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Gotthold Ephraim Lessing.
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der Welt gelungen, die Erregung des Mitleidsund der Furcht damit zu verbinden. Jene lassenuns nichts als den kAt, oder den Schulmeister^ hören; und diese fodern, daß wir nichts alsden Menschen hören sollen.
Aber die zweyte Ursache? — Sollte es mög-lich seyn, daß der Mangel eines geräumlichenTheaters und guter Verzierungen einen solchenEinfluß auf das Genie der Dichter gehabt hatte?Ist es wahr, daß jede tragische Handlung Pompund Zurüstungen erfodert? Oder sollte derDichter nicht vielmehr sein Stück so einrichten,daß es auch ohne diese Dinge seine völlige Wir-kung hervorbrächte?
Nach dem Aristoteles sollte er es aller-dings. „Furcht und Mitleid," sagt der Philo-soph, „läßt sich zwar durchs Gesicht erregen;es kann aber auch aus der Verknüpfung derBegebenheiten selbst entspringen, welches letzterevorzüglicher und die Weise des bessern Dichtersist. Denn die Fabel muß so eingerichtet seyn,daß sie, auch ungesehen, den, der den Verlaufihrer Begebenheiten blos anhört, zu Mitleidund Furcht über diese Begebenheiten bringet,so wie die Fabel des Oedips, die man nuranhören darf, um dazu gebracht zu werden.Diese Absicht aber durch das Gesicht erreichenwollen, erfodert weniger Kunst, und ist derenSache, welche die Vorstellung des Stücks über-nommen."
Wie entbehrlich überhaupt die theatralischenVerzierungen sind, davon will man mit denStücken des Shakespeare's eine sonderbareErfahrung gehabt haben. Welche Stücke brauch-ten, wegen ihrer beständigen Unterbrechung undVeränderung des Orts, des Beystandes derScenen und der ganzen Kunst des Dekorateurswohl mehr, als eben diese? Gleichwohl wareine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie ge-spielt wurden, aus nichts bestanden, als auseinem Vorhänge von schlechtem groben Zeuge,der, wenn er aufgezogen war, die blosen blan-ken, höchstens mit Matten oder Tapeten behan-genen, Wände zeigte; da war nichts als dieEinbildung, was dem Verständnisse des Zuschau-ers und der Ausführung des Spielers zu Hülfekommen konnte; und demohngeachtet, sagt man,waren damals die Stücke des Shakespeareohne alle Scenen verständlicher, als sie es her-nach mit denselben gewesen sind.
Wenn sich also der Dichter um die Ver-zierung gar nicht zu bekümmern hat ; wenn dieVerzierung, auch wo sie nöthig scheinet, ohnebesondern Nachtheil seines Stücks wegbleibenkann: warum sollte es an dem engen, schlech-ten Theater gelegen haben, daß uns die fran-zösischen Dichter keine rührendere Stücke ge-liefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst!
Und das beweiset die Erfahrung. Denn nunhaben ja die Franzosen eine schönere, geräumli-chere Bühne; keine Zuschauer werden mehr dar-auf geduldet; die Coulissen sind leer; der De-korateur hat freyes Feld; er mahlt und bauetdem Poeten Alles, was dieser von ihm ver-langt: aber wo sind sie denn, die wärmerenStücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmei-chelt sich der Herr von Voltaire, daß seineSemiramis ein solches Stück ist? Da ist Pomp
und Verzierung genug, ein Gespenst obendarein;und doch kenne ich nichts Kälteres, als seineSemiramis.
Will ich denn nun aber damit sagen, daßkein Franzose fähig sey, ein wirklich rührendestragisches Werk zu machen? daß der volatileGeist der Ration einer solchen Arbeit nicht ge-wachsen sey? — Ich würde mich schämen, wennmir das nur eingekommen wäre. Deutschlandhat sich noch durch keinen Bouhours lächerlichgemacht. Und ich, für mein Theil, hätte nungleich die wenigste Anlage dazu. Denn ich binsehr überzeugt, daß kein Volk jn her Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andernVölkern erhalten habe. Man sagt zwar: dertiefsinnige Engländer, der witzige Franzose. Aberwer hat denn die Theilung gemacht? Die Na-tur gewiß nicht, die Alles unter Alle gleichvertheilet. Es giebt eben so viel witzige Eng-länder, als witzige Franzosen, und eben so vieltiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige Engländer:der Braß von dem Volke aber ist keines vonbeyden. —
Was will ich denn? Ich will blos sagen,was die Franzosen gar wohl haben könnten,daß sie das noch nicht haben: die wahre Tra-gödie. Und warum noch nicht haben? —Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbstbesser kennen müssen, wenn er es hätte treffenwollen.
Ich meine: sie haben es noch nicht, weil siees schon lange gehabt zu haben glauben. ' Undin diesem Glauben werden sie nun freylich durchetwas bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völ-kern haben; aber es ist keine Gabe der Natur:durch ihre Eitelkeit.
Es geht mit den Nationen, wie mit ein-zelnen Menschen. — Gottsched (man wirdleicht begreifen, wie ich eben hier auf diesenfalle) galt in seiner Jugend für einen Dichter,weil man damals den Bersmacher von demDichter noch nicht zu unterscheiden wußte. Phi-losophie und Critik setzten nach und nach diesenUnterschied ins Helle: und wenn Gottschedmit dem Jahrhunderte nur hätte fortgehenwollen, wenn sich seine Einsichten und sein Ge-schmack nur zugleich mit den Einsichten unddem Geschmacke seines Zeitalters hätten verbrei-ten und läutern wollen: so hätte er vielleichtwirklich aus dem Versmacher ein Dichter wer-den können. Aber da er sich sschon so oft dengrößten Dichter hatte nennen hören, da ihnseine Eitelkeit überredet hatte, daß er es sey:so unterblieb jenes. Er konnte unmöglich er-langen , was er schon zu besitzen glaubte: undje älter er ward, desto hartnäckiger und unver-schämter ward er, sich in diesem träumerischenBesitze zu behaupten.
Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzo-sen ergangen. Kaum riß Corneille ihrTheater ein wenig aus der Barbarey: so glaub-ten sie es der Vollkommenheit schon ganz nahe.Racine schien ihnen die letzte Hand angelegtzu haben; und hierauf war gar nicht mehr dieFrage (die es zwar auch nie gewesen!, ob dertragische Dichter nicht noch pathetischer, nochrührender seyn könne, als Corneille undRacine, sondern dieses ward für unmöglich
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