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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
269-270
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Gotthold Ephraim Lessing.

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Schriftsteller bilde. Ich denke sogar, selbstCicero, wenn er ein besserer Dialogist gewe-sen wäre, würde in seinen übrigen in eins fort-laufenden Schriften so wunderbar nicht seyn.In diesen bleibt die Richtung der Gedankenimmer die nehmliche, die sich in dem Dialogalle Augenblicke verändert. Jene erfordern ei-nen gesetzten, immer gleichen Schritt; dieserverlangt mitunter Sprünge: und selten ist einhoher Springer ein guter ebener Tänzer.

Aber, Herr Hauptpastor, das ist mein Styl,und mein Styl ist nicht meine Logik. — Dochja! Allerdings soll auch meine Logik seyn, wasmein Styl ist: eine Lheaterlogik. So sägenSie. Aber sagen Sie, was Sie wollen: diegute Logik ist immer die nehmliche, man magsie anwenden, woraus man will. Sogar dieArt, sie anzuwenden, ist überall die nehmliche.Wer Logik in einer Komödie zeigt, dem würdesie gewiß auch zu einer Predigt nicht entstehen:so wie der, dem sie in einer Predigt mangelt,nimmermehr mit ihrer Hülfe auch eine nur er-trägliche Komödie zu Stande bringen würde,und wenn er der unerschöpflichste Spaßvogelunter der Sonne wäre. Glauben Sie, daßPater Abraham gute Komödien gemachthätte? Gewiß nicht, denn seine Predigten sindallzu elend. Aber wer zweifelt wohl, daß Mö-llere und Shakespeare vortreffliche Pre-digten gemacht und gehalten hätten, wenn sie,anstatt des Theaters, die Kanzel hätten bestei-gen wollen?

Als Sie, Herr Hauptpastor, den gutenSchlosser wegen seiner Komödien so erbau-lich verfolgten, siel eine doppelte Frage vor.Die eine: darf ein Prediger Komödien machen?Hierauf antwortete ich: warum nicht? wenner kann. Die zweite: darf ein Komödicnschrei-ber Predigten machen? Und darauf war meineAntwort: warum nicht? wenn er will.

Doch wozu alles dieses Geschwätz? Wasgehen mich itzt die Armseligkeiten des Stylsund Theaters an; itzt, da ein so schrecklichesHalsgericht über mich verhangen wird? — Dasteht er, mein unbarmherziger Ankläger, undwiehert Blut und Verdammung, und ich ein-fältiger Tropf stehe bei ihm, und lese ihm ru-hig die Federn vom Kleide. —

Ich muß, ich muß entbrennen, — odermeine Gelassenheit selbst, meine Kälte selbst,machen mich des Vorwurfes werth.

Wie, Herr Hauptpastor? Sie haben dieUnverschämtheit, mir mittelbare und unmittel-bare feindselige Angriffe aus die christliche Re-ligion Schuld zu geben? Was hindert mich,in die Welk zu schreiben, daß alle die hetero-doren Dinge, die Sie itzt an mir verdammen,ich ehedem aus Ihrem eigenen Munde gehörtund gelernt habe? Was hindert mich? EineUnwahrheit wäre der andern werth. Daß ichIhre Stirn nicht habe: das allein hindert mich.Ich unterstehe mich nicht zu sagen, was ichnicht erweisen kann: und Sie — Sie thun allesieben Tage, was Sie nur einen Lag in derWoche thun sollten. Sie schwatzen, vcrläum-den und poltern: für Beweis und Evirtionmag die Kanzel sorgen.

Und die eine» so infamirenden Titel führet,— was enthält diese Goezesche Scharteke?

Nichts enthält sie, als elende Recensionen, diein den freywilligen Beiträgen schon ste-hen, oder werth sind, darin zu stehen. Dochja; sie enthält auch einen zum drittenmale auf-5 gewärmten Brey, den ich längst der Katze vor-gesetzt habe. Und dennoch sollen und müssensich des Herrn Hanplpastors liebe Kinder inChristo diesen beschnüffelten, beleckten Brey wie-der in den Mund schmieren lassen.

10 Ist es von einem rechtschaffenen Gelehrten —ich will nicht sagen, von einem Theologen —begreiflich, daß er, unter einem solchen Titel,widerlegte Beschuldigungen nochmals in die Weltschickt, ohne auf ihre Widerlegung die geringste15 Rücksicht zu nehmen? - „So hat er dennwohl von dieser Widerlegung nichts gewußt?"— O doch! Er weiß sehr wohl, daß sie vor-handen ist; er hat davon gehört: nur gelesenhat er sie noch nicht, und nach dem Feste wird20 es sich zeigen, ob er es für nöthig findet, dar-auf zu antworten. —

Und inzwischen, Herr Hauptpastor, inzwi-schen haben Sie dennoch die Grausamkeit, IhreBeschuldigungen zu wiederholen? in diesem ge-25 schärften Tone zu wiederholen? — Also sindSie allwissend? Also sind Sie untrieglich? —Also kann schlechterdings in meiner Widerlegungnichts stehen, was mich in einem unschuldigerenLichte zeigte? was Sie, einen Theil Ihrerzg Klage zurückzunehmen, bewegen könnte? Also,wie Sie eine Sache einmal ansehen, so, voll-kommen so, sind Sie gewiß, daß Sie dieselbevon nun an bis in Ewigkeit ansehen werden?

In diesem einzigen Zuge, Herr Hauprpastor,35 stehen Sie mir ganz da, wie Sie leibcn undleben. Sie habe» vor dem Feste nicht Zeit, dieVertheidigung des Beklagten zu hören. Siewiederholen die Anklage, und schlagen seinenNamen getrost an den Galgen. Nach dem Feste,40 »ach dem Feste, werden Sie schon sehen, obaus seine Vertheidigung der Name wieder ab-zunehmen ist, oder nicht!

Gegen einen solchen Mann wäre es möglich,die geringste Achtung beyzubehalten? — Einem45 dritten: vielleicht. Aber nicht dem, nach dessenKopfe diese Steine zielen. Gegen einen solchenMann sollte es nicht hinwiederum erlaubt seyn,sich aller Arten von Waffen zu bedienen? WelcheWaffen können meuchelmörderischer seyn, als50 sein Verfahren ist?

Gleichwohl, Herr Hauptpastor, befürchtenSie von mir nur nicht, daß ich die Grenzender Wiedervergclrung überschreiten werde. Ichwerde diese Grenzen noch lange nicht berühren,55 wenn ich von Ihnen auch noch so höhnend, auchnoch so verachtend, auch »och so wegwerfendschreibe. Sie können einen ungesitce ten Geg-ner vielleicht an mir finden: aber sicherlich kei-nen unmoralische».

00 Dieser Unterschied, zwischen ungesittetund unmoralisch, hxx sehr wichtig ist, ob-gleich beide Wörter, ihrer Abkunft nach, voll-kommen das nehmliche bedeuten müßten, sollewig unter uns bleiben. Nur Ihre unmora-65 lische Art zu dispukiren will ich in ihr mög-lichstes Licht zu setzen suchen, sollte es auch nichtanders, als auf die ungefilterste Weise ge-schehen können.

Itzt ist mein Bogen voll: und mehr als