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Gotlhold Ephraim Messing.
Und nur dieses, daß unser Mitleid durch dieErzehlung wenig oder gar nicht, sondern fasteinzig und allein durch die gegenwärtige An-schauung erreget wird, nur dieses berechtigteihn, in der Erklärung, anstatt der Form derSache, die Sache gleich selbst zu setzen, weildiese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist.Hätte er es für möglich gehalten , daß unserMitleid auch durch die Erzehlung erreget wer-den könne: so würde es allerdings ein sehrfehlerhafter Sprung gewesen seyn, wenn ergesagt hätte: „nicht durch die Erzehlung, son-dern durch Mitleid und Furcht." Da er aberSprung, der Kürze wegen, erlauben. — Ichüberzeugt war, daß Mitleid und Furcht inder Nachahmung nur durch die einzige dra-matische Form zu erregen sey: so konnte ersich diesen verweise deßfalls auf das nehmlicheneunte Capitel des zweyten Buchs seiner Rhe-torik. ')
Was endlich den moralischen Endzweck an-belangt , welchen Aristoteles der Tragödie giebt,und den er mit in die Erklärung derselben brin-gen zu müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr,besonders in den neueren Zeiten, darüber ge-stritten worden. Ich getraue mich aber zu er-weisen, daß alle, die sich dawider erklärt, denAristoteles nicht verstanden haben. Sie ha-ben ihm alle ihre eigene- Gedanken unter-geschoben, ehe sie gewiß wußten, welches seinewären. Sie bestreiken Grillen, die sie selbstgefangen, und bilden sich ein, wie unwidersprech-lich sie den Philosophen widerlegen, indem sieihr eigenes Hirngespinnste zu Schanden machen.Ich kann mich in die nähere Erörterung dieserSache hier nicht einlassen. Damit ich jedochnicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, willich zwey Anmerkungen machen.
I Sie lassen den Aristoteles sagen, „dieTragödie solle uns, vermittelst des Schreckensund Mitleids, von den Fehlern der vorgestelltenLeidenschaften reinigen." Der vorgestellten?Also, wenn der Held durch Neugierde, oderEhrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird;so ist es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, un-sere Liebe, unser Zorn, welchen die Tragödiereinigen soll? Das ist dem Aristoteles niein den Sinn gekommen. Und so haben dieHerren gut streite»; ihre Einbildung verwan-delt Windmühlen in Riesen; sie jagen, in dergewissen Hoffnung des Sieges, darauf los, undkehren sich an keinen Sancho, der weiter nichtsals gesunden Menschenverstand hat und ihnenauf seinem bedächtlichern Pferde hinten nach-ruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erstdie Augen recht aufzusperren. Dieser und der-gleichen, oder: der erweckten Leidenschaften, sagtAristoteles, und nicht, der vorgestellten Leiden-schaften. Das „dergleichen" beziehet sich lediglichauf das vorhergehende: Mitleid und Furcht; dieTragödie soll unser Mitleid und unsere Furchterregen, blos um diese und dergleichen Leiden-schaften , nicht aber alle Leidenschaften ohne
Unterschied, zu reinigen. Er sagt, aber dieser unddergleichen, und nicht blos, dieser: um anzuzeigen,daß er unter dem Mitleid nicht blos das eigent-lich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt alle5 philanthropische Empfindungen, so wie unterder Furcht nicht blos die Unlust über ein unsbevorstehendes Uebel, sondern auch jede damitverwandte Unlust, auch die Unlust über eingegenwärtiges, auch die Unlust über ein ver-1Ü gangenes Uebel, Betrübniß und Gram, verstehe.In diesem ganzen Umfange soll das Mitleidund die Furcht, welche die Tragödie erweckt,unser Mitleid und unsere Furcht reinigen; aberauch nur diese reinigen, und keine andere15 Leidenschaften. Zwar können sich in der Tra-gödie auch zur Reinigung der anderen Leiden-schaften nützliche Lehren und Beyspiele finden;doch sind diese nicht ihre Absicht: diese hat siemit der Epopöe und Komödie gemein, insofern-2» sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Hand-lung überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tra-gödie, die Nachahmung einer mitleidswürdigenHandlung insbesondere ist. Bessern sollen unsalle Gattungen der Poesie: es ist kläglich, wenn25 man dieses erst beweisen muß; noch kläglicherist es, wenn es Dichter giebt, die selbst daranzweifeln. Aber alle Gattungen können nichtalles bessern; wenigstens nicht jedes so voll-kommen, wie das andere; was aber jede amllo vollkommensten bessern kann, worin es ihr keineandere Gattung gleich zu thun vermag, dasallein ist ihre eigentliche Bestimmung.
II. Da die Gegner des Aristoteles nichtin Acht nahmen, was für Leidenschaften er35 eigentlich, durch das Mitleid und die Furchtder Tragödie, in uns gereinigt haben wollte:so war es natürlich, daß sie sich auch mit derReinigung selbst irren mußten. Aristotelesverspricht am Ende seiner Politik, wo er von4l) der Reinigung der Leidenschaften durch die Musikredet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunstweitläuftiger zu handeln. „Weil man aber,"sagt Corneille, „ganz und gar nichts vondieser Materie darin» findet, so ist der größte45 Theil seiner Ausleger auf die Gedanken gera-then , daß sie nicht ganz auf uns gekommensey." Gar nichts? Ich meines Theils glaube,auch schon in dem, was uns von seiner Dicht-kunst noch übrig, es mag viel oder wenig seyn,5tt alles zu finde», was er einem, der mir seinerPhilosophie sonst nicht ganz unbekannt ist. überdiese Sache zu sagen für nöthig halten konnte.Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns,nach seiner Meinung, Licht genug geben könne,55 die Art und Weise zu entdecken, auf welche dieReinigung der Leidenschaften in der Tragödiegeschehe: nehmlich die, wo Aristoteles sagt,„das Mitleid verlange einen, der unverdientleide, und die Furcht einen unseres Gleichen."<>l> Diese Stelle ist auch wirklich sehr wichtig; nurdaß Corneille einen falschen Gebrauch davonmachte, und nicht wohl anders als machenkonnte, weil er einmal die Reinigung der
») Da jedoch Leiden, die „ah erschauen. Mitleid errege», »in» aber mit rcni, was binnen viele» tausend Jahre»nicht gescheht» ist, Oder erst wieder geschehe» wird, weil man es nicht erwartet, und sich seiner nicht erinnert, gartrin oder nur geringes Mitleid hat; sv müssen nothwendig die, welche durch Gebärden, Töne, Kleidung und über,'baun rnrch äussere Darstellung vcrans.ti»,liehen, stärkeres Mitleid hervorbringen