Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
275-276
JPEG-Download
 

275

Gotthold Ephraim Messing.

276

wohl haben sie alles Gute gethan, was noch inder Welt ist, - merke wohl: in der Welt,-Und fahren fort. an alle dem Guten zu arbei-ten, was noch >» der Welt werden wird, —merke wohl: in der Welt.

Ernst. O geh! Du hast mich zum Besten.

Falk. Wahrlich nicht. — Aber sieh! dortfliegt ein Schmetterling, den ich haben muß.Es ist der von der Wolsmilchsraupe. — Ge-schwind sage ich dir nur noch: die wahrenThaten der Freymäurer zielen dahin, um größ-ten Theils alles, was man gemeiniglich guteThaten zu nennen pfleget, entbehrlich zu machen.

Ernst. Und sind doch auch gute Thaten?

Falk. Es kann keine bessere geben. —Denke einen Augenblick darüber nach. Ich bingleich wieder bey dir.

Ernst. Gute Thaten, welche darauf zielen,gute Thaten entbehrlich zu machen? - Das istein Räthsel. Und über ein Räthsel denke ichnicht nach. — Lieber lege ich mich indeß unterden Baum, und sehe den Ameisen zu.

Zweites Gespräch.

Ernst. Nun? wo bleibst du denn? Undhast den Schmetterling doch nicht?

Falk. Er lockte mich von Strauch zuStrauch, bis an den Bach. Auf einmal warer herüber.

Ernst. Ja, ja. Es giebt solche LockerI

Falk. Hast du nachgedacht?

Ernst- Ueber was? Ueber dein Räthsel?— Ich werde ihn auch nicht fangen, den schönenSchmetterling! Darum soll er mir aber auchweiter keine Mühe machen. — Einmal von derFreymäurcrey mit dir gesprochen, und nie wie-der. Denn ich sehe ja wohl; du bist, wie siealle.

Falk. Wie sie alle? Das sagen diese allenicht.

Ernst. Nicht? So giebt es ja wohl auchKetzer unter den Freymäurern? Und du wäresteiner. — Doch alle Ketzer haben mit den Recht-gläubigen immer noch etwas gemein. Und da-von sprach ich.

Falk. Wovon sprachst du?

Ernst. Rechtgläubige oder ketzerische Frey-mäurer — sie alle spielen mit Worten, undlassen sich fragen, und antworten, ohne zu ant-worten.

Falk. Meinst du? — Nun wohl, so laßuns von etwas anderm reden. Denn einmalhast du mich aus dem behäglichen Zustande desstummen Staunens gerissen. —

Ernst. Nichts ist leichter, als dich in die-sen Zustand wieder zu versetzen. — Laß dich nurhier bey mir nieder, und sieh!

Falk. Was denn?

Ernst. Das Leben und Weben auf und inund um diesen Ameisenhaufen. Welche Geschäf-tigkeit, und doch welche Ordnung! Alles trägtund schleppt und schiebt; und keines ist demandern hinderlich. Sieh nur! Sie helffcn ein-ander sogar.

Falk. Die Ameisen leben in Gesellschaft,wie die Bienen.

Ernst. Und in einer noch wunderbarernGesellschaft, als die Bienen. Denn sie haben

niemand unter sich, der sie zusammen hält unkregieret.

Falk. Ordnung muß also doch auch ohneRegierung bestehen können.

Ernst. Wenn jedes Einzelne sich selbst zuregieren weiß: warum nicht?

Falk. Ob es wohl auch einmahl mit denMenschen dahin kommen wird?

Ernst. Wohl schwerlich!

Falk. Schade,

Ernst. Ja wohl!

Falk. Steh auf, und laß uns gehen. Dennsie werden dich bekriechen die Ameisen; und ebenfällt auch mir etwas bey, was ich bey dieserGelegenheit dich doch fragen muß. — Ich kennedeine Gesinnungen darüber noch gar nicht.

Ernst. Worüber?

Falk. Ueber die bürgerliche Gesellschaft desMenschen überhaupt. — Wofür hältst du sie?

Ernst. Für etwas sehr Gutes.

Falk. Unstreitig. — Aber hältst du sie fürZweck, oder für Mittel?

Ernst. Ich verstehe dich nicht.

Falk. Glaubst du, daß die Menschen fürdie Staaten erschaffen werden? Oder daß dieStaaten für die Menschen sind?

Ernst. Jenes scheine» einige behauptenzu wollen. Dieses aber mag wohl das Wah-rere seyn.

Falk. So denke ich auch. - Die Staatenvereinigen die Menschen, damit durch diese undin dieser Bereinigung jeder einzelne Mensch sei-nen Theil von Glückseligkeit desto besser undsicherer genießen könne- — Das Totale der ein-zelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glück-seligkeit des Staats. Außer dieser giebt es garkeine. Jede andere Glückseligkeit des Staats,bey welcher auch noch so wenig einzelne Gliederleiden, und leiden müssen, ist Bemäntelung derTyranney. Anders nichts!

Ernst. Ich möchte das nicht so laut sagen.

Falk. Warum nicht?

Ernst. Eine Wahrheit, die jeder nach sei-ner eigenen Lage beurtheilet, kann leicht gemiß-braucht werden.

Falk. Weißt du, Freund, daß du schonein halber Freymäurer bist?

Ernst. Ich?

Falk. Du. Denn du erkennst ja schonWahrheiten, die man besser verschweigt.

Ernst. Aber doch sagen könnte.

Falk. Der Weise kann nicht sagen, waser besser verschweigt.

Ernst. Nun, wie du willst, — Laß unsauf die Freymäurer nicht wieder zurück kom-men- Ich mag ja von ihnen weiter nichtswissen.

Falk. Verzeih, — Du siehst wenigstensmeine Bereitwilligkeit, dir mehr von ihnen zusagen-

Ernst. Du spottest.— Gut! das bürger-liche Leben des Menschen, alle Staatsversaffun-gen sind nichts als Mittel zur menschlichenGlückseligkeit. Was weiter?

Falk. Nichts als Mittel! Und Mittelmenschlicher Erfindung; ob ich gleich nicht leug-nen will, daß die Natur alles so eingerichtet,daß der Mensch sehr bald aus diese Erfindunggerathen müssen.

5

1 «

15

-20

25

30

35

40

45

5 »

55

60

65