlückseligkeit verknüpft und das

Li-be ^ schlichen Empfindungen

Keele bot b?? -^EMng unzertrennlich. Diegg onüolill>?n b bald bei dem vcr-

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Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermi-schung von Lust und Unlust selbst zu schaffen,

^ Wender ist, a,g das lauterste Vergnügen.- nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich

65 selber, um dieses vielfältig beobachtet zu haben;und woher käme es denn sonst, daß dem Aor-mgen sein Zorn, dem Traurigen seine unmukh- Ueber ist, alz alle freudige Vorstellungen, da-durch man ihn zu beruhigen gedenket? Ganz