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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
263-264
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Gotthold (Ephraim Messing. 26 ä^

keinen Scheiterhaufen anzünden, um eine Mücke hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nehmlich,zu verbrennen. daß unsere Stücke nicht Eindruck genug mach-

Wozu die sauere Arbeit der dramatischen ten; daß das, was Mitleid erwecken solle, aufsForm? wozu ein Theater erbauet, Männer und höchste Zärtlichkeit errege; daß Rührung dieWeiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die 5 Stelle der Erschütterung, und Erstaunen dieganze Stadt auf einen Platz geladen? wenn ich Stelle des Schreckens vertrete: kurz, daß un-mit meinem Werke und mit der Aufführung sere Empfindungen nicht tief genug gingen. Esdesselben weiter nichts hervorbringen will, als ist nicht zu leugnen: Saint-Evremont hateinige von den Regungen, die eine gute Er- mit dem Finger gerade auf die heimliche Wundezehlung, von Jedem zu Hause in seinem Winkel 10 des französischen Theaters getroffen. Man sagegelesen, ungefehr auch hervorbringen würde. immerhin, daß Saint-Evremont der Ver-

Die dramatische Form ist die einzige, in faffer der elenden Comödie Sir Politik Wouldbe,

welcher sich Mitleid und Furcht erregen läßt; und noch einer andern eben so elenden, die

wenigstens können in keiner andern Form diese Opern genannt, ist; daß seine kleinen gesell-Leidenschaften auf einen so hohen Grad erreget 15 schaftlichen Gedichte das Kahlste und Gemeinstewerden; und gleichwohl will man lieber alle sind, was wir in dieser Gattung haben; daß erandere darinn erregen, als diese; gleichwohl nichts als ein Phrasendrechsler war: man kannwill man sie lieber zu allem andern brau- keinen Funken Genie haben und gleiwohl vielchcn, als zu dem, wozu sie so vorzüglich ge- Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmackschickt ist. 20 aber war unstreitig sehr fein, da er die Ursache,

Das Publikum nimt vorlieb. — Das ist gut warum die meisten von unseren Stücken sound auch nicht gut; denn man sehnt sich nicht matt und kalt sind, so genau traf. Es hat

sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb uns immer an einem Grade von Wärme ge-nehmen muß. fehlt; das Andere hatten wir Alles."

Es ist bekannt, wie erpicht das griechische 25 Das ist: wir hatten Alles, nur nicht das,und römische Volk auf die Schauspiele waren, was wir haben sollten; unsere Tragödien wa-desonders jenes, aus das tragische. Wie gleich- rcn vortrefflich, nur daß es keine Tragödiengültig, wie kalt ist dagegen unser Kolk für das waren. Und woher kam es, daß sie das nichtTheater! Woher diese Verschiedenheit, wenn waren?

sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor 30 „Diese Kälte aber," fährt er fort, „dieseihrer Bühne sich mit so starken, so außerordent- einförmige Mattigkeit, entsprang zum Theil vonlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie dem kleinen Geiste der Galanterie, der damalsden Augenblick nicht erwarten konnten, sie aber- unter unseren Hofleuren und Damen so herrschte,mals und abermals zu haben: da hingegen wir und die Tragödie in eine Folge von verliebtenuns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke 35 Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmackebewußt sind, daß wir es selten der Zeit und des Cyrus und der Clelie. Was für Stücke

des Geldes werth halten, sie uns zu verschaffen? sich hiervon noch etwa ausnahmen, die bestan-

Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Reugierde, den aus langen politischen Raisonnements, der-aus Mode, aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus gleichen den Sertorius so verdorben, den OthoBegierde zu begaffen und begafft zu werden ins 10 so kalt, und den Surena und Lltila so elendTheater; und nur Wenige, und diese Wenigen gemacht haben. Noch fand sich aber auch einenur sparsam, aus anderer Absicht. andere Ursache,, die das hohe Pathetische von

Ich sage: wir, unser Volk, unsere Bühne; unserer Scene zurückhielt, und die Handlungich meine aber nicht blos uns Deutsche. Wir wirklich tragisch zu machen verhinderte; und dieseDeutsche bekennen es treuherzig genug, daß 15 war, das enge schlechte Theater mit seinen arm-wir noch kein Theater haben. Was viele von seligen Verzierungen- - Was ließ sich auf einemunseren Kunstrichtcrn, die in dieses Bekenntniß Paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit Zu-mic einstimmen und große Verehrer des fcan- schauern angefüllt waren, machen? Mit wel-zösifchen Theaters sind, dabey denken: das kann chcm Pomp, mit welchen Zulüftungen konnteich so eigentlich nicht wissen. Aber ich weis 50 man da die Augen der Zuschauer bestechen,wohl, was i ch dabey denke. Ich denke nehmlich fesseln, täuschen? Welche große tragische Action

dabey, daß nicht allein wir Deutschen, sondern ließ sich da aufführen? Welche Freyheit konnte

daß auch die, welche sich seit hundert Jahren die Einbildungskraft des Dichters da haben?ein Theater zu haben rühmen, ja das beste Die Stücke mußten aus langen ErzehlungenTheater von ganz Europa zu haben prahlen, 55 bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche,— daß auch die Franzosen noch kein Theater als Spiele. Jeder Acteur wollte in einem lan-

haben- gen Monologe glänzen, und ein Stück, das

Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die dergleichen nicht hatte, ward verworfen. — Bey

Eindrücke, welche die französische Tragödie macht,' dieser Form siel alle theatralische Handlung weg;sind so stach, so xE! — Man höre einen Frau- 00 sielen alle die großen Ausdrücke der Leidenschaften,zosen selbst davon sprechen. alle die kräftigen Gemählde der menschlichen

„Bey den ^hervorstechenden Schönheiten un- Unglücksfälle, alle die schreckliche» bis in dassers Theaters, sagt der Herr von Voltaire, Innerste der Seele dringende Züge weg; man„fand sich ein verborgner Fehler, den man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu zer-nicht bemerkt hatte, weil das Publicum von 65 reißen."

selbst keine höhere Ideen haben konnte, als Mit der ersten Ursache hat es seine gute

ihm die großen Meister ^durch ihre Muster Richtigkeit. Galanterie und Politik lassen im-beybrachten. Der einzige Saint-Evremonr mer kalt; und noch ist es keinem Dichter in