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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
237-238
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Gotthold Ephraim Lcssmg.

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Mit dem Schrecklichen scheincr sich das Ekel-hafte noch inniger vermischen zu können- Waswir das Gräßliche nennen, ist nichts als einekelhaftes Schreckliche. Dem Longin mißfällt^war in dem Bilde der Traurigkeit beym He- 5siodus (Schild des Herakles) das „Scheußlichfloß ihr die Nase von Wust", doch mich dünkt,nicht sowohl, weil es ei» ekler Zug ist, als weiles ein bloß ekler Zug ist, der zum Schrecklichennichts beyträgt. Denn die langen über die 10Finger hervorragenden Nagel scheinet er nichttadeln zu wollen. Gleichwohl sind lange Nägelnicht viel weniger ekel, als eine fließende Nase.Aber die langen Nägel sind zugleich schrecklich;denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, 15daß das Blut davon aus die Erde rinnet:

- - - - „und die Wangen herunter

Tröpfelte Blut auf die Erd'." — — —

Hingegen eine fließende Nase ist weiter nichts, 20als eine fließende Nase; und ich rathe der Trau-rigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man lesebey dem Sophokles die Beschreibung deröden Höhle des unglücklichen Philoktet. Da istnichts von Lebensrnitteln, nichts von Bequem- 25lichkciten zu sehen; außer eine zertretene Streuvon dürren Blättern, ein unförmlicher hölzer-ner Becher, ein Feuergerälh. Der ganze Reich-thum des kranke» verlassenen Mannes! Wievollendet der Dichter dieses traurige fürchter- 30liche Gemählde? Mit einem Zusätze von Ekel.„Ha!" fährt Neoptolcm auf einmal zusammen,„hier trockenen zerrissene Lappen, voll Blut undEiter (Philoklet 31 - 30):

„Revptolemus: Nur eine Wohnung seh ^ich, öd' und menschenleer.

Odysseus: Ist innen kein Geräthe für denHausbedarf?

Ncopt.: Laubstrcu, getreten zum bequemenRuhebett.

O d.: Sonst Alles öde? nichts verbirgt derhohle Raum?

Neopt.: Ein Trinkgeschirr aus Holz, vonkunstloser Hand

Gcfertigct, hier auch Geräth zur Feuerung.

Od.: Sein ist der Hausralh, den du da be-zeichnet hast.

Ncopt.: Weh, weh! noch andern seh' ich;

Lumpen, angefüllt .

Mit eklem Eiter, trocknen an der Sonne ^dort."

So wird auch beym Homer der geschleifte Heb-

tor, durch das von Blut und Staub entstellteGesicht und zusammenverklebte Haar,

„Rauh von Wüste den Bart, voll klebendesBlutes sein Haupthaar,"(wie es Birgil ausdrückt Aeneide2, 277) einekler Gegenstand, aber eben dadurch um so vielschrecklicher, um so viel rührender. Wer kanndie Strafe des Marsyas, beym Ovid, sich ohneEmpfindung des Ekels denken? (Verwandlun-gen 6, 307 ff.) :

„Doch wie es schien, zog jener die Haut ihmüber die Glieder;

Und nichts war, als Wunde zu schaun. Blutrieselte ringsum;

Aufgedeckt lag Muskel und Sehn'; auch diezitternden Adern

Schlugen, der Hülle beraubt; aufzuckende Ein-geweide

Konnte man zählen sogar, und der Brustdurchscheinende Fibern."

Aber wer empfindet auch nicht, daß das Ekel-hafte hier an seiner Stelle ist? Es macht dasSchreckliche gräßlich; und das Gräßliche ist selbstin der Natur, wenn unser Mitleid dabey in-teressirt wird, nicht ganz unangenehm; wieviel weniger in der Nachahmung? Ich willdie Exempel nicht häufen. Doch dieses muß ichnoch anmerken, daß es eine Art von Schreck-lichem giebt, zu dem der Weg dem Dichter fasteinzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet.Es ist das Schreckliche des Hungers. Selbstim gemeinen Leben drücken wir die äußersteHungersnoth nicht anders, als durch die Er-zehlungen aller der unnahrhaftcn, ungesundenund besonders ekeln Dinge aus, mit welchender Magen befriedigt werden muß. Da dieNachahmung nichts von dem Gefühle des Hun-gers selbst in uns erregen kann, so nimmt siezu einem andern unangenehmen Gefühle ihreZuflucht, welches wir in dem Falle des empfind-lichsten Hungers für das kleinere Uebel erken-nen. Dieses sucht sie zu erregen, um uns ausder Unlust desselben schließen zu lassen, wiestark jene Unlust seyn müsse, bei der wir diegegenwärtige gern aus der Acht schlagen wür-den. Ovzd sagt von der Oreade, welche Ceresan den Hunger abschickte (Verwandlung- 8, 800):

„Diese (die Magerkeit) von fern anschauend, -

- Meldet sie ihr der Göttin Befehl; und dakurz sie geweilel.

Stracks, obgleich so entfernt, obgleich erst ebengekommen,

Fühlte sie sich, wie von Hunger gequält.«_

den schlotterigen Schönheiten ihrer Brüste, welche ihr bis auf den Nabel hcrabstiegen." Und was trug die Kunstbei, so diele Reize in ilir vortheilhaftestes Licht zu sehen? „ Sie machte einen Firniß von Ziegensctt und Ruß, mitden, sie ihren ganze» Leib bcsalbte, während sie an der Sonne stand; ihre Locken waren mit geschmolzenem Schmccrbcschmiert, und mit dem gelben Stand der Buche gepudert; ihr Antlitz, das gleich dem polirtcn Ebenholz erglänzte,war mit Flecken ron rother Erde herrlich gesprenkelt, und erschien gleich dem schwarzen, mit Sternen geziertenMantel der Nacht; sie bestreute ihre Glieder mit Holzasche, und bcräucherte sie mit dem Mist des Stinkbisam.Ihre Arme und Beine waren mit den glänzenden Eingeweiden einer Färse umwunden; von ihrem Nacken hing einBeutel pcrab, der aus dem Magen eines BvcklcinS bereitet war; die Flügel eines Straußes überschatten ihre Hin-tern fleischigen Vorgebirge, und dorn trug sie eine Schürze, die aus den zottigen Ohren eine» Löwen gemacht war."Ich füge noch die Eeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares hinzu: „Der Surri oder Obcrpricsterbrachte sie zusammen, und sang mit tiefer Stimme den Hochzeitszcsang unter dem melodischen Knurren eines Gom-gom i und zu derselben Zeit benetzte er sie (»ach der Sitte von Eaffraria) mit dem llrinsegen. Braut und Bräutigamrieben mit Entzücken die kostbare Flüssigkeit ein, als die salzigen Tropfen von ihrem Körper bcrabträufcltc», wiedie schlammige» Wogen ro» den Felsen Ehirigrigna's."