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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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261-262
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Gotthold Ephraim Messing.

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heiße, wie er wolle - aber ist er das, was einenachahmende Kunst erwecken sollte?

Man sage nicht: erweckt ihn doch die Ge-schichte; gründet er sich doch auf etwas, daswirklich geschehen ist. — Das wirklich geschehenist? es sey: so wird es seinen guten Grund indem ewigen unendlichen Zusammenhange allerDinge haben. In diesem ist Weisheit undGüte, was uns in den wenigen Gliedern, dieder Dichter herausnimt, blindes Geschick undGrausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Glie-dern sollte er ein Ganzes machen, das völligsich rundet, wo eines aus dem andern sich völ-lig erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt,derenwegen wir die Befriedigung nicht in seinemPlane finden, sondern sie außer ihm, in demallgemeinen Plane der Dinge, suchen müssen;das Ganze dieses sterblichen Schöpfers sollte einSchattenriß von dem Ganzen des ewigen Schö-pfers seyn - sollte uns an den Gedanken gewöh-nen , wie sich in ihm alles zum Besten auflöse,werde es auch in jenem geschehen; und er ver-gißt diese seine edelste Bestimmung so sehr, daßer die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit inseinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich un-sern Schauder darüber erregt? — O verschontuns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurerGewalt habt! Wozu diese traurige Empfin-dung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese kannuns nur die kalte Vernunft lehren; und wenndie Lehre der Vernunft in uns bekleiden soll;wenn wir bey unserer Unterwerfung noch Ver-trauen und fröhlichen Muth behalten sollen: soist es höchst nöthig, daß wir an die verwirren-den Beyspiele solcher unverdienten schrecklichenVerhängnisse so weniy, als möglich, errinnertwerden. Weg mit ihnen von der Bühne >Weg, wenn es seyn könnte, aus allen Büchernmit ihnen! —

Wenn nun aber der Personen des Richardskeine einzige die erforderlichen Eigenschaften hat,die sie haben müßten, falls er wirklich das seynsollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohlein so interessantes Stück geworden, wofür ihnunser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleidund Furcht erregt: was ist denn sein; Wir-kung ? Wirkung muß er doch haben, und hatsie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nichtgleichviel, ob er diese, oder ob er jene hat?Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn ersie vergnügt: was will man denn mehr?Müssen sie denn nothwendig nur nach den Re-geln des Aristoteles beschäftiget und ver-gnügt werden? ..

Das klingt so unrecht nicht; aber es istdarauf zu antworten. Ucberhaupt: wenn Ri-chard schon keine Tragödie wäre, so bleibt erdoch ein dramatisches Gedicht; wenn ihm schondie Schönheiten der Tragödie mangelten, sokönnte er doch sonst Schönheiten haben. Poesiedes Ausdrucks; Bilder; Tiraden; kühne Ge-sinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog:glückliche Veranlassungen für den Akteur, denganzen Umfang seiner Stimme mit den man-nigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen,seine ganze Stärke in der Pantomime zu zei-gen, u. s. w. ,

Bon diesen Schönheiten hak Richard viele

und auch noch andere, die den eigentlichenSchönheiten der Tragödie näher kommen.

Richard ist-ein abscheulicher Bösewicht; aberauch die Beschäftigung unseres Abscheues istnicht ganz ohne Vergnügen, besonders in derNachabmung.

Auch das Ungeheuere in den Verbrechen par-ticipiret von den Empfindungen, welche Größeund Kühnheit in uns erwecken.

Alles, was Richard thut, ist Greuel; aberalle diese Greuel geschehen in Absicht auf etwas.Richard hat einen Plan; und überall, wo wireinen Plan wahrnehmen, wird unsere Neugierderege; wir warten gern mit ab, ob er ausge-führt wird werden, und wie er es wird wer-den ; wir lieben das Zweckmäßige so sehr, daßes uns, auch unabhängig von der Moralitätdes Zweckes, Vergnügen gewähret.

Wir wollten, daß Richard seinen Zweck er-reichte ; und wir wollten, daß er ihn auch nichterreichte. Das Erreichen erspart uns das Miß-vergnügen über ganz vergebens angewandteMittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist soviel Blut völlig umsonst vergossen worden; daes einmal vergossen ist, möchten wir es nichtgern auch noch blos vor langer Weile vergos-sen finden. Hinwiederum wäre dieses Errei-chen das Frohlocken der Bosheit; nichts hörenwir ungerner; die Absicht interessirte uns, alszu erreichende Absicht; wenn sie aber nun er-reicht wäre, würden wir nichts als das Ab-scheuliche derselben erblicken; würden wir wün-schen, daß sie nicht erreicht wäre; diesen Wunschsehen wir voraus, und uns schaudert vor derErreichung.

Die guten Personen des Stücks lieben wir;eine so zärtliche feurige Mutter, Geschwister,die so ganz eines in dem andern leben: dieseGegenstände gefallen immer, erregen immer diesüßesten sympathetischen Empfindungen, wir mö-gen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohneSchuld leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwarfür unsere Ruhe, zu unserer Besserung keinsehr ersprießliches Gefühl; aber es ist doch im-mer Gefühl.

Und sonach beschäftiget uns das Stuck durch-aus, und vergnügt durch diese Beschäftigungunsere Seelenkräfte. Das ist wahr; nur dieFolge ist nicht wahr, die man daraus zu ziehenmeinet: nehmlich, daß wir also damit zufriedenseyn können.

Ein Dichter kann viel gethan, und dochnoch nichts damit verthan haben. Nicht genüg,daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: esmuß auch die haben, die ihm, vermöge derGattung, zukommen; es muß diese vornehmlichhaben und alle andere können den Mangel der-selben auf keine Weise ersehen; besonders wenndie Gattung von der Wichtigkeit und Schwie-rigkeit und Kostbarkeit ist, daß alle Mühe undaller Aufwand vergebens wäre, wenn sie weiternichts, als solche Wirkungen hervorbringenwollte, die durch eine leichtere und wenigerAnstalten erfordernde Gattung eben so wohl zuerhalten wären. Ein Bund Stroh aufzubeben,muß man keine Maschinen in Bewegung setzen;was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ichnicht mit einer Mine sprengen wollen; ich muß

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