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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
289-290
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Gotthold Ephraim Lrssing.

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bei) seinem Leisten Muße genug hat, manchenguten Gedanken zu haben (wäre es auch einJacob Böhme und Hans Sachse), laß ihn kom-men, und sich melden! „2a," heißt es, „einSchuster!" freylich-ein Schuster. — Laß einentreuen erfahrenen versuchten Dienstboten kommenund sich melden. - „Ja," heißt es, „dergleichenLeute freylich, die sich die Farbe zu ihrem Rockenicht selbst wählen. — Wir sind unter uns sogute Gesellschaft" —

Falk. Und wie gute Gesellschaft sind sie denn?

Ernst. Ei nun! Daran habe ich allerdingsweiter nichts auszusetzen, als daß es n u r guteGesellschaft ist, die man in der Welt so müdewird — Prinzen, Grafen, Herrn von, Ofsiciere,Räthe von allerley Beschlag, Kaufleute, Künst-ler - alle die schwärmen freylich ohne Unter-schied des Standes in der Loge unter einanderdurch. - Aber in der That sind doch alle nurvon einem Stande, und der ist leider — —

Falk. Das war nun wohl zu meiner Zeitnicht so — Aber doch! — Ich weiß nicht, ichkann nur rathen — Ich bin zu lange Zeit außeraller Berbindung mit Logen, von welcher Artsie auch seyn mögen — In die Loge vorjetzt, auf eine Zeit, nicht können zugelassenwerden, und von der Freymaurerey aus-geschlossen seyn, sind doch zwey verschiedeneDinge.

Ernst. Wie so?

Falk. Weil Loge sich zur Freymaurereyverhält, wie Kirche zum Glauben. Aus demäußern Wohlstände der Kirche ist für den Glau-ben der Glieder nichts, gar nichts, zu schließen.Vielmehr giebt es einen gewissen äußerlichenWohlstand derselben, von dem es ein Wunderwäre, wenn er mir dem wahren Glauben be-stehen könnte- Auch haben sich beyde noch nievertragen, sondern eins hat das andere, wiedie Geschichte lehrt, immer zu Grunde gerich-tet. Und so auch, fürchte ich, fürchte ich -

Ernst. Was?

Falk. Kurz! Das Logenwesen, so wie ichhöre, daß es itzt getrieben wird, will mir garnicht zu Kopfe. Eine Casse haben; Capitalemachen; diese Capitale belegen; sie auf denbesten Pfennig zu benutzen suchen; sich ankaufenwollen; von Königen und Fürsten sich Privile-gien geben lassen; das Ansehen und die Gewaltderselben zu Unterdrückung der Brüder anwen-den, die einer andern Observanz sind, als der,die man so gern zum Wesen der Sache machenmöchte - Wenn das in die Länge gut geht!— Wie gern will ich falsch prophezeyhet haben!

Ernst- Je nun! Was kann denn werden?Der Staat fährt itzt nicht mehr so zu- Undzudem sind ja wohl unter den Personen, dieseine Gesetze machen, oder handhaben, selbstschon zu viel Freymaurer -

Falk. Gut! Wenn sie also auch von demStaate nichts zu befürchten haben, was denkstou, wird eine solche Verfassung für Einfluß aufsie selbst haben? Gerathen sie dadurch, nichtoffenbar wieder dahin, wovon sie sich losreißenwollten? Werden sie nicht aufhören zu sey»,was sie seyn wollen? — Ich weiß nicht, ob dumich ganz verstehst -

Ernst. Rede nur weiter!

Falk. Zwar! — ja wohl — nichts dauert

Kur;. Pros. Sll.

ewig — Vielleicht soll dieses eben der Weg seyn,den die Vorsicht ausersehen, dem ganzen jetzi-gen Schema der Freymaurerey ein Ende zumachen -

5 Ernst. Schema der Freymaurerey? Wasnennst du so? Schema?

Falk. Nun! Schema, Hülle, Einkleidung.

Ernst. Ich weiß noch nicht —

Falk. Du wirst doch nicht glauben, daßlO die Freymaurer immer Freymaurerey gespielt?

Ernst. Was ist nun das? Die Freymaurernicht immer Freymaurerey gespielt?

Falk. Mit andern Worten! Meinst dudenn, daß das, was die Freymaurerey ist, im-15 mer Freymaurerey geheißen? - Aber sieh! SchonMittag vorbei! Da kommen ja bereits meineGäste! Du bleibst doch?

Ernst. Ich wollte nicht, aber ich muß janun wohl, denn mich erwartet eine doppelte20 Sättigung.

F a lk. Nur bei Tische, bitte ich, kein Wort.

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Fünftes Gespräch.

Ernst. Endlich sind sie fort! — O dieSchwätzer! — Und merktest du denn nicht, oderwolltest du nicht merken, daß der eine mit derWarze an dem Kinn — heiße er, wie er will!— ein Freymaurer ist? Er klopfte so oft an.

Falk Ich hörte ihn wohl. Ich merktesogar in seinen Reden, was dir wohl nicht soaufgefallen - Er ist von denen, die in Europafür die Amerikaner fechten —

Ernst. Das wäre nicht das Schlimmstean ihm.

Falk. Und hat die Grille, daß der Kon-greß eine Loge ist; daß da endlich die Frcy-maurer ihr Reich mit gewafneter Hand gründen.Ernst. Giebt es auch solche Träumer?Falk. Es muß doch wobl.

Ernst. Und woraus nimmst du diesenWurm ihm ab?

Falk Aus einem Zuge, der dir auch schoneinmal kenntlicher werden wird.

Ernst. Bei Gott! wenn ich wüßte, daßich mich in den Freymaurcrn gar so betrogenhätte I -

Falk. Sey ohne Sorge. Der Freymaurererwartet ruhig den Aufgang der Sonne, und50 läßt die Lichter brennen, so lange sie wollenund können. - Die Lichter auslöschen, undwenn sie ausgelöscht sind, erst wahrnehmendaß man die Stümpfe doch wieder anzündenoder wohl gar andere Lichter wieder aufsteckenmuß: das ist der Freymaurer Sache nichtErnst. Das denke ich auch. - Was Blutkostet, ist gewiß kein Blut werth.

Vortrefflich! — Nuii frage, wasdu willst! ^ich muß dir antworten.

Ernst. So wird meines Fragens kein Endeseyn.

Falk. Nur kannst du den Ansang nichtfinden.

verstand ich dich, oder verstand65 ich dich nicht, als wir unterbrochen wurden?Widersprichst du dir, oder widersprichst du dirnicht? - Denn allerdings, als du mir einmalsagtest: Die Freymaurerey sey immer ge-wesen, verstand ich es also, daß nicht allein10

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