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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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273-274
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Gottkold Ephraim Lessing.

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wie breiten sie denn gleichwohl ihren Ordenaus?

Falk. Durch Thaten. — Sie lassen guteMänner und Jünglinge, die sie ihres nähernUmgangs würdigen, ihre Thaten vermuthen,errathen - sehen, so weit sie zu sehen sind;diese finden Geschmack daran, und thun ähn-liche Thaten.

Ernst. Thaten? Thaten der Freymäurer?

— Ich kenne keine andere, als ihre Reden undLieder, die meistentheils schöner gedruckt, alsgedacht und gesagt sind.

Falk. Das haben sie mit mehrern Redenund Liedern gemein.

Ernst. Oder soll ich das für ihre Thatennehmen, was sie in diesen Reden und Liedernvon sich rühmen?

Falk. Wenn sie es nicht bloß von sichrühmen.

Ernst. Und was rühmen sie denn vonsich? — Lauter Dinge, die man von jedemgute» Menschen, von jedem rechtschaffenen Bür-ger erwartet. — Sie sind so freundschaftlich,so gutthätig, so gehorsam, so voller Vaterlands-liebe.

Falk. Ist denn das nichts?

Ernst. Nichts! - um sich dadurch vonandern Menschen auszusondern. - Wer soll dasnicht seyn?

Falk. Soll!

Ernst. Wer hat, dieses zu seyn, nicht,auch außer der Freymäurerey, Antrieb undGelegenheit genug?

Falk. Aber doch in ihr, und durch sie,einen Antrieb mehr.

Ernst. Sage mir nichts von der Mengeder Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebealle mögliche intensive Kraft gegeben! - DieMenge solcher Antriebe ist wie die Menge derRäder in einer Maschine. Je mehr Räder, destowandelbarer.

Falk. Ich kann dir das nicht widersprechen.

Ernst. Und was für einen Antrieb mehr!

— Der alle- andere Antriebe verkleinert, ver-dächtig macht! sich selbst für den stärksten undbesten ausgiebt!

Falk. Freund, sey billig! — Hyperbel,Quidproquo jener schalen Reden und Lieder!Probewerk! Jüngerarbeit!

Ernst. Das will sagen: Bruder Rednerist ein Schwätzer.

Falk. Das will nur sagen: was BruderRedner an den Freymäurern preiset, das sindnun freylich ihre Thaten eben nicht. DennBruder Redner ist wenigstens kein Plauderer;und Thaten sprechen von selbst.

Ernst. Ja, nun merke ich, worauf duzielest. Wie konnten sie mir nicht gleich ein-fallen diese Thaten, diese sprechende Thaten!Fast möchte ich sie schreyende nennen. Nichtgenug, daß sich die Freymäurer einer den an-dern unterstützen, auf das kräftigste unterstützen;denn das wäre nur die nothwendige Eigenschafteiner jeden Bande. Was thun sie nicht fürdas gesammte Publikum eines jeden Staats,dessen Glieder sie sind!

Falk. Zum Exempel? — Damit ich dochhöre, ob du auf der rechten Spur bist.

Ernst. Z. E. die Freymäurer in Stock-

.lkurz. Pros. Lit.

Holm! — Haben sie nicht ein großes Findelhauserrichtet?

Falk. Wenn die Freymäurer in Stockholmsich nur auch bey einer andern Gelegenheit thä-5 tig erwiesen haben-

Ernst. Bey welcher andern?

Falk. Bey sonst andern; meine ich.

Ernst. Und die Freymäurer in Dresden!die arme junge Mädchen mit Arbeit beschäftigen,in sie klöppeln und stücken lassen, — damit dasFindelhaus nur kleiner seyn dürfe.

Falk. Ernst! Du weißt wohl, wenn ichdich deines Nahmens erinnere.

Ernst. Ohne alle Glossen dann. — Undt5 die Freymäurer in Braunschweig! die armefähige Knaben im Zeichnen unterrichten lassen.

Falk. Warum nicht?

Ernst. Und die Freymäurer in Berlin!die das Basedowsche Philanthropin unterstützen.20 Falk. Was sagst du? — Die Freymäurer?Das Philanthropin? unterstützen? — Wer hatdir das aufgebunden?

Ernst. Die Zeitung hat es ausposaunet.

Falk. Die Zeitung! — Da müßte ich25 Basedow's eigenhändige Quittung sehen. Undmüßte gewiß seyn, daß die Quittung nicht anFreymäurer in 'Berlin, sondern an d i e Frey-mäurer gerichtet wäre. ,

Ernst. Was ist das? — Billigest du denn30 Basedow's Institut nicht?

Falk. Ich nicht? Wer kann es mehr bil-ligen ?

Ernst. So wirst du ihm ja diese Unter-stützung nicht mißgönnen?

35 Falk- Mißgönnen? — Wer kann ihm allesGute mehr gönnen, als Ich?

Ernst. Nun dann! — Du wirst mir un-begreiflich.

Falk. Ich glaube wohl. Dazu habe ich^0 unrecht. — Denn auch die Freymäurer könnenetwas thun, was sie nicht als Freymäurerthun.

Ernst. Und soll das von allen auch ihrenübrigen guten Thaten gelten?

45 Falk. Vielleicht! - Vielleicht, daß alle dieguten Thaten, die du mir da genannt hast,um mich eines scholastischen Ausdruckes, derKürze wegen, zu bedienen, nur ihre Thatenall oxtra sind.

50 Ernst. Wie meinst du das?

Falk. Nur ihre Thaten, die dem Volke indie Augen fallen; — nur Thaten, die sie bloßdeßwegen thun, damit sie dem Volke in dieAugen fallen sollen.

55 Ernst- Um Achtung und Duldung zu ge-nießen ?

Falk. Könnte wohl seyn.

Ernst- Aber ihre wahre Thaten denn? —Du schweigst?

60 Falk. Wenn ich dir nicht schon geantwor-tet hätte? — Ihre wahre Thaten sind ihr Ge-heimniß.

Ernst. Hai ha> Also auch nicht erklärbardurch Worte?

65 Falk. Nicht wohl! — Nur so viel kannund darf ich dir sagen: die wahren Thaten derFreymäurer sind so groß, so weit aussehend,daß ganze Jahrhunderte vergehen können, eheman sagen kann: das haben sie gethan! Gleich-tat