239
Gotthold Ephraim Messing.
240
Eine unnatürliche Uebertreibung! Der Anblickeines Hungrigen, und wenn es auch der Hun-ger selbst wäre, hat diese ansteckende Kraftnicht; Erbarmen, und Gräuel, und Ekel kanner empfinden lassen, aber keinen Hunger. Die-sen Gräuel hat Ovid in dem Gemählde derFames nichc gesparet, und in dem Hunger desEresichrhon sind, sowohl bey ihm, als bei demKallimachus (Hymne auf Ceres 111 -116),die ekelhaften Züge die stärksten. Nachdem Ere- 10sichthon alles aufgezehret, und auch der Opfer-kuh nicht verschont halte, die seine Mutter derLesta auffütterte, lässt ihn Kallimach us überPferde und Katzen herfallen, und auf den Stra-ßen die Brocken und schmutzigen Ucberbleibsel 15von fremden Tischen betteln:
»Und er verzehrte die Kuh, die der Hestiapflegte die Mutter,
So wie den Wettpreisrenner, zugleich mit demkrieg'rischen Rosse;
Selber die Katze sogar, der kleinere Thieregezittert. -
Als die gefüllte Behausung jedoch von denZähnen geleert war,
Da saß dieser, der Sprößling des Königs, nie-der am Dreiweg,
Bettelnd um Brod allda und des Mahles ver-worfenen Abfall."
Und Ovid lässt ihn zuletzt die Zähne in seineeigene Glieder setzen, um seinen Leib mit sei-nem Leibe zu nähren (Verwandlungen 8, 875 ff.>:
„Aber nachdem die Gewalt des Unheils jegli-chen Lorrath
Halte verzehrt, - - - -
Fängt er selbst, sein Gebein mit verstümmeln-dem Biß zu benagenAn, und nährt unselig den Leib durch des Lei-bes Bermindrung."
Nur darum waren die häßlichen Harpyen sostinkend, so unfläthig, daß der Hunger, welchenihre Entführung der Speisen bewirken sollte,desto schrecklicher würde. Man höre die Klage5 des Phineus beym Apollonius (Argonaulica2, 228 - 233>:
„Lassen sie mir auch etwa zurück ein wenigdes Mahles,
Hauchet es scheußlichen Dunst, und unaussteh-lichen Qualm aus:
Nicht ein Weilchen vermöcht' ein Sterblicherihm sich zu nahen.
Nicht, wenn selbst ihm die Brust aus Demantwäre geschmiedet.
Doch mich dränget die bittere Noth und Hun-ger nach Speise,
Auszuharren und so den verwünscheten Ma-gen zu füllen."
20 Ich möchte gerne aus diesem Gesichtspunkte dieekle Einführung der Harpyen beym Lirgil ent-schuldigen; aber es ist kein wirklicher gegenwär-tiger Hunger, den sie verursachen, sondern nurein enlstehender, den sie prophezeihen; und noch25 dazu löset sich die ganze Prophezeihung endlichin ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitetuns nicht nur auf die Geschichte von der Ver-hungerung des Ugolino, durch die ekelhafteste,gräßlichste Stellung, in die er ihn mit feinem30 ehemaligen Verfolger in der Hölle setzet; sondernauch die Verhungcrung selbst ist nicht ohne Zügedes Ekels, der uns besonders da sehr merklichüberfällt, wo sich die Söhne dem Vater zurSpeise anbieten. In der Note will ich noch35 eine Stelle aus einem Schauspiele von Beau-mont und Fletcher anführen, die statt alleranderen Beyspiele hätte seyn können, wenn ichsie nicht für ein wenig zu übertrieben erkennenmüßte-')
»1 Die Seereise Act lll Scene l. Ein französischer Seeräuber wirv mit seinem Schiffe an -ine wüste.Inselverschlagen. Habsucht und Neid entzwcye» seine Leute, und schaffen ein Paar Elenden, welche auf dieser Inselgeraume Zeit der äußersten -Noth ausgesetzt gewesen, Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. AllesVorrathcS von Lcbcnsmittcln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswürdigcn gar bald den schmählichstenTod vor Augen, und einer drückt gegen den andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus:
Lamure: Welch Ungewitter tobt in meinem Magen!
Wie schrei'» die leeren Därme! Meine Wunden schmerzen iO daß sie nur noch einmal bluten möchten,
So hätt' ich Etwas, meinen Durst zu löschen!
Fran »illc: Welch gutes Leben hatten meine HundeDaheim in meinem HauS, ein Magazin,
Ein Magazin von schönen Knochen, Kruste»,
Kostbaren Krusten! O wie kneipt der Hunger!
Lamure: Wie steht es's Morillar: Hast Du Esse» aufgefunden?
Fr.: Nicht einen Bissen kann ich hier erspähn.
Zwar gibt'« die besten Steine, doch sie sind
Zu hart zum Nagen: etwas Schlamm auch holt' ich,
Mit Löffeln zu verzehren, guten dicken Schlamm,
Allein er stinkt verflucht: auch alte, faule Strünkc,
Sonst wächst nicht Laub, »och Blüth' auf dieser Insel.
Sam.: Wie sieht es aus? Mor.: Es stinkt auch. Lam.: SS mag wohl Gift sein!
T r.: Sei'S waS eö will; wenn's nur hinuntergeht!
Es, guter Freund, Gift ist ei» fürstlich Essen!
Mor.: Host Du nicht etwas Zwicback's Keine KrumenIn Deiner Tasche ? Hier, da nimm mein Wams.
Und gib mir nur dafür drei kleine Krümchen.
F r.: Nicht für drei Königreich'! wenn ich sie hätte,
Lamure, o nur ein ärmlich Schöpsenstückchcn.