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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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235-236
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Gotthold

anders aber verhält es sich mit dem Ekel undden ihm verwandten Empfindungen. Die Seeleerkennet in demselben keine merkliche Vermischungvon Lust. Das Mißvergnügen gewinnet dieOberhand, und daher ist kein Zustand, weder 5in der Natur, noch in der Nachahmung, zuerdenke», in welchem das Gemüth nicht vondiesen Vorstellungen mit Widerwillen zurück-weichen sollte."

Vollkommen richtig: aber da der Kunstrich- 10ter selbst noch andere mit dem Ekel verwandtenEmpfindungen erkennet, die gleichfalls nichts alsUnlust gewähren, welche kann ihm näher ver-wandt seyn, als die Empfindung des Häßlichenin den Formen? Auch diese ist in der Natur 15ohne die geringste Mischung von Lust; und dasie deren eben so wenig durch die Nachahmungfähig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zuerdenken, in welchem das Gemüth von ihrerVorstellung nicht mit Widerwillen zurückweichen 20sollte»

Ja, dieser Widerwille, wenn ich andersmein Gefühl sorgfältig genug untersuchet habe,ist gänzlich von der Natur des Ekels. Die Em-pfindung, welche die Häßlichkeit der Form be- 25gleitet, ist Ekel, nur in einem geringern Grade.Dieses streiket zwar mit einer andern Anmer-kung des Kunstrichters, nach welcher er nurdie allerdunkelsten Sinne, den Geschmack, denGeruch und das Gefühl, dem Ekel ausgesetzet 30zu seyn glaubet. „Jene beyden," sagt er,„durch eine übermäßige Süßigkeit, und diesesdurch eine allzugroße Weichheit der Körper, dieden berührenden Fibern nicht genugsam wider-stehen. Diese Gegenstände werden sodann auch 35dem Gesichte unerträglich, aber bloß durch dieAssociation der Begriffe, indem wir uns desWiderwillens erinnern, den sie dem Geschmacke,dem Gerüche oder dem Gefühle verursachen.Denn eigentlich zu reden, giebt es keine Ge- 40genstände des Ekels für das Gesicht." Dochmich dünkt, es lassen sich dergleichen allerdingsnennen. Ein Feuermahl in dem Gesichte, eineHasenscharte, eine gepletschte Nase mit vorra-genden Lbchecn, ein gänzlicher Mangel der Au- 45genbraunen, sind Häßlichkeiten, die weder demGerüche, noch dem Geschmacke, noch dem Ge-fühle zuwider seyn können. Gleichwohl ist esgewiß, daß wir etwas dabey empfinden, welchesdem Ekel schon viel näher kömmt, als das, was 50uns andere Unförmlichkeiten des Körpers, einkrummer Fuß, ein hoher Rücken, empfindenlassen; je zärtlicher das Temperament ist, destomehr werden wir von den Bewegungen in demKörper dabey fühlen, welche vor dem Erbrechen 55vorhergehe»?. Nur daß diese Bewegungen sichsehr bald wieder verlieren, und schwerlich einwirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon manallerdings die Ursache darin zu suchen hat, daßes Gegenstände des Gesichts sind, welches in 00ihnen, und mit ihnen zugleich, eine MengeRealitäten wahrnimt, durch deren angenehmeVorstellungen jene unangenehme so geschwächtund verdunkelt wird, daß sie keinen merklichen

Lessiiig.

Einfluß auf den Körper haben kann. Die dun-keln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch,das Gefühl, können dergleichen Realitäten, in-dem sie von etwas Widerwärtigem gerühretwerden, nicht mir bemerken; das Widerwärtigewirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke,und kann nicht anders, als auch in dem Körpervon einer weit heftigern Erschütterung begleitetseyn.

Uebrigens verhält sich auch zur Nachahmungdas Ekelhafte vollkommen so, wie das Häßliche.Ja, da seine unangenehme Wirkung die hefti-gere ist, so kann es noch weniger, als das Häß-liche an und vor sich selbst ein Gegenstand we-der der Poesie, noch der Mahlerey werden. Nurweil es ebenfalls durch den wörtlichen Ausdrucksehr gemildert wird, getrauete ich mich dochwohl zu behaupte», daß der Dichter wenigstenseinige ekelhafte Züge als ei» Ingrediens zu dennehmlichen vermischten Empfindungen brauchenkönne, die er durch das Häßliche mit so gutemErfolge verstärket.

Das Ekelhafte kann das Lächerliche vermeh-ren; oder Vorstellungen der Würde, des An-standes, mit dem Ekelhaften in Conirast gesetzet,werden lächerlich. Exempel hiervon lassen sichbey dem Aristophanes in Menge finden.Das Wiesel fällt mir ein, welches den gutenSokrates in seinen astronomischen Beschall-ungen unterbrach lWolten 170-174):

„Schüler: Doch neulich ward ihm ein grosserGcdank' hinweggcschnappt

Von einem Eidex. Strepsiades: Wie dennso? erzähle mir.

Schüler: Da jener einst des Mondes Wandelspähete,

Und seinen Umlauf, jetzt, wie er aufsah, off-nes Mauls,

Von dem Dach im Dunkel hatt' ihn derEidex überkackt.

Strcps. llachendi: Spaßhaft! ein Eidex über-kackt den Sokrates."

Man lasse es nicht ekelhaft seyn, was ihm inden offenen Mund fällt, und das Lächerliche istverschwunden. Die drolligsten Züge von dieserArt hat die Hottentottische Erzählung, Tquas-souw und Knonmquaiha, in dem Kenner,einer Englische» Wochenschrift voller Laune,die man dem Lord Chesterfield zuschreibet.Man weis, wie schmutzig die Hottentotten sind;und wie vieles sie für schön und zierlich undheilig halten, was uns Ekel und Abscheu er-wecket. Ein gequetschter Knorpel von Nase,schlappe bis auf den Nabel herabhangendeBrüste, den ganzen Körper mit einer Schminkeaus Ziegenfett und Ruß an der Sonne durch-heizet, die Haarlocke» von Schmeer triefend,Füße und Arme mit frischem Gedärme um-wunden: dies denke man sich an dem Gegen-stände einer feurigen, ehrfurchtsvollen, zärtlichenLiebe; dies höre man in der edeln Sprache desErnstes und der Bewunderung ausgedrückt, undenthalte sich des Lachens!">

*) Der Kenner, Bd. I, Nr. 2t. Bon der Schönheit der Knoninguaiha hcifit es : Er war von der glänzendenFarbe ihrer Erscheinung ergriffen, welche gleich dem duntlen Milchhaar der schwarzen Fcrlcl von Hessaqua daher-leuchtete; er war von dem netten Knorpel ihrer Nase entzückt > und seine Augen verweilten mit .Bewunderung a»>