259 Gotthold Ephraim Lessing. 260
richtigen und vollständigen Begriff von derAristotelischen Reinigung der Leidenschaftenbemüht hat, wird finden, daß jeder von jenenvier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet.Da nehmlich, es kurz zu sagen, diese Reinigungin nichts anders beruht, als in der Verwand-lung der Leidenschaften in tugendhafte Fertig-keiten , bey jeder Tugend aber, nach unsermPhilosophen, sich diesseits und jenseits ein Ex-tremem, findet, zwischen welchem sie inne stehet:so muß die Tragödie, wenn sie unser Mitleidin Tugend verwandeln soll, uns von beydenExtremis des Mitleids zu reinigen vermögendseyn; welches auch von der Furcht zu verstehen.Das tragische Mitleid muß nicht allein, inAnsehung des Mitleids, die Seele desjenigenreinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondernauch desjenigen, welcher zu wenig empfindet.Die tragische Furcht muß nicht allein, in An-sehung der Furcht, die Seele desjenigen reini-gen, welcher sich ganz und gar keines Unglücksbefürchtet, sondern auch desjenigen, den ein jedesUnglück, auch das entfernteste, auch das un-wahrscheinlichste, in Angst setzet. Gleichfallsmuß das tragische Mitleid, in Ansehung derFurcht, dem was zu viel, und dem was zuwenig, steuern : so wie hinwiederum die tra-gische Furcht in Ansehung des Mitleids. Da-tier aber, wie gesagt, hat nur gezeigt, wiedas tragische Mitleid unsere allzu große Furchtmäßige: und noch nicht einmal, wie es demgänzlichen Mangel derselben abhelfe, oder siein dem, welcher allzu wenig von ihr empfindet,zu einem heilsamern Grade erhöhe; geschweige,daß er auch das Uebrige sollte gezeigt haben.Die nach ihm gekommen, haben, was er un-terlassen , auch im geringsten nicht ergänzet;aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung denNutzen der Tragödie völlig außer Streit zusetzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichteüherhaupt, aber keinesweges der Tragödie, alsTragödie, insbesondere zukommen; z. E. daßsie die Triebe der Menschlichkeit nähren undstärken: daß sie Liebe zur Tugend, und Haßgegen das Laster wirken solle, u. s. w.'> Lieber!welches Gedicht sollte das nicht? Soll es aberein jedes, so kann es nicht das unterscheidendeKennzeichen der Tragödie seyn; so kann es nichtdas sey», was wir suchten.
Und nun wieder auf unsern Richard zukommen - Richard also erweckt eben so we-nig Schrecken, als Mitleid: weder Schreckenin sein gemißbrauchten Verstände, für die plötz-liche Ueberraschung des Mitleids; noch in demeigentlichen Verstände des Aristoteles, fürheilsame Furcht, daß uns ein ähnliches Unglücktreffen könne. Denn wenn er diese erregte,würde er auch Mitleid erregen; so gewiß erhinwiederum Furcht erregen würde, wenn wirihn unieres Mitleids nur im geringsten würdigfänden. Aber er ist so ein abscheulicher Kerl,so ein eingefleischter Teufel, in dem wir sovöllig keinen einzigen ähnlichen Zug mit unsselbst finden, daß ich glaube, wir könnten ihnvor unseren Augen den Martern der Hölle
übergeben sehen, ohne das Geringste für ihn zuempfinden, ohne im geringsten zu fürchten, daß,wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechenfolge, sie auch unsrer erwarte. Und was ist end-5 lich das Unglück, die Strafe, die ihn trift?Nach so vielen Missethaten, die wir mit an-sehen müssen, hören wir, daß er mit dem Degenin der Faust gestorben- Als der Königinn die-ses erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen:
10 »Dieß ist etwas! —«
Ich habe mich nie enthalten können, bey mirnachzusprechen : nein, das ist gar nichts i Wiemancher gute König ist so geblieben, indem er15 seine Krone wider einen mächtigen Rebellen be-haupten wollen? Richard stirbt doch, als einMann, auf dem Bette der Ehre, Und so einTod sollte mich für den Unwillen schadlos hal-ten , den ich das ganze Stück durch über den2» Triumph seiner Bosheit empfunden ? (Ich
glaube, die griechische Sprache ist die einzige,welche ein eigenes Wort hat, diesen, Unwillenüber das Glück eines Bösewichts auszudrücken:nomosis, noinosan > Sein Tod selbst, wel-25 cher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befrie-digen sollte, unterhält noch meine Nemesis. Dubist wohlfeil weggekommen I denke ich ; aber gut,daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, alsdie poetische!
36 Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wirwollen den Richard aufgeben; das Stück heißtzwar nach ihm; aber er ist darum nicht derHeld desselben, nicht die Person, durch welchedie Absicht der Tragödie erreicht wird; er hat35 nur das Mittel seyn sollen, unser Mitleid fürAndere zu erregen. Die Königinn, Elisabeth,die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid? —Um allem Wortstreite auszuweichen : ja.Aber was ist es für eine fremde, herbe Em-il) psindung, die sich in mein Mitleid für diesePersonen mischt? die da macht, daß ich mirdieses Mitleid ersparen zu können wünschte?Das wünsche ich mir bey dem tragischen Mit-leid doch sonst nicht; ich verweile gern da-45 bey, und danke dem Dichter für eine so süßeQual.
Aristoteles hat es wohl gesagt, und daswird es ganz gewiß seyn ! Er spricht von einemzti-epov, von einem Gräßlichen, das sich bey dem5l> Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Perso-nen finde. Und sind nicht die Königinn, Eli-sabeth, die Prinzen, vollkommen solche Perso-nen? Was haben sie gethan? wodurch habensie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen55 dieser Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sieein näheres Recht auf den Thron haben, alser? Besonders die kleinen wimmernden Schlacht-opfer, die noch kaum rechts und links unter-scheiden können! Wer wird leugnen, daß sie6» unsern ganzen Jammer verdienen? Aber istdieser Jammer, der mich mit Schaudern an dieSchicksale der Menschen denken läßt, dem Mur-ren wider die Vorsehung sich zugesellet, undVerzweiflung von weitem nachschleicht, ist dieser65 Jammer — ich will nicht fragen, Mitleid? — er
') Herr EurtiuS in seiner Abhandlung von der Absicht dcS Trauerspiel«, hinter der Aristotelischen Dichtkunst.