Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
271-272
JPEG-Download
 

271

Gotthold Ephraim Lessing.

272

einen Bogen sollen Sie auf einmal von mir nichterhalten. Es ist erlaubt, Ihnen den Eimerfaulen Wassers, in welchem Sie mich ersäufen

wollen, tropfenweise auf den entblößten Schei-tel fallen zu lassen.

IV. Ernst und Falk.Gespräche für Freymäurer.

Erstes Gespräch.

15

Ernst. Woran denkst du. Freund?

Falk. An nichts.

Ernst. Aber du bist so still.

Falk. Eben darum. Wer denkt, wenn,er genießt? Und ich genieße des erquickenden 2VMorgens.

Ernst. Du hast Recht; und du hättest mirmeine Frage nur zurückgeben dürfen.

Falk. Wenn ich an etwas dächte, würdeich darüber sprechen- Nichts geht über das 25laut denken mit einem Freunde.

Ernst. Gewiß.

Falk. Hast du des schönen Morgens schongenug genossen; fällt dir etwas ein: so sprichdu. Mir fällt nichts ein. 30

Ernst. Gut das! — Mir fällt ein, daß ichdich schon längst um etwas fragen wollen.

Falk- So frage doch.

Ernst. Ist es wahr. Freund, daß du einFreymäurer bist? 35

Falk. Die Frage ist Eines, der keiner ist.

Ernst. Freylich! — Aber antworte mirgeraderzu. — Bist du ein Freymäurer?

Falk. Ich glaube, es zu seyn.

Ernst. Die Antwort ist Eines, der seiner 40Sache eben nicht gewiß ist.

Falk. O doch! Ich bin meiner Sache soziemlich gewiß.

Ernst. Denn du wirst ja wohl wissen, obund wenn und wo und von wem du auf- 45genommen worden.

Falk. Das weis ich allerdings; aber daswürde so viel nicht sage» wollen.

Ernst. Richt?

Falk. Wer nimmt nicht auf und wer wird 50nicht aufgenommen!

Ernst. Erkläre dich.

Falk. Ich glaube, ein Freymäurer zu seyn,nicht sowohl, weil ich von ältern Maurern ineiner gesetzlichen Loge aufgenommen worden; 55sondern weil ich einsehe und erkenne, was undwarum die Freymäurerey ist, wenn und wösie gewesen, wie und wodurch sie befördert odergehindert wird-

E r n st. Und drückst dich gleichwohl so 60zweifelhaft aus? — Ich glaube, einer zuseyn!

Falk. Dieses Ausdrucks bin ich nun sogewohnt. Nicht zwar, als ob ich Mangel aneigener Ueberzeugung hätte, sondern weil ich 65nicht gern mich jemanden gerade in den Wegstellen mag.

Ernst. Du antwortest mir als einemFremden.

Falk. Fremder oder Freund!

Ernst. Du bist aufgenommen, du weißtalles — —

Falk. Andere sind auch aufgenommen, undglauben zu wissen.

Ernst. Könntest du denn aufgenommenseyn, ohne zu wissen, was du weißt?

Falk. Leider! '

Ernst Wie so?

Falk. Weil viele, welche aufnehmen, esselbst nicht wissen; die wenigen aber, die eswissen, es nicht sagen können.

Ernst. Und könntest du denn wissen, wasdu weißt, ohne aufgenommen zu seyn?

Falk. Warum nicht? — Die Freymäure-rey ist nichts Willkührliches, nichts Entbehr-liches ; sondern etwas Nothwendiges, das indem Wesen des Menschen und der bürgerlichenGesellschaft gegründet ist. Folglich muß manauch durch eigenes Nachdenken eben sowohl

darauf verfallen können, als man durch An-leitung darauf geführet wird.

Ernst. Die Freymäurerey wäre nichts

Willkührliches? — Hat sie nicht Worte undZeichen und Gebräuche, welche alle anders seynkönnten, und folglich willkührlich sind?

Falk. Das hat sie. Aber diese Worte unddiese Zeichen und diese Gebräuche sind nicht dieFreymäurerey-

Ernst. Die Freymäurerey wäre nichts

Entbehrliches? — Wie machten es denn die

Menschen , als die Freymäurerey noch, nichtwar?

Falk. Die Freymäurerey war immer.

Ernst. Nun was ist sie denn, diese noth-wendige, diese unentbehrliche Freymäurerey?

Falk. Wie ich dir schon zu verstehen ge-geben: — Etwas, das selbst die, die es wissen,nicht sagen können.

Ernst. Also ein Unding.

Falk. Uebereile dich nicht.

Ernst. Wovon ich einen Begriff habe, daskann ich auch mit Worten ausdrücken.

Falk. Nicht immer; und oft wenigstensnicht so, daß andere durch die Worte vollkommeneben denselben Begriff bekommen, den ich da-bey habe.

Ernst. Wenn nicht vollkommen eben den-selben, doch einen etwanigen.

Falk. Der elwanige Begriff wäre hierunnütz oder gefährlich. Unnütz, wenn er nichtgenug, und gefährlich, wenn er das geringstezu viel enthielte.

Ernst. Sonderbar! — Da also selbst dieFreymäurer, welche das Geheimniß ihres Ordenswissen, es nicht wörtlich mittheilen können.