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Gotthvld Ephraim Lessüig.
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als wir gemeiniglich zu seyn pflege» , wenn erihn vollkommen so denken und handeln lasse,als wir in seinen Umständen würden gedachtund gehandelt haben, oder wenigstens glauben,daß wir hätten denken und handeln müssen:kurz, wenn er ihn mir uns von gleichem Schrotund Korne schildere. Aus dieser Gleichheit ent-stehe die Furcht, daß unser Schicksal gar leichtdem seinigen eben so ähnlich werden könne, alswir ihm zu seyn uns selbst fühlen: und dieseFurcht sey es, welche das Mitleid gleichsam zurReife bringe.
So dachte Aristoteles von dem Mitleiden,und nur hieraus wird die wahre Ursache be-greiflich, warum er in der Erklärung der Tra-gödie, nächst dem Mitleiden, nur die einzigeFurcht nannte. Nicht, als ob diese Furcht hiereine besondere, von dem Mitleiden unabhängigeLeidenschaft sey, welche bald mit, bald ohnedem Mitleid, so wie das Mitleid bald mit, baldohne ihr, erreget werden könne; welches die Miß-deutung des Corneille war: sondern weil,nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses dieFurcht nothwendig einschließt; weil nichts unserMitleid erregt, als was zugleich unsere Furchterwecken kann.
Corneille hatte seine Stücke schon allegeschrieben, als er sich hinsetzte, über die Dicht-kunst des Aristoteles zu kommentiren. Erhatte fünfzig Jahre für das Theater gearbeitet;und nach dieser Erfahrung würde er uns un-streitig vortreffliche Dinge über den alten dra-matischen Codex haben sagen können, wenn erihn nur auch während der Zeit seiner Arbeitfleißiger zu Rathe gezogen hätte. Allein diesesscheinet er, höchstens nur in Absicht auf diemechanischen Regeln der Kunst, gethan zu ha-ben. In den wesentlicher» ließ er sich um ihnunbekümmert, und als er am Ende fand, daßer wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht widerihn verstoßen haben wollte; so suchte er sichdurch Auslegungen zu helfen, und ließ seinenvorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die eroffenbar nie gedacht hatte.
Corneille hatte Märtyrer auf die Bühnegebracht, und sie als die vollkommensten un-ladclhaftesten Personen geschildert; er hatte dieabscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, indem Phokas, in der Cleopatra aufgeführt:und von beyden Gattungen behauptet Aristo-teles, daß sie zur Tragödie unschicklich wären,weil beyde weder Mitleid noch Furcht erweckenkönnten. Was antwortet Corneille hierauf?Wie sängt er es an, damit bey diesem Wider-sprüche weder sein Ansetzn, noch das Ansetzndes Aristoteles leiden möge? „O," sagter, „mir dem Aristoteles können wir unshier leicht vergleichen. Wir dürfen nur an-nehmen, er habe eben nicht behaupten wollen,daß beyde Mittel zugleich, sowohl Furcht alsMitleid, nöthig wären, um die Reinigung derLeidenschaften zu bewirken, die er zu dem letz-ten Endzwecke der Tragödie macht: sondernnach seiner Meinung sey auch eines zureichend."— „Wir können diese Erklärung," fährt erfort, „aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir dieGründe recht erwägen, welche er von der Aus-schließung derjenigen Begebenheiten, die er inden Trauerspielen mißbilliget, giebt. Er sagt
niemahls: dieses oder jenes schickt sich in dieTragödie nicht, weil es blos Mitleiden und keineFurcht erweckt; oder dieses ist daselbst uner-träglich, weil es blos die Furcht erweckt, ohne5 das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er ver-wirft sie deßwegen, weil sie, wie er sagt, wederMitleid noch Furcht zuwege bringen, und giebtuns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deßwegennicht gefallen, weil ihnen sowohl das eine, als10 das andere fehlet, und daß er ihnen seinen Bey-fall nicht versagen würde, wenn sie nur einesvon beyden wirkten."
Aber daß ist grundfalsch! - Ich kann michnicht genug wundern, wie Dacier, der doch15 sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksamwar, welche Corneille von dem Texte desAristoteles zu seinem Besten zu machensuchte, diese größte von allen übersehenkönnen. Zwar, wie konnte er sie nicht,über-20 sehen, da es ihm nie einkam, des PhilosophenErklärung vom Mitleid zu Rathe zu ziehen? —Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich Cor-neille einbildet. Aristoteles kann das nichtgemeint haben; oder man müßte glauben, daß25 er seine eigene Erklärungen vergessen kön-nen ; man müßte glauben, daß er sich aufdie handgreiflichste Weise widersprechen können.Wenn, nach seiner Lehre, kein Uebel eines An-dern unser Mitleid erreget, was wir nicht für30 uns selbst fürchten, so konnte er mit keinerHandlung in der Tragödie zufrieden seyn, welchenur Mitleid und keine Furcht erreget; denn erhielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichenHandlungen existirten ihm nicht: sondern sobald35 sie unser Mitleid zu erwecken fähig wären,glaubte er, müßten sie auch Furcht für unserwecken: oder vielmehr, nur durch diese Furchterweckten sie Mitleid. Noch weniger konnte ersich die Handlungen einer Tragödie vorstellen,40 welche Furcht für uns erregen könne, ohne zu-gleich unser Mitleid zu erwecken: denn er warüberzeugt, daß alles, was uns Furcht für unsselbst errege, auch unser Mitleid erwecken müsse,sobald wir Andere damit bedrohet oder betroffen45 erblickten; und das ist eben der Fall der Tra-gödie, wo wir alle das Uebel, welches wirfürchten, nicht uns, sondern Andren begegnensehen.
Es ist wahr, wenn Aristoteles von den50 Handlungen spricht, die sich in die Tragödienicht schicken, so bedient er sich mehrmalendes Ausdrucks von ihnen, daß sie weder Mit-leid noch Furcht erwecken Aber desto schlim-mer, wenn sich Corneille durch dieses weder55 - noch verführen lassen. Diese disjunktivePartikeln involviren nicht immer, was er sieinvolviren läßt. Denn wenn wir zwey odermehrere Dinge von einer Sache durch sie ver-neinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese60 Dinge eben sowohl in der Statur von einandertrennen lassen, als wir sie in der Abstraktionund durch den symbolischen Ausdruck trennenkönnen, wenn die Sache demohngeachtet nochbestehen soll, ob ihr schon das eine oder das65 andere' von diesen Dingen fehlt. Wen» wirz. E. von einem Frauenzimmer sagen, sie seyweder schön noch witzig: so wollen wir aller-dings sagen, wir würden zufrieden seyn, wennsie auch nur eines von beyden wäre: denn Witz