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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
257-258
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Gotthold Ephraim Lcssing.

Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. „Das mußte, um seinen Aristoteles mit sich durch-Mitleid mit dem Unglücke/ sagt er, „von wel- zubringen. Ich sage, seinen Aristoteles:chem wir unseres Gleichen befallen sehen, er- denn der rechte ist weit entfernt, solcher Dre-weckt in uns die Furcht, daß uns ein ähnliches hungen und Wendungen zu bedürfen. Dieser,Unglück trffen könne; diese Furcht erwecke die 5 um es abermals und abermals zu sagen, hatBegierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde an keine andere Leidenschaften gedacht, welcheein Bestreben, die Leidenschaft, durch welche die das Mitleid und die Furcht der Tragödie rei-

Person, die wir belauern, sich ihr Unglück vor nigen solle, als an unser Mitleid und unsere

unseren Augen zuziehet, zn reinigen, zu mäßi- Furcht selbst; und es ist ihm sehr gleichgültig,gen, zu bessern, ja gar auszurotten; indem 10 ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen

einem Jeden die Vernunft sagt, daß man die Lcidenschafften viel oder wenig beyträgt. An

Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wir- , jene Reinigung hätte sich Dacier allein halten

kung vermeiden wolle." Aber dieses Raisonne- sollen; aber freylich hätte er sodann auch einenment, welches die Furcht blos zum Werkzeuge vollständiger» Begriff damit verbinden müssen,macht, durch welches das Mitleid die Reinigung 15 „Wie die Tragödie," sagt er, „Mitleid und

der Leidenschaften bewirkt, ist falsch, und kann Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu rei-

nnmöglich die Meinung des Aristoteles seyn, nigen, das ist nicht schwer zu erklärn Sie

weil sonach die Tragödie gerade alle Leiden- erregt sie, indem sie uns das Unglück vor

schafften reinigen könnte, nur nicht die zwey, Augen stellet, in das unsers Gleichen durch

die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereini- 20 nicht vorschliche Fehler gefallen sind; und sieget wissen will. Sie könnte unsern Zorn, un- reinigt sie, indem sie .uns mit diesem nehm-sere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, lichen Unglücke bekannt macht, und uns dadurchunsern Haß und unsere Liebe reinigen, so wie lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch all-es die eine oder die andere Leidenschaft ist, durch zusehr davon gerührt zu werden, wenn es unsdie sich die bemitleidete Person ihr Unglück zu- 25 wirklich selbst treffen sollte- — Sie bereitet diegezogen. Nur unser Mitleid und unsere Furcht Menschen, die allerwidrigsten Zufälle muthig zumüßte sie ungereiniget lassen. Denn Mitleid ertragen, und macht die Allerelendesten geneigt,und Furcht sind die Leidenschaften, die in der sich für glücklich zu halten, indem sie ihre Un-Tragödie wir, nicht aber die handelnden Per- glücksfälle mit weit größeren vergleichen, diesonen empfinden; sind die Leidenschaften, durch 30 ihnen die Tragödie vorstellet. Denn in welchenwelche die handelnden Personen uns rühren, Umständen kann sich wohl ein Mensch finden,nicht aber die, durch welche sie sich selbst ihre der bey Erblickung eines Oedips, eines Philoktels,

Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben, in eines Orests, nicht erkennen müßte, daß alle

welchem sie beydes sind: das weis ich wohl. Uebel, die er zu erdulden, gegen die, welche

Aber noch kenne ich kein solches Stück: ein 35 diese Männer erdulden müssen, gar nicht inStück nehmlich, in welchem sich die bemitleidete Vergleichung kommen?" Nun das ist wahr;Person durch ein übelverstandenes Mitleid, oder diese Erklärung kann dem Dacier nicht vieldurch eine übelverstandene Furcht ins Unglück Kopfbrechcns gemacht haben. Er fand sie faststürze. Gleichwohl würde dieses Stück das ein- mit den nehmlichen Worten bey einem Stoiker,zige seyn, in welchem, so wie es Corneille 40 der immer ein Auge auf die Apathie halte,versteht, das geschähe, was Aristoteles will, Ohne ihm indeß einzuwenden, daß das Gefühl

daß es in allen Tragödien geschehen soll: und unseres eigenen Elendes nicht viel Mitleid nebe»

auch in diesem einzigen würde es nicht auf die sich duldet; daß folglich bey dem Elenden, dcs-

Art geschehen, auf die es dieser verlangt. Die- sen Mitleid nicht zu erregen ist, die Reinigung

ses einzige Stück würde gleichsam der Punkt 45 oder Linderung seiner Betrübniß durch das Mil-seyn, in welchem zwey gegen einander sich nei- leid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, sogende gerade Linien zusammentreffen, um sich wie er es sagt, gelten lassen. Nur fragen mußin alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen. ich: wie viel er nun damit gesagt? ob er im

— So gar sehr konnte Dacier den Sinn des geringsten mehr damit gesagt, als daß das Mir-

Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbun- so leid unsere Furcht reinige? Gewiß nicht: undden, auf die Worte seines Autors aufmerksamer das wäre doch nur kaum der vierte Theil derzu seyn, und diese besagen es zu positiv, daß Federung des Aristoteles. Denn wenn

unser Mitleid und unsere Furcht, durch das Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mit-

Mitleid und die Furcht der Tragödie, gereiniget ' leid und Furcht errege, um Mitleid und Furchtwerden sollen Weil er aber .ohne Zweifel 55 zu reinigeil: wer sieht nicht, daß dieses weitglaubte, daß der Nutzen der Tragödie sehr ge- mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut

ring seyn würde, wenn er blos hierauf ein- befunden? Denn nach den verschiedenen Kom-

geschränkc wäre: so ließ er sich verleiten, nach binalionen der hicr^vorkommenden Begriffe, muß

der Erklärung des Corneille, ihr die eben- der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz

mäßige Reinigung auch aller übrigen Leiden- 60 erschöpfen will, stückweise zeigen, 1> wie dasschafften beyzulegen. Wie nun Corneille tragische Mitleid unser Mitleid, 2j wie die lra-

diese für sein Theil leugnete, und in Beyspie- gische Furcht unsere Furcht, 3; wie das tra-ten zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, gische Mitleid unsere Furcht, und 4) wie die

als eine Sache sey, die gewöhnlicher Weise zur tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne

Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm 65 und wirklich reinige. Dacier aber hat sichin diese Beyspiele selbst einlassen, wo er sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch

denn so in der Enge fand, daß er die gemalt- diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur

samsten Drehungen und Wendungen machen zur Heisre erläutert. Denn wer sich um einen

Kurz, Pros. Li>,

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