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Gotthold Ephraim Lessing.
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und Schönheit lassen sich nicht blos in Gedan-ken trennen, sondern sie sind wirklich ge-trcnnet. Aber wenn wir sagen, dieser Menschglaubt weder Himmel noch Hölle: wollen wirdamit auch sagen, daß wir zufrieden seyn wür-den , wenn er nur eines von beyden glaubte,wenn er nur den Himmel und keine Hölle, odernur die Hölle und keinen Himmel glaubte?Gewiß nicht: denn wer das Eine glaubt, mußnothwendig auch das Andere glauben; Himmelund Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ;wenn das Eine ist, ist auch das Andere. Oder,um mein Exempel aus einer verwandten Kunstzu nehmen: wenn wir sagen, dieses Gemähldetaugt nichts, denn es hat weder Zeichnungnoch Colorit; wollen wir damit sagen, daß eingutes Gemählde sich mit einem von beyden be-gnügen könne? - Das ist so klar!
Allein, wie, wenn die Erklärung, welcheAristoteles von dem Mitleiden giebt, falschwäre? Wie, wenn wir auch mit Uebeln undUnglücksfällen Mitleid fühlen könnten, die wirfür uns selbst auf keine Weise zu besorgenhaben ?
Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht,stim Unlust über das physikalische Uebel einesGegenstandes zu empfinden, den wir lieben.Diese Unlust entstehet blos aus der Vorstellungder Unvollkommenhcit, so wie unsere Liebe ausder Vorstellung der Vollkommenheiten desselben;und aus dem Zusammenflüsse dieser Lust undUnlust entspringet die vermischte Empfindung,welche wir Mitleid nennen.
Jedoch auch sonach glaube ich nicht, dieSache des Aristoteles nothwendig aufgebenzu müssen.
Denn wenn wir auch schon, ohne Furchtfür uns selbst, Mitleid für Andere empfindenkönnen; so ist es doch unstreitig, daß unserMitleid, wenn jene Furcht dazu kömmt, weitlebhafter und stärker und anzüglicher wird, alses ohne sie seyn kann. Und was hindert uns,anzunehmen, daß die vermischte Empfindungüber das physikalische Uebel eines geliebten Ge-genstandes, nur allein durch die dazu kommendeFurcht für uns, zu dem Grade erwächst, inwelchem sie Affekt genannt zu werden verdienet?
Aristoteles hat es wirklich angenommen.Er betrachtet das Mitleid nicht nach seinenprimitiven Regungen; er betrachtet es blos alsAffekt. Ohne jene zu verkennen, verweigert ernur dem Funke den Namen der Flamme.Mitleidige Regungen, ohne Furcht für unsselbst, nennt er Philanthropie: und nur denstärkeren Regungen dieser Art, welche mitFurcht für uns selbst verknüpft sind, giebt erden Nahmen des Mitleids. Also behauptet erzwar, daß das Unglück eines Bösewichts wederunser Mitleid, noch unsere Furcht errege: aberer spricht ihm darum nicht alle Rührung ab.Auch der Bösewicht ist noch Mensch, ist nochein Wesen, das bey allen seinen moralischenUnvollkommenheitcn Vollkommenheiten genugbehält, um sein Verderben, seine Zernichtunglieber nicht zu wollen, um bey dieser etwasMitlcidähnliches, die Elemente des Mitleidsgleichsam, zu empfinden. Aber, wie schon ge-sagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennter nicht Mitleid, sondern Philanthropie. „Man
muß," sagt er, „keinen Bösewicht aus unglück-lichen in glückliche Umstände gelangen lassen:denn das ist das Untragischste, was nur seynkann; es hat nichts von allem, was es habensollte; es erweckt weder Philanthropie, nochMitleid, noch Furcht. Auch muß es kein völli-ger Bösewicht seyn, der aus glücklichen Um-ständen in unglückliche verfällt; denn eine der--gleichen Begebenheit kann zwar Philanthropie,aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ichkenne nichts Kahleres und Abgeschmackteres, alsdie gewöhnlichen Übersetzungen dieses WortesPhilanthropie. Sie geben nehmlich das Adjek-tivum davon im Lateinischen durch kominidusgratuin; im Französischen durch es que peutlairs qnvlguv plaisir; und im Deutschen durch„was Vergnügen machen kann." Der einzigeGoulston, so viel ich finde, scheinet den Sinndes Philosophen nicht verfehlet zu haben, indemer das „Philanthropon" durch guoü kumsnitati«SVII8U taugst iwas mit dem Gefühl der Mensch-lichkeit berührt) übersetzt. Denn allerdings istunter dieser Philanthropie, auf welche das Un-glück auch eines Bösemichts Anspruch macht,nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung,sondern das sympathetische Gefühl der Mensch-lichkeit zu verstehen, welches, trotz der Vor-stellung, daß . sein Leiden nichts als Verdienstsey, dennoch in dem Augenblicke des Leidens,in uns sich für ihn reget. Herr Curtius willzwar diese mitleidige Regungen für einen un-glücklichen BLsewicht, nur auf eine gewisse Gat-tung der ihn treffenden Uebel einschränken.„Solche Zufälle des Lasterhaften," sagt er, „dieweder Schrecken noch Mitleid in uns wirken,müssen Folgen seines Lasters seyn: denn treffensie ihn zufällig, oder wohl gar unschuldig, sobehält er in dem Herzen der Zuschauer dieVorrechte der Menschlichkeit, als welche aucheinem unschuldig leidenden Gottlosen ihr Mit-leid nicht versagt." Aber er scheinet dieses nichtgenug überlegt zu haben. Denn auch dannnoch, wenn das Unglück, welches den Bösewichtbefällt, eine unmittelbare Folge seines Verbre-chens ist, können wir uns nicht erwehren, beydem Anblicke dieses Unglücks mit ihm zu leiden-„Seht jene Menge," sagt der Verfasser derBriefe über die Empfindungen, „die sich umeinen Verurtheilten in dichte Haufen drenget.Sie haben alle Greuel vernommen, die derLasterhafte begangen; sie haben seinen Wandelund vielleicht ihn selbst, verabscheuet. Jtztschleppt man ihn entstellt und ohnmächtig ausdas entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sichdurch das Gewühl, man stellt sich auf die Ze-hen, man klettert die Dächer hinan, um dieZüge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen.Sein Urtheil ist gesprochen: sein Henker nahtsich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksalentscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt AllrrHerzen, daß ihm verziehen würde! Ihm? demGegenstände ihres Abscheues, den sie einenAugenblick vorher selbst zum Tode verurtheilethaben würden? Wodurch wird itzt ein Strahlder Menschenliebe wiederum bey ihnen rege?Ist es nicht die Annäherung der Strafe, derAnblick der entsetzlichsten physikalischen Uebel, dieuns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aus-söhnen, und ihm unsere Liebe erwerben? Ohne
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