Gotthold Ephraim Messing.
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Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit sei-nem Schicksale seyn."
Und eben diese Liebe, sage ich, die wir gegenunsern Nebenmenschen unter keinerley Umständenganz verlieren können, die unter der Asche, mit 5welcher sie andere stärkere Empfindungen über-decken, unverlöschlich fortglimmet, und gleichsamnur einen günstigen Windstoß von Unglück undSchmer; und Verderben erwartet, um in dieFlamme des Mitleids auszubrechen: eben diese 10Liebe ist es, welche Aristoteles unter demNahmen der Philanthropie verstehet. Wir ha-ben Recht, wenn wir sie mit unter dem Nah-men des Mitleids begreifen. Aber Aristote-les hatte auch nicht Unrecht, wenn er ihr einen 15eigenen Nahmen gab, um sie, wie gesagt, vondem höchsten Grade der mitleidigen Empfin-dungen, in welchem sie, durch die Dazukunfteiner wahrscheinlichen Furcht für uns selbst,Affekt werden, zu unterscheiden. 20
Einem Einwürfe ist hier noch vorzukommen.Wenn Aristoteles diesen Begriff von demAffekte des Mitleids hatte, daß er nothwendigmit der Furcht für uns selbst verknüpft seynmüsse: wqs war es nöthig, der Furcht noch 25insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleidschloß sie schon in sich, und es wäre genug ge-wesen, wenn er blos gesagt hätte: die Tragödiesoll durch Erregung des Mitleids die Reinigungunserer Leidenschaft bewirken. Denn der Zusatz 30der Furcht sagt nichts mehr, und macht das,was er sagen soll, noch dazu schwankend undungewiß.
Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloshätte lehren wollen, welche Leidenschaften die 35Tragödie erregen könne und solle, so würde ersich den Zusatz der Furcht allerdings haben er-sparen können und vhne Zweifel sich wirklichersparet haben; denn nie war ein Philosophein größerer Wortsparer, als er. Aber er wollte 40uns zugleich lehren, welche Leidenschaften, durchdie in der Tragödie erregten, in uns gereinigtwerden sollten; und in dieser Absicht mußte erder Furcht insbesondere gedenken. Denn ob-schon, nach ihm, der Affekt des Mitleids, weder 45in, noch außer dem Theater, ohne Furcht füruns selbst seyn kann, ob sie schon ein noth-wendiges Ingredienz des Mitleids ist; so giltdieses doch nicht auch umgekehrt, und das Mit-leid für Andere ist kein Ingredienz der Furcht 50für uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist,höret unser Mitleid aus, und nichts bleibet vonallen den empfundenen Regungen in uns zurück,als die wahrscheinliche Furcht, die uns das be-mitleidete Uebel für uns selbst schöpfen las- oi,fen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie,als Ingredienz des Mitleids, das Mitleid rei-nigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine vorsich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen.Folglich, um anzuzeigen, daß sie dieses thun 60könne und wirklich.thue, fand es Aristotelesfür nöthig, ihrer insbesondere zu gedenken-
Es ist unstreitig, daß Aristoteles über-haupt keine strenge logische Definition von derTragödie geben wollen. Denn ohne sich auf 6adie blos wesentlichen Eigenschaften derselben ein-zuschränken, hat er verschiedene zufällige hinein-gezogen, weil sie der damalige Gebrauch noth-wendig gemacht hatte. Diese indeß abgerechnet,
und die übrigen Merkmahle in einander redu-ciret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärungübrig: die nehmlich, daß die Tragödie, mitEinem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleiderreget. Ihrem Geschlechte nach, ist sie dieNachahmung einer Handlung, so wie die Epo-pöe und die Komödie; ihrer Gattung aber nach,die Nachahmung einer mitleidswürdigen Hand-lung. Aus diesen beyden Begriffen lassen sichvollkommen alle ihre Regeln herleiten, und so-gar ihre dramatische Form ist daraus zu be-stimmen.
An dem letzter,, dürfte man vielleicht zwei-feln. Wenigstens wüßte ich keinen Kunstrichterzu nennen, dem es nur eingekommen wäre, eszu versuchen. Sie nehmen alle die dramatischeForm der Tragödie als etwas Hergebrachtes an,das nun so ist, weil es einmal so ist, und dasman so läßt, weil man es gut findet. Dereinzige Aristoteles hat die Ursache ergründet,aber sie bey seiner Erklärung mehr vorausge-setzt, als deutlich angegeben. „Die Tragödie,"sagt er, „ ist die Nachahmung einer Handlung,— die nicht vermittelst der Erzehlung, sondernvermittelst des Mitleids und der Furcht, dieReinigung dieser und dergleichen Leidenschaftenbewirket." So drückt er sich von Wort zu Wortaus. Wem sollte hier nicht der sonderbareGegensatz: „nicht vermittelst der Erzehlung,sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht,"befremden? Mitleid und Furcht sind die Mit-tel, welche die Tragödie braucht, um ihre Ab-sicht zu erreichen; und die Erzehlung kann sichnur auf die Art und Weise beziehen, sich dieserMittel zu bedienen, oder nicht zu bedienen.Scheinet hier also Aristoteles nicht einenSprung zu machen? Scheinet hier nicht offen-bar der eigentliche Gegensatz der Erzehlung,welches die dramatische Form ist, zu fehlen?Was thun aber die Uebersetzer bey dieser Lücke?Der eine umgeht sie ganz behutsam und derandere füllt sie, aber nur mit Worten. Allefinden weiter nichts darin, als eine vernach-lässigte Wortfügung, an die sie sich nicht haltenzu dürfen glauben, wenn sie nur den Sinn desPhilosophen liefern. Datier übersetzet: ü'uno»otioi, — gui, »uns ls soeours Ü6 Ir> narration,pur lo , 1 , 0 ) 61 , llo In coiupassioi, 6t Ü6 la t6r-r6„r u. s. w.; und Curtius: „einer Hand-lung', welche nicht durch die Erzehlung desDichters, sondern lducch Vorstellung der Hand-lung selbst! uns, vermittelst des Schreckens undMitleids, von den Fehlern der vorgestelltenLeidenschaften reiniget." O, sehr recht > Beydesagen, was Aristoteles sagen will, nur daßsie es nicht so sagen wie er es sagt. Gleich-wohl ist auch an diesem „wie" gelegen: dennes ist wirklich keine blos vernachlässigte Wort-fügung- Kurz: die Sache ist diese: Aristotelesbemerkte, daß das Mitleid nothwendig ein vor-handenes Uebel erfodere; daß wir längst ver-gangene oder fern in der Zukunft bevorstehendeUebel entweder gar nicht, oder doch bey weitemnicht so stark bemitleiden können, als ein an-wesendes, daß es folglich nothwendig sey, dieHandlung, durch welche wir Mitleid erregenwollen, nicht als vergangen, das ist, nicht inder erzehlendcn Form, sondern als gegenwärtig,das ist, in der dramatischen Form nachzuahmen.