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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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291-292
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Gotthold Ephraim Lessing.

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ihr Wesen, sondern nuch ihre gegenwärtigeVerfassung sich von undenklichen Zeiten Her-schreibe.

Falk. Wenn es mit beide» einerley Be-wandtniß hätte! — Ihrem Wesen nach ist dieFreymaurerey eben so alt, als die bürgerlicheGesellschaft. Beide konnten nicht anders alsmit einander entstehen. Wenn nicht gar diebürgerliche Gesellschaft nur ein Sprößling derFreymaurerey ist; denn die Flamme im Brenn-punkte ist auch Ausfluß der Sonne.

Ernst. Auch mir schimmert das so vor.—

Falk. Es sey aber Mutter und Tochter,oder Schwester und Schwester; ihr beiderseitigesSchicksal hat immer wechselseitig in einandergewürkt. Wie sich die bürgerliche Gesellschaft be-fand, befand sich aller Orten auch die Freymau-rerey, und so umgekehrt. Es war immer dassicherste Kennzeichen einer gesunden, nervösenSlaatsverfassung, wenn sich die Freymaurereyneben ihr blicken ließ; so wie es noch jetzt dasunfehlbare Merkmal eines schwachen, furchtsa-men Staats ist, wenn er das nicht öffentlichdulden will, was er in Geheim doch dulden muß,er mag wollen oder nicht.

Ernst. Au verstehen: die Freymaurerey!

Falk. Sicherlich! — Denn die beruht imGrunde nicht auf äußerliche Verbindun-gen, die so leicht in kürzerl iche'Anord-nungen ausarten; sondern auf das Gefühlgemeinschaftlich sympathisirender Geister.'

Ernst. Und wer unterfängt sich, denen zugebieten!

Falk. Indeß hat freylich die Freymaurereyimmer und aller Orten sich nach der bürgerli-chen Gesellschaft schmiegen und biegen müssen;denn diese war stets die stärkere. So mancher-ley die bürgerliche Gesellschaft gewesen, so man-cherley Formen hat auch die Freymaurerey an-zunehmen sich nicht entbrechen können; nurhatte jede neue Form, wie natürlich, ihrenneuen Namen. Wie kannst du glauben, daßder Name Freymaurerey älter seyn werde, alsdiejenige herrschende Dcnkungsart der Staaten,nach der sie genau abgewogen worden?

Ernst. Und welches ist diese herrschendeDcnkungsart?

Falk. Das bleibt deiner eigenen Nachfor-schung überlassen- - Genug, wenn ich dir sage,daß der Name Freymaurer, ein Glied unserergeheimen Verbrüderung anzuzeigen, vor demAnfange dieses laufenden Jahrhunderts nie ge-hört worden. Er kömmt zuverlässig vor dieserZeit in keinem gedruckten Buche vor, und denwill ich sehen, der mir ihn auch nur in einergeschriebenen älteren Urkunde zeigen will.

Ernst. Das heißt: den deutschen Namen.

Falk. Rein, nein! auch das ursprünglicheI?roe-»l»svn, so wie alle darnach gemodelte

Übersetzungen, >» welcher Sprache es auch seynmag.

Ernst. Nicht doch! — Besinne dich. — Inkeinem gedruckten Buche vor dem Anfange destaufenden Jahrhunderts? In keinem?

Falk. In keinem.

Ernst- Gleichwohl habe ich seihst -

Falk. So? - Ist auch dir von dem Staubeetwas in die Augen geflogen, den man um sichzu werfen noch nicht aufhört?

Ernst. Aber doch die Stelle in -

Falk. In der Londinopolis? Nicht wahr?— Staub!

Ernst. Und die Parlamentsakte unter Hein-5 rieh dem Sechsten?

Falk. Staub!

Ernst. Und die großen Privilegia, die Karlder Eilfte, König von Schweden, der Loge vonGothenburg ertheilte?

10 Falk. Staub!

Ernst, und Locke?

Falk. Was für eine Locke?

Ernst. Der Philosoph. — Sein Schreibenan den Grafen von Pembrock; seine Anmerkun-15 gen über ein Verhör, von Heinrich des Sechsteneigener Hand geschrieben?

Falk. Das muß ja wohl ein ganz neuerFund seyn; den kenne ich nicht. — Aber wiederHeinrich der Sechste? — Staub! und nichts als20 Staub!

Ernst- Nimmermehr!

Falk. Weißt du einen gelinderen Namenfür Wortverdrehungen, für untergeschobene Ur-kunden?

25 Ernst. Und das hätten sie so lange vorden Augen der Welt ungerügt treiben dürfen?

Falk. Warum nicht? Der Klugen sindviel zu wenig, als daß sie allen Geckereien,gleich bei ihrem Entstehen, widersprechen könn-»0 ten- Genug, daß bei ihnen keine VerjährungStatt findet. - Freylich wäre es besser, wennman vor dem Publiko ganz und gar keine Gecke-reien unternähme; denn gerade das Verächtlichsteist, daß sich niemand die Mühe nimmt, sich ih-35 nen entgegen zu stellen, wodurch sie mit demLaufe der Zeit das Ansehen einer sehr ernsthaf-ten, heiligen Sache gewinnen. Da heißt esdann über tausend Jahre: „Würde man dennso in die Welt haben schreiben dürfen, wenn es40 nicht wahr gewesen wäre? - Man hat diesenglaubwürdigen Männern damals nicht wider-sprochen, und Ihr wollet Ihnen itzt wider-sprechen?"

Ernst. O Geschichte! O Geschichte! Was45 bist du?

Falk. Andersens kahle Rhapsodie, in wel-cher die Historie der Baukunst für die Historiedes Ordens untergeschoben wird, möchte nochhingehen! Für einmal, und für damals mochte50 das gut seyn. — Dazu war die Gaukeley sohandgreiflich. — Aber daß man noch jetzt aufdiesem morastigen Grunde forlbauet; daß mannoch immer gedruckt behaupten will, wasman mündlich gegen einen ernsthaften Mann55 vorzugeben sich schämt; daß man zu Fortsetzungeines Scherzes, den man längst härte sollenfallen lassen, sich eine lftrgorz' erlaubt, aufwelche, wenn sie' ein nichtswürdigcs bürgerlichesInteresse betrifft, die pillorg- steht -60 Ernst. Wenn es denn nun aber wahrwäre, daß hier mehr als Wortspiel vorwaltete?Wenn es nun wahr wäre, daß das Geheimnißdes Ordens sich von Alters her unter dem ho-monymen Handwerke vornemlich erhallen hätte?65 Falk. Wenn es wahr wäre?

Ernst- Und muß es nicht wahr seyn? —Denn wie käme der Orden sonst dazu, dieSymbole eben dieses Handwerks zu entlehnen?Eben dieses? Und warum keines anderen?